Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie: Schlag zwölf und kein gutes Ende

Wenn sich das Kanzleramt anfühlt wie die UNO: Ewig reden, wenig beschließen, und gleichzeitig wissen, dass wir eigentlich viel mehr brauchen.

Müller, Merkel und Söder.

„...sonst wird das kein gutes Ende nehmen“, Merkel bei einer Pressekonferenz am 14. Oktober Foto: Stefanie Loos/reuters

Ich bin ein großer Freund der Routine. Beim Essen sitze ich immer am selben Platz, ich arbeite seit 27 Jahren für dieselbe Zeitung. Deshalb hat mich die Absage der diesjährigen UN-Klimakonferenz schwer getroffen. Mir fehlt einfach irgendwie die Routine zum Jahresende aus mieser Stimmung, schlechten Essen und nichts sagenden Beschlüssen.

Nur am Mittwochabend war es plötzlich so wie bei der UNO. Erst warteten wir stundenlang auf eine Entscheidung. Dann traten die VerhandlerInnen (eine aus einem Industrieland, einer aus dem armen Osten, einer aus dem Globalen Süden) vor die Kameras. Und sagten, was man bei UN-Gipfeln so formuliert: The time to act is now!

Allen voran natürlich Markus Söder: „Vielleicht ist es gar nicht fünf vor zwölf, sondern Schlag zwölf, um jetzt die Weichen richtig zu stellen.“ Ich dachte an die Feuer, die gerade mitten in einer Rekorddürre Kalifornien niederbrennen. An unsere heimischen Hitzesommer mit gesperrten Wäldern und Parks, weil den sterbenden Bäumen die Äste abfallen. Und an das halbherzige Klimapaket der Bundesregierung. „Ob das reicht, ist meiner Meinung nach offen“, sagte Söder.

„Das wir kein gutes Ende nehmen“. Das denke ich auch oft.

Dann kam Angela Merkel: „Meine Unruhe ist mit dem heutigen Tag noch nicht weg“, sagte die Bundeskanzlerin. Ich dachte an die Rückkehr des Forschungsschiffs „Polarstern“ aus der Arktis, wo das Forscherteam „dem Eis beim Sterben zugesehen hat“, wie ein Experte sagte. Und an die Berichte von einem Nordpolsommer, der 10 Grad zu warm war. Wenn die Anstrengungen nicht ausreichten, dann müsse „nachgeschärft“ werden, „sonst wird das kein gutes Ende nehmen“, sagte Merkel.

Mir fiel das Gutachten ein, das Fridays for Future am Montag vorgestellt hatten: Um das 1,5-Grad-Ziel zu halten, müsse Deutschland CO2 siebenmal teurer machen, Häuser viermal schneller sanieren und Ökostrom viermal stärker ausbauen. Sonst nimmt das kein gutes Ende mit den 1,5 Grad.

Später meldete sich Kanzleramtsminister Helge Braun: „Ein wichtiger Schritt, aber nicht ausreichend.“ Ich dachte an den Vorschlag auf dem EU-Gipfel am Donnerstag, die CO2-Emissionen bis 2030 um 55 oder 60 Prozent zu senken. Und daran, dass es für 1,5 Grad eigentlich minus 85 Prozent sein müssten.

Schließlich ergriff Michael Müller das Wort. Der Regierende Oberberliner wetterte: „Was können wir eigentlich noch tun, um jedem begreiflich zu machen: Wir sind in einer weltweiten Krise. Und in einer weltweiten Krise gibt es Einschränkungen.“

Ich dachte daran, dass Australien gerade die Hälfte seiner Korallen im Great Barrier Riff als tot meldet. Und an Einschränkungen in Form von verbotenen Ölheizungen, Inlandsflügen und Verbrennungsmotoren. Wohltuende Routine umgab mich.

Dann aber sagte Müller: 80 bis 90 Prozent der Bevölkerung „verhalten sich sehr verantwortungsbewusst“. Moment mal, dachte ich: Reden die vielleicht gar nicht vom Klima?

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Jahrgang 1965. Seine Schwerpunkte sind die Themen Klima, Energie und Umweltpolitik. Wenn die Zeit es erlaubt, beschäftigt er sich noch mit Kirche, Kindern und Konsum. Für die taz arbeitet er seit 1993, zwischendurch und frei u.a. auch für DIE ZEIT, WOZ, GEO, New Scientist. Autor einiger Bücher, Zum Beispiel „Tatort Klimawandel“ (oekom Verlag) und „Stromwende“(Westend-Verlag, mit Peter Unfried und Hannes Koch).

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