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„Marmor, Quecksilber, Nebel“Der Ursprung der Welt, die Grenzen der Sprache

In „Marmor, Quecksilber, Nebel“ kreist Judith Schalansky um die Frage, ob sich die Weltgeschichte aus einem einzelnen Gegenstand entfalten lässt.

Nebel als Sinnbild des Undurchsichtigen, das sowohl den Ursprung der Welt als auch die Grenzen von Wissen und Sprache markiert Foto: Fikret Delal/imago

Es ist eine ebenso verlockende wie weitreichende Überlegung, die Judith Schalansky formuliert, gleich am Anfang ihres jüngst veröffentlichten Buchs „Marmor, Quecksilber, Nebel: Woraus die Welt gemacht ist“: Ließe sich die gesamte Weltgeschichte nicht aus einem einzelnen Gegenstand entfalten? Oder anders: Stecken nicht in jedem Ding zugleich alle Herrlichkeit und alles Verhängnis?

Auslöser des Gedankens ist eine Irritation. Während der Fahrt mit einer Fähre durch das Thrakische Meer war der Blick der Autorin und Buchgestalterin im gleißenden Licht eines griechischen Augustmorgens auf einen immensen Marmorblock gefallen.

Der glatte, gleichermaßen erhabene wie banale Quader auf der Ladefläche eines Lkw löste in ihr eine Erschütterung aus, die dazu drängte, ihn zu vermessen oder anzubeten. Um weder dem einen noch dem anderen zu erliegen, nimmt die Autorin ihn zum Ausgangspunkt einer gedanklichen Erkundung der Stofflichkeit der Welt.

Das Buch

Judith Schalansky: „Marmor, Quecksilber, Nebel: Woraus die Welt gemacht ist“. Suhrkamp, Berlin 2026, 176 Seiten, 24 Euro

In drei, auf ihren 2025 gehaltenen Frankfurter Poetikvorlesungen basierenden Kapiteln, die zwischen Essay und Erzählung oszillieren, folgt sie Beunruhigungen der Gegenwart in die kulturgeschichtliche Bewältigung von Wirklichkeit und Materialität. Lose Fluchtpunkte sind die titelgebenden Stoffe Marmor, Quecksilber und Nebel.

Ovids Metamorphosen und die Sage von Pygmalion

Von der Fähre im Meer führt der Marmorblock Schalansky über die Steinbrüche von Thassos in die marmorverkleideten Säle der Berliner Staatsbibliothek, den Ort ihres Arbeitens. Von dort folgt sie geistesgeschichtlichen Vektoren bis zu Ovids Metamorphosen und der Sage von Pygmalion. Über dessen Beziehung zu einer von ihm erschaffenen und zum Leben erweckten Marmorfrau gelangt Schalansky zum Prozess von Avignon und Gisèle Pelicot. Beides zeige, dass die Überhöhung der Frauen kaum weniger fatale Folgen haben könne als ihre Erniedrigung. Freilich bestehen Unterschiede.

Das mäandernde Verfahren setzt sich im gesamten Buch fort, wendet sich aber anderen Gegenständen zu. Mehr noch als der Marmor fungiert das Quecksilber im folgenden Kapitel als motivisches Echo. Wie das Element, das immer wegzuspringen scheint, wenn man es zu fassen sucht, und sich doch im Organismus ablagert, sickert es in den Text ein.

In ihm geht es um eine Vortragsreise nach Guadalajara, die Schalansky zu Reflexionen über die Bedeutung des Obskuren für die Tradierung von Wissen veranlasst und in einer Erregung über Dichtung und Wahrheit mündet. Während traditionelle Bereiche der Wissensbildung sich wie die Stimme der Autorin während ihres Vortrags in einer Kunsthochschule aufzulösen beginnen, findet sie im mexikanischen Wrestling eine unerwartete Wahrhaftigkeit.

Der Nebel wird zum Sinnbild des Undurchsichtigen, das sowohl den Ursprung der Welt als auch die Grenzen von Wissen und Sprache markiert.

Schöpferische Unordnung

Wie im ersten Kapitel erweist sich die Fremde als Ort, der die Begriffe von Dichtung und Wahrheit in schöpferische Unordnung bringt. Auch der dritte Abschnitt ist mit einem Blickwechsel verbunden, der Erinnerung an einen fragwürdigen Besuch des Brockens und seine nebelverhangene Spitze. Das atmosphärische Phänomen, das durch Verhüllung und Verfremdung die Dinge neu erkennbar werden lässt, verwebt Schalansky mit der Sehnsucht nach Erkenntnis.

Der Nebel wird zum Sinnbild des Undurchsichtigen, das sowohl den Ursprung der Welt als auch die Grenzen von Wissen und Sprache markiert. Schalansky montiert Formen der Welterschließung von frühen Orakelsprüchen und Texten neuzeitlicher Enzyklopädien mit der Geschichte computergestützter Sprachmodelle als Vorläufer sogenannter künstlicher Intelligenz.

Letzterer begegnet sie mit Skepsis, nicht nur, weil ihre industrielle Infrastruktur vom Rechenzentrum bis zum Bergbau hinter Begriffen wie Cloud und Stream verschleiert werde, sondern weil sie Denken lediglich mathematisch nachahmen und ordneten.

Wild wucherndes Wissen

Judith Schalansky hält dem ein Verständnis menschlicher Weltaneignung entgegen, das sich durch das Unvorhergesehene auszeichnet. Sie sieht den Ort dieses wild wuchernden Wissens im Buch, und in der Poesie den womöglich letzten Ort, an dem Forschung unordentlich sein dürfe. Ob sich so aus jedem einzelnen Ding die Welt entfalten lässt, mag dahingestellt sein. Dass bereits im Versuch eine eigene Wahrheit liegt, stellt ihr Buch eindrucksvoll unter Beweis.

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