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Magdalenen-Wäschereien in Irland„Wir waren Sklavinnen“

Mary Merritt wuchs unter Nonnen auf. Sie wurde eingesperrt und ausgebeutet, mit anderen Frauen, die als ausgestoßen galten. Das hatte System.

Hier gedenkt Mary Merritt mit Überlebenden der Magdalenen-Wäscherei an deren Opfer Foto: Niall Carson/picture alliance
Ralf Sotscheck

Aus Dublin

Ralf Sotscheck

Der Raum ist kaum größer als eine Telefonzelle. Es ist dunkel, nur ein kleines, elektrisches Kreuz eines Heiligen-Herz-Bildes leuchtet rot. Aus einem leeren Bildschirm ertönte eine Frauenstimme. Sie gehört Mary Merritt, sie erzählt die Geschichte ihres Lebens. Es ist keine schöne Geschichte.

Bevor man sie hören darf, muss man in der Bibliothek des Little Museum am Dubliner St. Stephen’s Green ein Formular unterschreiben: „Ich bin über 18 Jahre alt. Ich bin mir bewusst, dass diese Installation eine Geschichte erzählt, die manche Menschen als sehr verstörend empfinden. Ich leide nicht unter Klaustrophobie oder anderen Beschwerden, die mich daran hindern könnten, einen kleinen, dunklen Raum zu betreten. Ich betrete die Installation aus freiem Willen.“

Dann drückt einem der Museums-Kurator Daryl Hendley Rooney einen abgenutzten braunen Ledergürtel in die Hand. Was es damit auf sich hat, erfährt man später. Man wird in den kleinen Raum geführt und setzt sich auf einen Holzstuhl. Für die nächsten 16 Minuten ist man allein mit Mary Merritts Stimme. „Du kannst jederzeit gehen“, so beginnt sie ihre Geschichte, und so heißt auch die Installation. Manchmal leuchtet kurz ein Foto aus Marys Vergangenheit auf, zum Beispiel von ihrer Tochter Carmel, die ihr nach der Geburt weggenommen wurde und die sie erst 38 Jahre später wiedergesehen hat.

„Bis heute weiß ich nicht, wer meine Mutter ist“

Doch der Reihe nach. Geboren wurde Merritt als Mary O’Conor in einem Arbeitshaus in Dublin. Im Alter von zwei Jahren kam sie in ein Waisenhaus der Sisters of Mercy in Ballinasloe in der Grafschaft Galway. „Bis heute weiß ich nicht, wer meine Mutter ist“, erzählt sie. Mary hatte wiederholt versucht, es herauszufinden, aber niemand konnte ihr etwas über ihre Herkunft sagen.

„Wenn ich im Alter von zwei Jahren in eine Industrieschule geschickt wurde und unter Vormundschaft stand, dachte ich, müssten die Gerichte doch etwas haben.“ Sie gab den Nonnen alle Namen der Kinder, die mit ihr in der Industrieschule waren. „Keiner dieser Namen war in den Büchern der Kirche für unsere Erstkommunion zu finden. Aber ich erinnere mich daran, als wäre es gestern gewesen.“

Spezielle Schulen für verwaiste oder vernachlässtigte Kinder

Später schickte man sie auf eine „Industrial School“, aber unterrichtet wurde sie nicht. Industrieschulen waren Internate für vernachlässigte, verlassene oder verwaiste Kinder. Sie wurden meist von religiösen Orden geleitet und fungierten auch als Strafanstalten für jugendliche Straftäter.

Ab ihrem zehnten Lebensjahr musste Mary auf dem Bauernhof des Klosters arbeiten: „Ich musste 270 Hühner füttern und jeden Tag die Hühnerställe ausmisten. Ich musste zur Molkerei gehen und eine halbe Meile mit zwei Eimern Kartoffeln für das Kloster laufen. Ich musste drei Flure im Kloster schrubben. Ich musste jeden Tag zwei Eimer Trinkwasser für die Nonnen von der Pumpe holen.“

Sie wurde oft geschlagen – als Strafe für kleinere Vergehen, die man ihr unterstellte. „Ich habe mich immer gewehrt“, sagt sie. „Schon als Kind war ich rebellisch.“ Einmal schlug eine Nonne ohne Grund mit dem Ledergürtel auf ihre Hüften und den Rücken, die Narben trug sie ihr Leben lang.

Mit 16, erzählt Mary, schlich sie sich mit vier anderen Mädchen eines Nachts hinaus und klaute ein paar Äpfel aus dem benachbarten Obstgarten. Am nächsten Morgen befahlen ihr die Nonnen, sie solle ihre Sachen packen: „Du wirst nach Dublin gebracht.“ Sie wurde in einen Zug gesetzt, flankiert von zwei Nonnen in voller Tracht. Es war der 7. Januar 1947, der kälteste Winter seit Menschengedenken. In Dublin wartete ein Taxi auf sie.

Es brachte sie zum High Park in Drumcondra im Norden der Stadt, einer Magdalenen-Wäscherei, die 100 Jahre zuvor als Schule für Frauen gebaut worden war. „Wir wären besser dran gewesen, wenn wir ins Gefängnis gekommen wären“, sagt sie. „Dann hätten wir wenigstens gewusst, wann wir wieder herauskommen, und wir hätten ein bisschen Geld bekommen. Aber wir haben nie einen Penny gesehen.“ Die Nonnen gaben ihr den Namen „Attracta 63“.

Enger Raum mit viel erdrückender Geschichte Foto: Ralf Sotscheck

Hartes leben im Kloster

Die Arbeitsbedingungen waren hart. „Wir standen morgens um 6 Uhr auf, um zur Messe zu gehen“, erzählt sie. „Dann bekamen wir ein kleines Frühstück, ein bisschen Haferbrei, gingen hinunter in die Wäscherei und arbeiteten dort bis 12 Uhr. Mittags gab es Kohl und Kartoffeln, danach gingen wir wieder in die Wäscherei und arbeiteten dort bis sieben Uhr.“ Sie wuschen die Wäsche für das Justizministerium und den Palast des Präsidenten, für Hotels und Krankenhäuser, für Internate und Colleges. „Wir waren Sklavinnen“, sagt sie.

Ähnliche Wäschereien gab es überall in Irland. Sie sind nach der biblischen Figur Maria Magdalena benannt, angeblich eine reuige Prostituierte, was sie zur Schutzpatronin für „gefallene Frauen“ machte. Diese Einrichtungen, in denen seit Gründung des Staates im Jahr 1922 rund 10.000 Frauen eingesperrt waren, wurden als kommerzielle, unbezahlte Arbeitshäuser für Frauen betrieben, die als sozial ausgestoßen galten. Die letzte dieser Einrichtungen wurde erst vor 30 Jahren geschlossen.

1993 hatten die Schwestern von Our Lady of Charity – Eigentümerinnen und Betreiberinnen der Wäscherei in High Park – Geld bei Aktiengeschäften an der Börse verloren. Um ihre Verluste zu decken, verkauften sie einen Teil des Grundstücks ihres Klosters an einen Immobilienmakler für 1,5 Millionen Pfund. Dabei wurden 133 unmarkierte Gräber entdeckt. Nur für 75 Leichen lagen Sterbeurkunden vor, „obwohl es in diesem Staat eine Straftat ist, einen Todesfall, der sich auf dem eigenen Grundstück ereignet, nicht zu melden“, hieß es in einem Bericht der Irish Times.

Einmal gelang es Mary, aus High Park zu fliehen. Sie fragte einen Fremden auf der Straße, wo sie einen Priester finden könnte. Der würde ihr helfen, hoffte sie. Der Fremde schickte sie zum Palast des Erzbischofs. In einem Nebenraum voller Heiligenbilder gab ihr ein Priester eine Tasse Tee und vergewaltigte sie. Danach rief er die Polizei und ließ das verstörte Mädchen zurück in die Magdalenen-Wäscherei High Park bringen.

Bis zum 31. Lebensjahr immer in Einrichtungen gewesen

Zwei Monate später stellte sie fest, dass sie schwanger war. Man steckte sie in eins der berüchtigten katholischen Mutter-Kind-Heime, in denen unverheiratete Frauen ihre Kinder zur Welt brachten, bevor man sie ihnen wegnahm und ins Ausland verkaufte. Mary sah ihr Baby nur einmal. Fast 40 Jahre lang sollte sie ihre Tochter nicht wiedersehen. Zurück in der Wäscherei bestrafte man sie für ihren „Fehltritt“. Sie schnitten ihr die Haare ab, sperrten sie in einen Raum ohne Fenster und ohne Essen, und sie musste den Boden küssen und sich vor allen entschuldigen.

Zum ersten Mal im Leben hatte sie Glück. Sie war 31 Jahre alt

Als sie 1969 endlich von den Nonnen entlassen wurde, wusste sie nicht, wohin sie gehen sollte. „Ich kannte die Stadt Dublin überhaupt nicht“, sagt sie. „Ich wusste nicht einmal, dass Dublin existierte.“ Als sie verängstigt und ohne Bleibe auf einer Bank in Drumcondra saß, hatte sie zum ersten Mal in ihrem Leben Glück. Eine Frau Cronin sah sie, nahm sie vorübergehend bei sich auf und besorgte ihr eine Wohnung und einen Job. Mary war 31 Jahre alt und hatte ihr ganzes Leben in Einrichtungen verbracht.

Sie bekam eine Anstellung in einer Wäscherei in Dublins Hauptstraße, der O’Connell Street. „Ich kannte mich mit Wäsche aus“, sagt sie. „Das war das einzige, das ich konnte.“ Und nun wurde sie anständig dafür bezahlt. Aber eines Abends kamen zwei Polizeibeamte in die Wäscherei und sagten, dass jemand in der Nacht zuvor versucht hatte, die Magdalenen-Wäscherei High Park niederzubrennen. Sie glaubten, dass es Mary gewesen sei. Ihr Arbeitgeber bezeugte jedoch, dass sie zum fraglichen Zeitpunkt gearbeitet hatte.

Mary beschloss nach diesem Erlebnis, Irland zu verlassen, da sie sich nie sicher fühlen würde. Sie konnte weder lesen noch schreiben, aber sie ging nach London und nahm auf Vermittlung ihres Chefs eine Stelle in einer Filiale der Wäscherei an. Dort lernte sie Bill Merritt kennen, einen Soldaten der Royal Marines, der die Waschmaschinen bediente. Sie heirateten 1969.

Papst sprach nur eine Menge Müll

2018 wurden Mary und die anderen Überlebenden der Magdalenen-Wäschereien vom damaligen Präsidenten Michael D. Higgins in seine Residenz eingeladen, sie erhielten eine Entschuldigung und eine Entschädigung. Aber was sie sich am meisten wünschte, war eine Entschuldigung von der Institution, die ihre Versklavung sanktioniert hatte.

Zum Schluss der Installation im Little Museum erscheint Mary Merritt auf dem bis dahin dunklen Bildschirm – eine resolute Frau, die ihr Leben lang gekämpft hat, um das Leiden der Magdalenen-Frauen bekannt zu machen. Sie hatte ihre Hoffnung auf den Besuch von Papst Franziskus in Dublin gesetzt. „Aber er hat nur über die Familie gesprochen“, sagt sie. „Kein Wort über die Magdalenen-Frauen, nur eine Menge Müll.“

Mary hat die Entschuldigung nie erhalten. Die Installation „Du kannst jederzeit gehen“ ist Mitte Januar eröffnet worden. An dem Tag wurde Mary Merritt in London beerdigt, sie war eine Woche zuvor gestorben. Man hatte gehofft, dass sie noch einmal nach Dublin reisen könnte, wenn die Installation eröffnet würde. Nur eine einzige Person kann diese Installation pro Tag besuchen.

Der Kurator Daryl Hendley Rooney sagt: „Es ist auch für unsere Mitarbeiter sehr emotional, weil man nie weiß, wie Besucher reagieren.“ Nachdem Mary Merritt ihre Geschichte zu Ende erzählt hat, darf man zehn Minuten für sich allein in der Bibliothek sitzen, um diese Geschichte zu verdauen.

„Ich spreche immer noch meine Gebete am Abend, und ich glaube, dass mir diese kleine religiöse Gewohnheit auf meinem Weg geholfen hat“, sind ihre letzten Worte. „Und ich danke Gott immer noch für das, was ich heute habe, und dafür, dass er mich durch alles hindurchgebracht hat, was ich durchgemacht habe.“

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