Magazin über kritische Männlichkeit: Netter sein reicht nicht

Das „Boykott Magazin“ will ein gutes Leben für alle Geschlechter. Die Ma­che­r*in­nen fragen deshalb nach Alternativen zur altbekannten Männlichkeit.

Ausschnitt aus einem Instagram-Post des "Boykott Magazin" - umgedrehte Eiswaffel

Ausschnitt aus einem Instagram-Post des „Boykott Magazin“ Foto: Boykott Magazin

Am Anfang steht eine banale Feststellung, aus der sich die elementare Frage ableitet: Es gibt Männer. Was also tun? Viele hat das schon in die Verzweiflung getrieben.

Ulla Wittenzellner und Lukas Tau haben sich der Problematik angenommen – was nicht bedeutet, dass sie gegen Männer oder ihre Existenz vorgehen, sondern das Gegenteil davon. Sie wollen, so ausgelutscht das klingt, für das gute Leben aller Menschen, aller Geschlechter, kämpfen. Dem steht männliches Verhalten bekanntlich oft entgegen. Deshalb haben sie ein feministisches Männer­magazin herausgebracht: Das Boykott Magazin widmet sich einer kritischen Auseinandersetzung mit Männlichkeit aus profeministischer Perspektive.

„Natürlich lassen sich lange gewachsene und komplexe Herrschaftstrukturen nicht einfach abschaffen, indem Typen netter zu ihren Freundinnen sind“, sagt die Herausgeberin Wittenzellner. Aber es mache einen realen Unterschied, wie sich Cis-Männer verhielten und ob sie ihre Männlichkeit reflektierten. „Dazu wollen wir einen Anreiz und eine Hilfestellung geben.“

Sie und Tau, die gleichzeitig Her­aus­ge­be­r*in­nen und die einzigen beiden Re­dak­teu­r*in­nen sind, kennen sich seit über zehn Jahren und waren mal ein Paar. Geschlechterdynamiken hätten für sie einzeln, aber auch zwischen ihnen immer eine Rolle gespielt. An einem angetrunkenen Nachmittag auf den Straßen Berlins sei im vergangenen Sommer die Idee zum Magazin entstanden. Per Crowdfunding sammelten sie 7.760 Euro und druckten 1.500 Exemplare, die innerhalb weniger Tage ausverkauft waren. Weil die Nachfrage noch nicht gedeckt ist, produzieren sie jetzt nach.

Über Gefühle sprechen

„Fragile Erektion“, „Nices Flirten“, „Sexistisches Kackverhalten“ und „Geschlechtskrankheiten“ sind etwa Themen, denen sich ein Dutzend freie und unbezahlte Au­to­r*in­nen in der ersten Ausgabe widmen. Die Textgattungen reichen von wissenschaftlichen Annäherungen über Essays zu persönlichen Erfahrungsberichten. Die Fragen, denen sie nachgehen, beschäftigen nicht nur Penisträger. Woran liegt es zum Beispiel, dass Männer mit ihren männlichen Freunden so selten über Gefühle sprechen?, fragt der Autor Tabs Gehrman.

Selbst in feministischen Kreisen sei das kaum besser, da bestehe die Aufgabe lediglich darin, Gefühle zu offenbaren, ohne das Gegenüber mit der eigenen Schwäche oder Unsicherheit zu belasten. Stärke, Erfolg, Unabhängigkeit blieben auch hier die nötigen Attribute. Erschwerend komme hinzu, dass die freundschaftliche Beziehung selbst als Thema tabu sei. Die männliche Freundschaft diene als Refugium, wo geschwiegen wird, wenn es zu tief geht.

Le­se­r*in­nen überschütteten die Redaktion mit Likes und Herzen

Den Grund dafür sieht Gehrmann in gesellschaftlichen Anforderungen an Männlichkeit, zu denen selbstredend auch Frauen beitragen – sei es im Bett, in der Freundschaft oder auf der Arbeit. Ein Ausweg könne etwa sein, Nachfragen zu stellen, statt bloß zu kommentieren, sich klassisch „weibliches Terrain“ wie Fürsorge und Trost zu erobern und aktiv von Männlichkeitsnormen abweichendes Verhalten zu bestärken.

Ähnlich schwierig wie über Emotionen kann es in jeglicher Beziehung sein, über Sex zu reden – nicht nur für Männer. Auch hier versuchen Witten­zellner und Tau, konkrete Tipps zu geben. „Für mich gehört dazu, eine gemeinsame Sprache zu finden“, schreibt Tau etwa. „Das Wort ‚Penetrationssex‘ ist mir oft zu technisch, ich frage lieber ‚Hast du Lust zu vögeln?‘“

Mittelweg zwischen Theorie und Praxis

Auf 135 Seiten gelingt es der Redaktion, einen Mittelweg zwischen feministischer Theorie, praktischen Erfahrungen, Einstiegslektüre und vertiefter Debatte zu treffen. Linke Erklärungszwänge und Disclaimer à la „Warum wir diesen Text aus dieser Perspektive schreiben und nicht aus jener“ halten sich angenehm in Grenzen. Das puristische Layout spielt mit opulenten Typografien, feinen Linien und versetztne Formen, statt auf viele Bilder zu setzen, und gibt dem DIY-Projekt eine künstlerisch-edle Optik.

In den sozialen Netzwerken wie Instagram überschütteten Le­se­r*in­nen der ersten Ausgabe die Redaktion Anfang April mit Likes und Herzen. Da das Magazin bislang keine herkömmliche Buchhandlung erreichte, dürfte sich die Wahrnehmung auf eine ohnehin gendersensible Szene beschränken. Was nicht so bleiben sollte. Unter den Konsequenzen männlicher Sprach- und Verantwortungslosigkeit in Sachen emotionale Care­arbeit, Sex und Beziehung leiden schließlich alle, die mit Männern zu tun haben.

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