Männer und Feminismus: Seid gerne Feministen – aber bitte leise!
Warum Autorin Jacinta Nandi ihrem Sohn nur noch eingeschränkt raten würde, sich einen Feministen zu nennen.
„Bist du eigentlich Feminist?“, fragte eine Freundin neulich meinen erwachsenen Sohn. Er guckte ein bisschen verlegen und antwortete dann: „Ich glaube ja? Mit einer Mutter wie meiner ist es schwer, kein Feminist zu werden.“
Ich habe mich zwar immer als Feministin identifiziert, sogar als Teenagerin, jedoch finde ich meinen Feminismus manchmal sehr basic, ein bisschen banal. Meine Mama war Feministin, also war ich auch eine. Ich dachte nicht besonders viel darüber nach: Ich glaubte, dass Frauen Menschen waren, Vergewaltigung schlimm ist und Männer oft scheiße. Und deswegen war ich halt Feministin.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Diese banale Haltung hat mich sehr lange mitgeprägt bei der Frage: „Dürfen sich Männer Feministen nennen?“ Wir wollen doch alle, dachte ich, dass die Männer aufhören, Sexisten zu sein. Wie soll das gehen, wenn sie sich nicht Feministen nennen dürfen? Wir brauchen euch, Jungs, Männer, dachte ich, und ihr braucht uns auch – lasst uns also zusammen kämpfen, für eine bessere Welt, voller Gendergleichberechtigung!
Ich bin stolz, dass meine Söhne Feministen sein wollen. In den vergangenen Jahren ist mir aber klargeworden: Ein männlicher Feminist kann auch gefährlich sein. Männer wie der Schauspieler Justin Baldoni, die sich als Feministen geben, sind mitunter genauso gefährlich wie offene Antifeministen à la Donald Trump.
Jacinta Nandi ist Schriftstellerin und Kolumnistin. Das jüngste Buch der britischen Wahlberlinerin, „Single Mom Supper Club“, erschien 2025.
Solidarität mit Blake Lively
Baldoni hat seine Karriere darauf gebaut, andere Männer in Podcasts und Talks davon zu überzeugen, dass sie den Frauen in deren Leben zuhören sollen. Sei Mann genug, um den Frauen in deinem Leben zuzuhören, war dabei immer sein Motto. Seit ihm seine Kollegin Blake Lively vor über einem Jahr nach der gemeinsamen Produktion des Films „Nur noch ein einziges Mal“ sexuelle Belästigung vorgeworfen hat, war Baldoni auf jeden Fall männlich genug, um zu akzeptieren, dass die Frauen in seinem Leben – eine Armee von weiblichen Fans – seine Co-Schauspielerin belästigen und schikanieren.
Der Hass, mit dem seine Fans Blake Lively überschütteten, war dabei oft sexualisierend konnotiert. Livelys Social Media Accounts wurden überflutet mit Pornobildern, sie erhielt Vergewaltigungswünsche und Todesdrohungen. Sie mache das alles nur deswegen, weil sie auf Baldoni scharf wäre oder weil sie traurig ist, dass sie zu hässlich war, um von Weinstein vergewaltigt zu werden, hieß es im Netz.
Ich habe mich vergangenes Jahr einmal solidarisch zu Lively geäußert – und gar nicht mit Bezug auf die Gerichtsverhandlung zwischen Baldoni und Lively. Es ging mir bloß um die Hasskommentare, die sie im Netz bekam. Daraufhin fand ein weiblicher Fan von Baldoni meine Instagramseite und kommentierte unter ein Video mit meinem jüngsten Sohn, ich würde ihn „wahrscheinlich missbrauchen“.
#JusticeforJustin und der Wunsch nach virtueller Lynchjustiz
Obwohl Baldonis Anklage gegen Lively abgelehnt wurde, verlangen seine loyalen Unterstützerinnen immer noch #JusticeforJustin. Aber was könnten sie damit meinen? Schließlich hat die Justiz über den Fall längst entschieden. Im Juni 2025 wies das zuständige Gericht die 400-Millionen-Dollar-Klage von Baldoni gegen Lively ab. Was eigentlich hinter dem Hashtag #JusticeforJustin steht, ist wohl der Wunsch nach einer virtuellen Lynchjustiz, die Lively für die Sünde der Anschuldigung gegen Baldoni mit mentaler Belastung bestrafen soll. Oder die Fans treibt die Lust nach einer Welt an, in der nicht nur sexuelle Belästigung entkriminalisiert ist, sondern es strafbar ist, dass Frauen überhaupt solche Vorwürfe äußern.
Dabei leben wir längst und immer mehr in dieser Welt. Denken wir an Trumps USA – noch sind sexuelle Belästigung oder sexualisierte und häusliche Gewalt in den Vereinigten Staaten nicht legalisiert. Noch nicht. Doch schon jetzt gibt es praktisch keine Konsequenzen für die Vergewaltiger in den Epstein Files oder für ICE-Agenten, denen weibliche Gefangene Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vorwerfen.
Und hier in Deutschland? Femizide und andere Formen von Gewalt gegen Frauen sind alltäglich. Gleichzeitig ist es schwieriger denn je für Opfer häuslicher Gewalt, ihrem gewalttätigen Partner zu entkommen. Frauenhäuser sind unterfinanziert und überbelegt. Und wie soll eine Arbeiterklassefrau einen Mann verlassen können, wenn alle Wohnungen, die auf dem Markt stehen, unfinanzierbar sind?
Anders als ein Donald Trump oder ein Jonny Depp, die gar nicht erst so tun, als seien ihnen Frauenrechte wichtig, nutzen Männer wie Baldoni ihren vermeintlichen Feminismus, also ihre Feminismus-Performance gezielt dazu aus, um Frauen ihrer Rechte zu berauben. Auf eine gewisse Art ist ein Baldoni sogar noch gefährlicher ist als Depp.
Wie kann ein Mann, der sich mal Feminist nannte, es okay finden, dass Frauen mundtot gemacht werden? Das Problem ist nicht nur, dass Baldoni sich als Feminist ausgegeben hat. Er war ein stolzer Feminist. Er war laut. Er sprach gern, er redete viel. Er redete über Feminismus, statt Frauen zuzuhören. Er redete über feministische Themen, ohne wirklich darüber nachzudenken, einfach, um darüber zu reden.
Was wir brauchen, ist etwas anderes: Männer, die sich Feministen verstehen, gern auch auf Nachfrage so bezeichnen – aber bitte leise. Männer, die wissen, wann sie schweigen können. Männer die zuhören können, und dann auch über das Gehörte nachdenken. Männer, die mehr nachdenken wollen, als sie reden.
Darf ein Mann sich Feminist nennen? Ja. Aber leise, bitte. Und niemals in einem Podcast.
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