Machtübernahme in Afghanistan: China auf Kuschelkurs mit Taliban

Für China sind die militanten Taliban-Islamisten ein Sicherheitsrisiko. Umso mehr versucht die Führung in Peking, sie frühzeitig an sich zu binden.

Chinesischer Minister Wang Yi und Mullah Abdul Ghani Baradar vor einem chinesichen Landschaftsgemälde

Chinas Außenminister Wang Yi traf Mullahn Abdul Ghana Baradan, Politik-Chef der Taliban im Juli Foto: Xinhua via reuters

PEKING taz | Für chinesische Verhältnisse ungewöhnlich rasch hat Peking die neuen politischen Gegebenheiten in Afghanistan anerkannt. „Wir respektieren die Entscheidung des afghanischen Volkes“, verkündete die Sprecherin des Pekinger Außenministeriums Hua Chunying am Montagnachmittag. Ihre Worte klingen, als hätte es in Kabul einen Urnengang gegeben.

Diese Botschaft an die neuen Machthaber in Afghanistan ist Kalkül: Denn für China steht bei dem Machtwechsel in Kabul sehr viel auf dem Spiel – allen voran sicherheitspolitisch, aber auch wirtschaftlich.

Die Staatsmedien kommentierten die Geschehnisse am Montag schadenfroh: Die nationalistische Global Times behauptete, dass die USA nun endgültig auf dem „Friedhof der Weltmächte gelandet“ seien. Die Volkszeitung, Propagandaorgan der Kommunistischen Partei, befand, dass die Afghanen von den Amerikanern „wie Müll entsorgt“ wurden. Und die sonst auf Zurückhaltung bedachte Nachrichtenagentur Xinhua schrieb auf Twitter vom „bombenwerfenden Uncle Sam“.

Dabei ist den Parteikadern im Pekinger Regierungssitz Zhongnanhai sicher nicht zu Lachen zumute. Für China stellt die Machtübernahme der Taliban ein großes Risiko dar. Beide Länder teilen eine 76 Kilometer lange Grenze, die entlang der muslimisch geprägten Krisenprovinz Xinjiang verläuft; dort also, wo China Hunderttausende Uiguren in politischen Umerziehungs- und Straflagern interniert hat. Es wäre ein Super-GAU für die Volksrepublik, wenn militante Anhänger der Uiguren nun in Afghanistan Schutz finden würden, um aus dem Exil eine Widerstandsbewegung zu organisieren.

Insgeheim misstraut Peking den Taliban

Dementsprechend früh und präventiv rollte Peking den Islamisten den diplomatischen roten Teppich aus. Bereits am 28. Juli traf Außenminister Wang Yi in der Küstenstadt Tian­jin eine neunköpfige Delegation der Taliban. Das scheint sich bislang auszuzahlen. Die Taliban haben versprochen, sich nicht in innere Angelegenheiten Chinas einmischen zu wollen.

Insgeheim jedoch misstraut die Staatsführung den Taliban sehr wohl. Im Juli etwa wurden neun Chinesen Opfer eines Selbstmordanschlags in Pakistan, der laut Angaben von Islamabad von pakistanischen Taliban aus Afghanistan heraus geplant wurde.

Insofern ist Peking durchaus hin- und hergerissen: Insbesondere die rhetorisch aggressiveren Diplomaten in China wollen, dass die neue Weltmacht China das von den USA hinterlassene Vakuum füllt. Die Realpolitiker hingegen sehen die Gefahren, die eine zunehmende Einmischung in die Geopolitik abseits der eigenen Grenzen birgt.

Zugleich ist die ölreiche Region in Zentralasien auch ökonomisch sehr wichtig für China, allein aufgrund des massiven Energiebedarf. Bereits am Sonntag spekulierte die Global Times, wie die heimischen Staatsunternehmen beim Wiederaufbau des kriselnden Afghanistans profitieren könnten.

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