Linken-Politikerin über Rundfunkbeitrag in Sachsen-Anhalt: „Niederlage für die Demokratie“

Die CDU-Fraktion in Sachsen-Anhalt will mit der AfD die neuen Rundfunkgebühren ablehnen. Die Linke Eva von Angern fürchtet einen „Triumph der AfD“.

ein alter Fernseher mit Störung auf dem Bildschirm

Die CDU macht gemeinsame Sache mit der AfD gegen die Rundfunkgebühren Foto: Marco Martins/EyeEm/getty images

Portrait Eva von Angern

Eva von Angern, Linksfraktionschefin in Sachsen-Anhalt Foto: Rayk Weber

taz: Frau von Angern, die CDU-Fraktion will im Dezember im Landtag den Rundfunkstaatsvertrag ablehnen, den ihr eigener Ministerpräsident Reiner Haseloff schon unterschrieben hat. Warum?

Eva von Angern: Ich hoffe und erwarte von der CDU-Fraktion, dass sie zustimmt. Ministerpräsident Haseloff sagt ja, er habe unterschrieben, damit es eine Debatte im Landtag gibt. Eine klare Haltung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sieht anders aus.

Der Fehler liegt bei Haseloff?

Ja. Er hat bislang sehr laut geschwiegen, die CDU-Fraktion machen lassen und sich nicht eingemischt. Jetzt machen wir, die Opposition und seine Koalitionspartner SPD und Grüne deutlich, dass er damit zum Steigbügelhalter der AfD wird. Jetzt fällt Herrn Haseloff ein – da war doch was.

Eva von Angern, 44, ist Juristin und Vizevorsitzende der Linksfraktion in Sachsen-Anhalt. Bei der Wahl 2021 wird sie als Spitzenkandidatin ihrer Partei antreten.

Haseloff gilt doch als Gegner jeder Annäherung der CDU an die AfD …

… und das nehme ich ihm auch ab. Ganz ehrlich: Er hat seinen eigenen Laden nicht im Griff, denn in der CDU-Fraktion sieht das nämlich anders aus. Das hat sich bei der Wahl zur parlamentarischen Kontrollkommission gezeigt, als eine Grüne durchfiel und ein AfD-Abgeordneter gewählt wurde. Das Gleiche zeigte sich, als CDU und AfD gemeinsam für die Einsetzung einer Linksextremismus-Kommission stimmten.

Wie nah sind sich CDU- und AfD-Fraktion?

Im Landtag kommt der Beifall nicht selten von AfD und CDU – und auf der anderen Seite von SPD, Grünen und Linksfraktion. Ein gutes Drittel der CDU-Fraktion hat augenscheinlich Sympathien für die AfD. Die AfD-Fraktion im Landtag ist alles andere als gemäßigt. Der Fraktionsvorsitzende gehört zum „Flügel“. Es gibt klar Rechtsextreme in der Fraktion.

Folgt die Ankündigung der CDU-Fraktion, gegen den Staatsvertrag zu stimmen, einem strategischen Kalkül? Will sie die Grenze zur AfD auflösen?

Das ist die große Frage. Mein Eindruck ist: Die CDU hat sich in eine strategische Sackgasse manövriert. Sie hat sich früh auf dieses Nein festgelegt und eine Debatte um den öffentlichen Rundfunk geführt, in dem es latent um Zensurvorwürfe ging. Jetzt hat sie keine Exitstrategie. Niemand führt die Fraktion wirklich und kann jetzt eine Mehrheit für den Staatsvertrag organisieren. Der Ministerpräsident müsste das jetzt zur Vertrauensfrage machen.

Wird er das tun?

Wir fordern das von ihm. Es ist allerdings ungewiss, ob er eine Mehrheit in der CDU-Fraktion hätte.

Damit würde die CDU-Fraktion doch ihren Spitzenkandidat für die Wahl in Sachsen-Anhalt 2021 demontieren.

Es gibt eine ganze Reihe von CDU-Abgeordneten, die 2021 nicht mehr kandidieren. Die sind sehr schwer zu überzeugen. Wir brauchen einen führungsstarken Ministerpräsidenten. Wir setzen die CDU-Fraktion und den Ministerpräsidenten unter Druck, ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Für eine Linkspartei in der Opposition klingen Sie sehr loyal.

Jein. Unsere Aufgabe als Opposition ist es eigentlich nicht, dafür zu sorgen, dass ein Rundfunkstaatsvertrag eine Mehrheit hat. Aber es geht um etwas – einen funktionsfähigen öffentlichen Rundfunk. Wir wissen aus eigenen Umfragen zu Corona, dass die Menschen in Sachsen-Anhalt zum großen Teil den Informationen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks vertrauen. Das ist, wenn man an die Wirkung von Fake News denkt, wichtig und bewahrenswert. Deshalb verteidige ich die Erhöhung um 86 Cent, weil sie staatsfern festgesetzt wurde. Das heißt nicht, dass ich in der Frage der Gehälter der Intendanten kritiklos bin. Es ist gut, dass die Intendantin des MDR freiwillig auf Gehaltserhöhungen verzichtet hat. Es gibt auch in der Linkspartei viele, die die Gebührenerhöhung vehement ablehnen.

Wie endet diese Krise?

Die Mitglieder der CDU-Fraktion, die keine Zusammenarbeit mit der AfD will, müssen begreifen, dass sich hier ein zweiter Fall Kemmerich anbahnt. Wenn der Staatsvertrag im Landtag an CDU und AfD scheitert, wird das ein Triumph für die AfD. Am Ende des Tages wird sie der Sieger in dieser Sache und alle anderen – besonders der öffentlich-rechtliche Rundfunk – werden die Verlierer sein, was eine Niederlage für die Demokratie bedeuten würde.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben