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„Liberation Dance“ zum 8. MaiTanzen gegen das Vergessen

Gedenken muss nicht still sein: Auf der Friedrichstraße wurde der Tag der Befreiung vom NS-Regime mit einem Swing-Flashmob begangen.

Zur Erinnerung an die Verfolgung von Swingtänzern in der Nazi-Zeit tanzen 200 Täner einen Charleston Foto: Piotr Pietrus

Der 8. Mai. Vor 81 Jahren markierte dieser Tag das Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem 60 bis 75 Millionen Menschen sterben mussten. An diesem Freitagabend tanzen deshalb rund 200 Menschen am Besselpark in Kreuzberg den Charleston.

„Kick cross, kick step“, ruft Natalie Reinsch gegen die Musik, die neben ihr aus den Lautsprechern dröhnt. In ihrem braunen Cord-Set und einem dunkelroten Barett springt sie zwischen den Menschen in unauffälliger Alltagskleidung auffällig hervor. Die Ideengeberin des „Liberation Dance“ leitet die Menschen an, die sich ihr angeschlossen haben, um in Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus zu tanzen.

Viele Opfergruppen des NS-Regimes sind bis heute nicht der breiten Masse bekannt. So auch Swing-Tänzer und Jazzmusiker, die wegen ihrer Leidenschaft für die Musik und ihren Lebensstil verfolgt wurden. „Alles, was als dem deutschen Wesen fremd empfunden wurde, hat man damals als ‚entartet‘ beschrieben“, erklärt Maria Wilke, Leiterin der EVZ Academy. Sie ist Teil der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die an die Opfer nationalsozialistischen Unrechts erinnert und auch das Geschichtsfestival „Histoday“ ausrichtet. „Viele 'Entartungen’ waren eng verbunden mit kosmopolitischer Kultur, natürlich auch sehr stark mit jüdischer Kultur.“

Es sei ein Widerstand der jüngeren Generation gewesen, sich nicht in nationalsozialistischen Jugendorganisationen gleichschalten zu lassen, sondern offen die Musikkultur mit afroamerikanischen Wurzeln auszuleben. „Die Provokation der ‚Swing-Jugend‘ war über die Musik hinaus auch eng mit dem Kleidungsstil verbunden“, so Wilke.

Gegen den „Schlussstrich“

Die Wahl des Standorts am Besselpark sei eine bewusste gewesen, sagt sie. „Wir sind hier in direkter Nähe zum ehemaligen Mauerstreifen, zum Checkpoint Charlie, auf der anderen Seite ist das Jüdische Museum. Das ist ein hochpolitischer Ort mit einer sich überlagernden Geschichte.“

Eine Geschichte, deren Erinnerung in Gefahr zu sein scheint. Laut der Memo-Studie 2025 wünscht sich erstmals eine relative Mehrheit der Bevölkerung einen „Schlussstrich“ unter die Erinnerungskultur. Diesen 38,1 Prozent stehen nur 37,2 Prozent der Befragten gegenüber, die anderer Meinung sind. Dabei konnten 85 Prozent keine einzige Maßnahme oder ein Projekt der Erinnerungskultur nennen. „Das ist eine total beängstigende Perspektive“, bemerkt Wilke.

Hoffnung mache ihr, dass die EVZ in der aktiven Arbeit auf viel Interesse bei jungen Menschen stoße. Dabei seien Angebote wie der Liberation Dance eine wichtige Abwechslung zu konventionellen Gedenkveranstaltungen. „Wir sind schon in der vierten, bald fünften Generation nach der NS-Zeit. Jede Generation muss ihre eigenen Zugänge zur Erinnerungskultur schaffen.“ Musik verbinde, auch wenn man selbst keinen Swing höre. „Es ist etwas anderes als eine historische Rede oder noch eine protokollarische Gedenkveranstaltung. Jeder, der sich bewegen möchte, kann mitmachen.“

Jede Generation muss ihre eigenen Zugänge zur Erinnerungskultur schaffen

Maria Wilke, Leiterin der EVZ Academy

Ein Vater hebt seine kleine Tochter vom Asphalt auf die Schultern, die bunten Vögel auf ihrem weißen Rock flattern im Wind. Um sie herum bilden die Tänzer die „London Bridge“-Formation, bei der in S-Form aneinandergereihte Menschenpaare mit ausgestreckten Armen eine Brücke bilden, unter der die anderen Tänzer durchlaufen können. Die Tochter hält sich erst noch am Kopf ihres Vaters fest, nimmt dann die Hände der Frau ihr gegenüber und bildet ein Brückenelement. Eine ältere Frau lacht, zieht eine junge Zuschauerin von der Bordsteinkante und mit sich durch die Formation.

Späte Anerkennung für Zwangsarbeiter

Hinter der Leichtigkeit des Flashmobs und den lachenden Gesichtern steht die schwere Geschichte der Stiftung. Gegründet wurde sie erst im Jahr 2000, ausgestattet mit einem Gründungskapital in Höhe von 5,2 Milliarden Euro, die hälftig von der Bundesregierung und der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft erbracht wurden. Sie sollte insbesondere ehemalige Zwangsarbeiter finanziell entschädigen – ein 4,4 Milliarden Euro schwerer Prozess, der bis zu seinem Ende im Jahr 2007 für viele Betroffene um Jahrzehnte zu spät kam. Von den geschätzten 20 Millionen Zwangsarbeitern in der NS-Zeit seien die meisten damals schon nicht mehr am Leben gewesen, hätten also keinen Antrag auf die Einmalzahlungen stellen können, sagt Wilke.

Die Entschädigungen waren je nach Leidensweg gestaffelt: Wer im KZ Zwangsarbeit leisten musste, erhielt bis zu 7.669 Euro, Betroffene in der Industrie oft nur 2.556 Euro. „Die Summen sind nur symbolischer Natur gewesen. Sie können das Leid nicht tatsächlich kompensieren“, räumt Wilke ein. Denn selbst nach der NS-Zeit sei der Leidensweg für viele nicht vorbei gewesen. „Wenn sie überlebt hatten, stellte man sie teilweise unter den Verdacht der Kollaboration. Viele Zwangsarbeiter wurden zum Beispiel zu Hause in der Sowjetunion weiter in den Gulag (Arbeitslager, Anm.d.Red.) geschickt.“

Die „London Bridge“ ist Teil der Choreografie des Liberation Dance

Die Auszahlung war an Bedingungen geknüpft: Mit einem Rechtsmittelverzicht mussten die Empfänger versichern, von weiteren Klagen abzusehen, etwa gegen deutsche Unternehmen. Die hätten ohnehin noch einigen Nachholbedarf in Sachen Erinnerungskultur. „Unter zehn Prozent der Unternehmen in Deutschland haben ihre historische Verantwortung historisch aufgearbeitet. Da ist noch sehr viel Luft nach oben.“

Um 18:20 Uhr ist der Liberation Dance vorbei, doch die Musik läuft weiter. Einige Paare swingen zu Titeln aus den 30ern weiter, andere gönnen sich ein Getränk auf den Parkbänken am Straßenrand. Bald wird die Friedrichstraße wieder dem Verkehr gehören. Doch bis dahin wird getanzt.

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