Lena Müller „Club der Verschwenderinnen“: Dieser Sommer, der sich nicht beeilt
Eine Kneipe wird zum Zufluchtsort einer improvisierten Gemeinschaft in Lena Müllers Roman „Club der Verschwenderinnen“.
Es ist heiß. Schrecklich heiß. So heiß, dass das Wasser auf dem Asphalt vor Gundas Kneipe verdampft. Hier verbringen Eli und ihr Sohn Esra die Tage eines schier endlosen Sommers – zusammen mit anderen, die aus ihren überhitzten Wohnungen fliehen, um gemeinsam zu essen und einander Geschichten zu erzählen. Die Kneipe wird zu einem Ort jenseits des Alltags, einer Art Zwischenraum, in dem die Regeln des sonstigen Lebens für ein paar Stunden außer Kraft gesetzt sind.
Eli, die gerade ihren Job als Übersetzerin verloren hat, findet in dieser improvisierten Gemeinschaft einen Halt, den das eigene Leben ihr gerade nicht bietet. Der Verlust der Arbeit hat eine Lücke hinterlassen, die nicht nur finanzieller Natur ist, es ist auch der Verlust einer Struktur, eines Sich-Verortens in der Welt. Hinzu kommt eine tiefer sitzende Sorge: Dass KI immer größere Teile ihrer Arbeit übernimmt, dass ein Beruf, den sie einmal gelernt und geliebt hat, sich unter ihren Händen auflöst.
Dass ausgerechnet eine Übersetzerin im Zentrum des Romans steht, überrascht kaum, wenn man weiß, dass auch Lena Müller selbst als Übersetzerin arbeitet: Unter anderem übertrug sie zuletzt die Romane von Hugo Lindenberg ins Deutsche.
Literataz zur Frankfurter Buchmesse 2026
Die ist ein Text aus der Literataz, die in der wochentaz vom 2. Oktober zur Frankfurter Buchmesse erschienen ist. Die taz wird in Frankfurt wieder live vor Ort sein, mit Lesungen, Diskussionen und natürlich dem taz-Stand. Das ganze Programm finden Sie hier. Alle Rezensionen aus der Literatz erscheinen nach und nach auf online, gesammelt finden Sie sie hier.
Zeit, Nähe und Geschichtenerzählen
Die Runde um Gundas Kneipe füllt die entstandene Lücke, zumindest vorübergehend, mit etwas anderem: mit Zeit, mit Nähe, mit dem Erzählen von Geschichten, die vielleicht wichtiger sind als das, was man „eigentlich“ tun sollte. Die 1982 geborene Lena Müller hat mit „Club der Verschwenderinnen“ ein feinfühliges Buch über das Zusammenkommen in der Krise geschrieben – in einem Sommer, in dem selbst die „Mirabellen schon bei leichten Berührungen“ aufplatzen.
Diese Bildsprache ist bezeichnend für den gesamten Roman: Alles scheint kurz vor dem Überkochen, kurz vor dem Zerplatzen zu stehen – wie der Asphalt, den die Frauen zeitweise aufhacken –, und doch bleibt die Erzählung erstaunlich ruhig, fast schwebend in ihrem Ton.
Einen Gegenpol zu Elis Zukunftssorgen bilden die Erzählungen Gundas und der anderen, die immer wieder von der DDR berichten. Geschichten, die eine andere Zeitlichkeit in die schwüle Gegenwart der Kneipe tragen und die Frage aufwerfen, was von einem Leben, einer Arbeit, einer Ordnung bleibt, wenn sich die Verhältnisse grundlegend ändern.
Exkurs in politische Situation im Osten
Zeitweise fragt man sich, wo dieses Buch noch hin will, wo es enden wird. Es gibt keinen klaren Spannungsbogen im klassischen Sinne, keine Auflösung, auf die man zielstrebig zusteuert. Selbst ein Exkurs zur heutigen politischen Situation im Osten – ein Zwischenfall am Rande – vermag die Grundstruktur kaum zu erschüttern.
Das Buch
Lena Müller: „Club der Verschwenderinnen“. Edition Nautilus, Hamburg 2026. 152 Seiten, 22 Euro
Für Lena Müller, die als Autorin bereits 2021 mit ihrem Debütroman „Restlöcher“ in Erscheinung getreten ist, scheint die Frage nach dem Wohin auch nicht zentral zu sein. Ihre Figuren existieren einfach, unaufgeregt und eigensinnig zugleich, und man folgt ihnen als Lesende dabei – durch die Hitze, durch die Kneipe, durch einen Sommer, der sich nicht beeilen will. Gerade in diesem Verzicht auf plotgetriebene Dramatik liegt die eigentliche Stärke des Buches: Es vertraut seinen Figuren und ihrer Beiläufigkeit.
So wird „Club der Verschwenderinnen“ zu einem Buch, das weniger von dem lebt, was passiert, als von der Atmosphäre, die es erzeugt – von der Schwüle eines Sommers, der zum Sinnbild für einen ganzen Lebensabschnitt wird, in dem Altes verschwindet und Neues sich noch nicht gezeigt hat.
Gemeinsam für freie Presse
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen
meistkommentiert