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Leben mit HitzeLast exit Badezimmer

Niemand muss unter Hitze leiden. Es gibt Möglichkeiten, Wohnungen gegen Hitze zu präparieren. Schließlich haben wir ja auch Heizungen gegen die Kälte.

M ein Nachbar Herr F. ist müde, das sieht jeder. Auf der Straße haben die Leute ihn gleich darauf angesprochen, was denn passiert sei. Auch der Verkäufer in seiner Lieblingsdönerbude hat es bemerkt. Und ich.

Da saß ich am offenen Fenster, es war der erste kühle Morgen nach dem Hitzewochenende. Herr F., fast 90 Jahre alt, blieb unten auf dem Gehweg stehen. Die Mütze hing ihm schief auf dem Kopf.

„Heute traue ich mich endlich wieder raus“, sagte er. Jetzt hole er sich erst einmal einen Döner. Darauf habe er sich die ganze Zeit über gefreut. Die vergangenen Tage habe er fast ausschließlich im Badezimmer verbracht. Sein Wintergarten heize sich auf wie ein Backofen. Das Bad sei der einzige Raum gewesen, in dem er es halbwegs aushalten konnte. Einen Ventilator habe er nicht, auch keine Klimaanlage. Zu teuer, sagte er.

Seit den extremen Hitzetagen hört man solche Geschichten ständig. Man könnte jetzt anfangen, den Sommer zu hassen. Aber ich möchte das nicht. Vor allem möchte ich mich nicht zwischen zwei schlechten Extremen entscheiden müssen. Als gäbe es nur diese Wahl: die Hitze tapfer auszuhalten oder sich schuldig zu fühlen, sobald man sich – zum Beispiel mit Klimaanlagen – vor ihr schützen möchte.

Zivilisation bedeutet doch gerade, dass wir uns die Welt bewohnbar machen. Dächer gegen Regen. Heizungen gegen Kälte. Impfstoffe gegen Krankheiten. Warum soll ausgerechnet Hitze die Ausnahme sein? Niemand käme auf die Idee, frierende Menschen zu belehren, sie sollten den Winter eben tapfer aushalten. Nur bei Hitze scheint Leiden plötzlich eine moralische Frage zu sein. Aber seit wann nützt Aushalten dem Klimaschutz?

Lange blickte man in Deutschland und anderen europäischen Ländern mit einer Überheblichkeit auf die amerikanische Klimaanlagenkultur. So wurde sie zum Symbol für Maßlosigkeit, Energieverschwendung und künstliche Lebensweise. Lieber erzählte man sich, Zugluft mache krank, und der Körper müsse sich eben an Hitze gewöhnen. Mit diesem Aberglauben sollten wir endlich aufräumen. Nicht der Luftzug macht krank, sondern Hitzestress. Wer nachts bei 32 Grad wach liegt, ist am nächsten Tag erschöpfter, anfälliger und gefährdeter.

Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Rechte die Klimaanlage zum Kulturkampfthema machen. Wer gegen Klimaanlagen sei, sei menschenfeindlich, heißt es. Natürlich ist das billige Polemik. Aber sie verfängt, weil sie an einen echten Widerspruch andockt: Wenn die Würde des Menschen unser Maßstab ist, darf niemand in einer überhitzten Wohnung oder einem Pflegeheim allein gelassen werden.

Umso erstaunlicher, dass in dem offiziellen Hitzeschutzplan des Bundesgesundheitsministeriums das Wort Klimaanlage nicht auftaucht. „Wohnung kühl halten“, wird zynischerweise auf einem zugehörigen Plakat geraten. Schön wär’s, möchte man wütend zurückrufen. Aber wie genau? Inzwischen werben sogar die Grünen für Klimaanlagen – natürlich solarbetrieben. Na endlich. Klimaschutz und Hitzeschutz sind nämlich keine Gegensätze. Sie müssen zusammen gedacht werden.

Heißt: Natürlich brauchen wir mehr Bäume in den Städten, entsiegelte Plätze und Häuser, die sich nicht aufheizen. All das hätte am besten schon gestern passieren müssen. Aber wir leben nun mal im Jetzt. Bis diese Städte der Zukunft umgebaut und erschaffen worden sind, dürfen wir Menschen wie Herrn F. nicht vergessen.

Später am Tag lief ich die Straße hinunter. Herr F. lief mir entgegen, schon wieder im Gespräch mit irgendeiner Frau aus dem Kiez. Er kennt sie alle. Er ging in kleinen Tippelschritten. In der Hand glitzerte die Alufolie. „Den lass ich mir jetzt schmecken“, sagte er grinsend. Und sah wieder aus wie der Alte.

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Erica Zingher

Erica Zingher Autorin und Kolumnistin

Beschäftigt sich mit Antisemitismus, jüdischem Leben, postsowjetischer Migration sowie Osteuropa und Israel. Kolumnistin der "Grauzone" bei tazzwei. Freie Podcasterin und Moderatorin. Axel-Springer-Preis für jungen Journalismus 2021, Kategorie Silber.
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