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Leben in der Horizontalen

Wenn das Krankenbett zum Zentrum der Existenz wird, verändert das auch Wahrnehmung und Weltbezug. Davon erzählt in Berlin eine Ausstellung im Medizinhistorischen Museum

Von Beate Scheder

Vielleicht würde man nicht gleich darauf kommen, aber die US-amerikanische Dichterin Anne Boyer hat gute Gründe zu behaupten, dass es kein tragischeres Möbelstück gebe als das Bett. Sie schreibt das in ihrem Buch „Die Unsterblichen“ (im Original „The Undying“) und führt als Begründung sogleich aus, wie es sich wandelt, wenn die Person erkrankt, die sich darin bettet: „Wie leichthin es stürzt – von dem Ort, an dem wir Liebe machen, zu dem anderen Ort, an dem wir vielleicht sterben. Und von dem Ort, an dem wir schlafen, zu dem Ort, an dem wir irrewerden.“

Boyer, die für „Die Unsterblichen“ 2020 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet wurde, berichtet in ihrem Buch vom Leben im US-amerikanischen Gesundheitssystem mit einer ­hochaggressiven Brustkrebserkrankung und ihrem Überleben. Sie schildert die Folgen ihrer Diagnose und ihrer Therapie, es ist ein so persönliches wie hochpolitisches Buch. Das eben auch davon handelt, wie sich urplötzlich alles verschiebt, wenn das Bett zum Lebensmittelpunkt wird, wenn sich die Körperhaltung von der Vertikalen in die Horizontale verlagert.

Für das, was Boyer mit Worten beschreibt, sucht die neue Wechselausstellung im Berliner Medizinhistorischen Museum nach Bildern und Belegen. „Horizontal“, kuratiert von Museumsdirektorin Monika Ankele, widmet sich dem Mikrokosmos Krankenbett in Länge und Breite. Die Schau bietet einen Abriss der Geschichte des Objekts – schließlich ist die Aufbereitung von Medizingeschichte zentrale Aufgabe des Museums, das sich auf dem Gelände der Charité befindet. Es geht um seine Entwicklung seit der Gründung allgemeiner Krankenhäuser im 18. Jahrhundert, um die „Geburt des Klinikbetts“, frei nach Foucault, samt seiner horizontalen Ordnung, der man liegend ausgeliefert ist.

Überaus erhellend ist, was man da so erfahren kann über die Normierung des Möbels und seiner Ausstattung, darüber, wie sich mit dem Krankenbett auch die medizinische Ausbildung veränderte, über die therapeutische Bedeutung des Liegens ab dem späten 19. Jahrhundert. Für Letzteres steht stellvertretend eine „Davoser Liege“ im Raum, wie sie der deutsche Lungenfacharzt Peter Dettweiler für an Tuberkulose Erkrankte entwickelte, eine Leihgabe aus dem Germanischen Museum und zentrales Requisit des von Thomas Mann im „Zauberberg“ verklärten Lebens „auf horizontale Art“.

Wie das dauerhafte Liegen, nicht nur auf dem „Zauberberg“, eine Veränderung der Wahrnehmung, des Weltbezugs und der sozialen Beziehungen mit sich bringt, zieht sich als Fragestellung durch. Sich beim Besuch Zeit zu lassen, empfiehlt sich, dann treten Details hervor, die schon in der Architektur der Ausstellung – die Gestaltung stammt von der Künstlerin ­Kathrin Mayer – angelegt sind. Sie ahmt die Blickrichtungen nach, die man einnimmt, wenn man aus dem Bett heraus- oder ins Bett herabschaut. Um die Tafeln lesen zu können, muss man den Kopf regelmäßig heben oder senken, so, wie die Pa­ti­ent:in­nen auf Ärzt:in­nen und Pflegepersonal blicken und umgekehrt.

Überhaupt das Schauen vom Bett aus, für das man beim Kranksein so viel Zeit hat: aus dem Fenster, an die Decke, in den Raum. Auf Kunst vielleicht auch. Von Kunst im Bett berichten in der Ausstellung Künstler:innen, die ihre chronische Erkrankung künstlerisch verarbeiten. Fürs Kunstmachen ist das Im-Bett-Liegen eine Herausforderung – abgebildete Spezialkonstruktionen, mittels derer Frida Kahlo weiterarbeitete, zeugen davon.

Angenehmeres gibt es, mit dem man sich beschäftigen kann, als die eigene Verwundbarkeit. Dennoch nehmen sich Gegenwartsliteratur und Kunst, wo care sich schon seit Längerem als Buzzword vordrängt, häufiger als zuvor des Themas an. Seltener zwar widmet man sich dabei so konkret Krankheiten wie kürzlich in Berlin mit „Sick Days“, einer weiteren kleinen, aber sehr feinen Gruppenausstellung der beiden jungen Ku­ra­to­r:in­nen Philipp Lange und Sophia Yvette Scherer im Projektraum Studio Hannibal, aber es tut sich etwas. Vielleicht liegt es an der alternden Gesellschaft oder an lauter werdenden chronisch Kranken oder an der Erkenntnis, dass es – wie es Lange und Scherer im Vorwort der Publikation zu „Sick Days“ schreiben – das ist, was menschliche Körper gemein haben: „die Vergänglichkeit und das Potential einer Erkrankung“.

Nicht zuletzt hat Covid den Blick auf Krankheit nachhaltig verändert. Und Long Covid. Ivna Žic, die selbst daran erkrankt ist, setzt sich in ihrem literarischen Essay „Die Unversehrten“, der gerade mit dem Wortmeldungen-Literaturpreis ausgezeichnet wurde, mit ihrer chronischen Erschöpfung auseinander. Eindrücklich beschreibt sie auch ihr Bett, wie es sich Platz verschafft, mit einem Mal mitten im Raum steht, weil für alles andere eigentlich keiner mehr vonnöten ist, sowie den Nachttisch oder Beistelltisch und das, was sich darauf so ansammelt. Die „Nachmittagsversorgung“: „Tee, Zitronenwasser, ein Apfel, Nahrungsergänzungsmittel, Kopfwehtabletten, andere Ta­blet­ten, Nüsse, Pfefferminzöl, Kopfhörer mit Noise-Cancelling, Handy, ein Buch“.

Auch in der Ausstellung im Medizinhistorischen Museum ist eine Wand dem Nachttisch gewidmet. Bilder hängen da, die aus dem partizipatorischen Fotoprojekt „The Nightstand Collective“ der Künstlerin Emma Jones stammen. Über Social Media hatte Jones chronisch kranke Menschen aufgerufen, ihr ein Foto ihres Nachttischs zu schicken. Bücher und Magazine sieht man darauf, Medikamente, Kuscheltiere, Snacks und Fernbedienungen, Trinkbehältnisse, Taschentücher, Schreibgeräte und was man eben sonst noch so brauchen kann, alles, was überlebensnotwendig und was wichtig ist für den Alltag und fürs Wohlbefinden.

Benoît Piéron reicht der Nachttisch nicht aus. Der französische Künstler hat gleich ein ganzes Bett aufgestellt. „Le Lît“ ist als Gegenentwurf zu den Betten zu verstehen, in denen er schon als Kind in Krankenhäusern viel Zeit verbrachte. Alles ist weich und bunt und luxuriös, es gibt viel Platz – auch für Gesellschaft –, einen seidenen Baldachin, um sich darunter zurückzuziehen, allerlei Ablageflächen und eine Regenrinne für Körperflüssigkeiten.

Piérons Bett bietet selbst genug Stoff zum Anschauen, auch das unterscheidet es vom Krankenbett in seiner Sterilität, die selbst in modernen Stationszimmern kaum gebrochen wird. Auf einer der Ausstellungstafeln im Medizinhistorischen Museum sind Seiten aus einem Katalog aus den 1920er Jahren abgedruckt. Der Leipziger Verlag R. Voigtländer bot damals Kunstdrucke mit Blumenmotiven an, die den „Kranken Ablenkung und Genuss bereiten“ sollten. Ob das wohl funktioniert hat mit ein paar gemalten Sträußen? Heute blickt man üblicherweise maximal auf einen vergilbten Chagall-Druck oder irgendetwas belanglos Abstraktes.

Was Körper gemein haben: Vergänglichkeit und das Potenzial einer Erkrankung

Dass es auch anders gehen kann, beweisen in Berlin die DRK Kliniken Berlin Westend. Seit 2002 bringt dort der Verein Kunst im Westend Kunst in wechselnden Ausstellungen auf Stationen, in Aufgänge, Wartezonen und öffentliche Bereiche. Tatsächlich reicht die Idee, am Klinikum Kunst zu integrieren, noch weiter zurück. In den 1970er Jahren wurde dort ein acht Meter langes Triptychon von Georg Baselitz als Kunst-am-Bau-Projekt realisiert.

In der Anfang Juni eröffneten neuen Ausstellung überspannt das riesige Filzbild „Runtastic“ des Berliner Malers Marlon Wobst fast die ganze Wand eines Treppenaufgangs, während in den Fluren der Stationen 1b und 4b der chirurgischen Klinik grafische Arbeiten von Heinz Mack und Otto Piene hängen. Der Regenbogen als Bildidee wie Symbol der Hoffnung steht im Fokus, passend für Patient:innen, die sich von einer Operation eine Besserung ihres gesundheitlichen Zustands erhoffen.

Dass Kunst und Kultur der Gesundheit dienen, Genesung und Prävention unterstützen können, gilt mittlerweile als belegt. In Großbritannien startete bereits 2014 ein Pilotprojekt dazu. Inzwischen sind soziale oder kulturelle Aktivitäten zur Gesundheitsförderung ein fester Baustein des staatlich finanzierten Gesundheitssystems NHS. Auch in mehreren anderen europäischen Ländern gibt es Initiativen und Programme, „Kunst auf Rezept“ zu verordnen. In Deutschland forscht unter anderem die Charité Berlin dazu. Erst im März hat Griechenland als erstes EU-Land die Verschreibung von Kunst- und Kulturkonsum im öffentlichen Gesundheitswesen offiziell institutionalisiert. Vom Bett aus ein Museum zu besuchen, ist allerdings etwas schwierig.

„Horizontal. Das Krankenbett und die Welt im Liegen“. Berliner Medizin­historisches Museum, bis 2. Mai 2027

„Kunst im Westend“. DRK Kliniken Berlin Westend

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