Landtagswahl in Baden-Württemberg: Das grün-schwarze Land – mit starkem Braunstich
Wie haben die Parteien abgeschnitten? Wo sind ihre Hochburgen? Wohin sind die Wähler:innen gewandert? Und was ist mit den Kleinparteien? Alle Grafiken zur Wahl.
Die Landtagswahl in Baden-Württemberg hat vor allem eins gezeigt: Personen sind extrem wichtig für die Wähler:innen. Keine andere Frage war so wichtig, wie die nach dem Spitzenkandidaten – und hier lag Cem Özdemir (Grüne) bei den Sympathiepunkten dermaßen weit vor Manuel Hagel (CDU), dass seine Partei die Wahl gewinnen konnte.
Winfried Kretschmann, der nach 15 Jahren im Amt nicht mehr antrat, wird damit der erste, aber wohl nicht mehr einzige grüne Ministerpräsident sein.
Die Prozente
Die Grünen sind erneut zur stärksten Partei in Baden-Württemberg geworden – zum bereits dritten Mal in Folge. Laut vorläufigem Endergebnis kommen sie auf 30,2 Prozent der Zweitstimmen. Verglichen mit ihrem Rekordergebnis von 2021 haben sie zwar 2,4 Prozentpunkte verloren, aber sie liegen immer noch 0,5 Prozentpunkte vor der Union.
Die CDU konnte 5,6 Prozentpunkte zulegen. Aber ihre 29,7 Prozent sind zwar ihr bestes Ergebnis seit 2011, als sie erstmals in Baden-Württemberg die Macht abgeben mussten. Aber das reichte am Ende nur für Platz 2.
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Die AfD konnte ihr Ergebnis von 9,7 auf 18,8 Prozent nahezu verdoppeln. Es ist das mit Abstand beste Ergebnis für die Rechtsextremen bei einer Landtagswahl in einem der westdeutschen Bundesländer.
Die SPD stürzte hingegen auf das für sie schlechteste Landtagswahlergebnis aller Zeiten. Sie halbierte ihre Prozentzahl und kam mit 5,5 Prozent gerade so noch wieder in den Landtag.
Nicht einmal das ist FDP und Linkspartei gelungen. Beide kamen auf 4,4 Prozent. Die FDP fliegt damit erstmals überhaupt aus dem Landtag. Die Linken kommen erneut nicht hinein.
Klar wird auch, dass die Kleinparteien bei dieser Wahl keine Rolle spielen. Selbst die Neugründung BSW verhungerte bei 1,4 Prozent. Die Freien Wähler, die in einigen Ländern Erfolge erzielen konnten, verloren die Hälfte ihrer Stimmen. Und die Querdenkerpartei Basis, die in Baden-Württemberg ihr Kernland hatte, ist mit 0,3 Prozent kaum noch wahrnehmbar. Die Klimaliste, die einst aus der Fridays-for-Future-Bewegung hervorging, kam sogar nur auf 0,1 Prozent.
Der Verlauf der Umfragen
Die dramatischen Änderungen in den Wahlpräferenzen lassen sich am besten in der folgenden Grafik ablesen, wenn man die Kurve der Umfragen von infratest dimap anklickt. Dann wird klar, dass der CDU auf den letzten Metern komplett die Luft ausging. Sie hatten über Jahre hinweg teils deutlich vor den Grünen gelegen. Die konnten erst in der letzten Woche erst auf- und am Wahlsonntag dann überholen.
Deutlich wird auch, dass die AfD zwar ihr bestes Ergebnis in Westdeutschland holte, aber dass sie zeitweise noch viel besser lag. Im Oktober lag sie bei einer Umfrage noch bei 21 Prozent – und damit sogar vor den Grünen.
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Die Sitze
Im künftigen Landtag haben Grüne und CDU jeweils 56 Sitze. Für die Grünen sind das zwei Sitze weniger als bisher, für die CDU 14 mehr. Die AfD kann die Zahl ihrer Abgeordneten von 17 auf 35 mehr als verdoppeln. Die Fraktion der SPD wird mit 10 statt bisher 19 Parlamentariern gerade mal halb so groß wie zuvor.
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Alle Parteien profitieren davon, dass FDP und Linke knapp an der 5-Prozent-Hürde gescheitert sind und somit gar keine Sitze im neuen Landtag bekommen.
Die möglichen Koalitionen
Die wohl unspannendste Frage war die, welche Koalition künftig regieren wird. Mit dem Koalitionsrechner ließ sich zeigen, dass eigentlich nur eine weitere Zusammenarbeit von Grünen und CDU realistisch war – auch weil keine andere Partei mit der rechtsextremen AfD zusammenarbeiten will.
Offen blieb nur die Frage, welche der beiden aktuell regierenden Parteien CDU und Grüne am Ende vorne liegt und damit den Ministerpräsidenten stellen darf.
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Die Beliebtheit der Kandidaten
Eine Direktwahl des Ministerpräsidenten durch die Wähler:innen ist nicht möglich. Daher ist die Frage danach hypothetisch. Dennoch ist diese Grafik vielleicht die wichtigste überhaupt. Denn sie zeigt, dass Cem Özdemir (Grüne) bei den Wähler:innen deutlich besser abgeschnitten hat als sein Konkurrent von der CDU. Das hat dann auch das tatsächliche Wahlverhalten stark beeinflusst.
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Laut einer Analyse von infratest dimap lag Özdemir in allen Altersgruppen klar vor Manuel Hagel. Er gilt als deutlich sympathischer, kompetenter und glaubwürdiger. Und er passe auch besser zum Land.
Die Wählerwanderung
Eine Analyse der Wählerwanderungen durch das Umfrageinstitut infratest dimap zeigt, dass Grüne, noch stärker aber die CDU ehemalige Nichtwähler:innen für sich begeistern können. Das Duell der beiden Spitzenkandidat:innen hat wohl besonders viele mobilisiert – was sich ja auch in der deutlich gestiegenen Wahlbeteiligung zeigt.
Aber auch die AfD hat deutlich von der gestiegenen Wahlbeteiligung profitiert.
Die FDP zeigt extreme Verluste an die CDU – auch das ist ein Beleg für die Polarisierung auf CDU und Grüne.
Auch das Desaster der SPD wird durch diese Grafik klar. Sie hat an alle Parteien mehr Anhänger:innen abgegeben als hinzugewonnen -am meisten noch an die Grünen. Vielen SPD-Wähler:innen war offenbar wichtiger, dass Özdemir gewinnt und nicht Hagel.
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Die Wahlkreise
Die CDU konnte die große Mehrheit der Wahlkreise für sich entscheiden. Sie holte insgesamt 56 Direktmandate. Die Grünen gewannen 13, die AfD ein einziges im Wahlkreis Mannheim I.
Dort war es bis zum Schluss ganz eng. Der Kandidat der AfD kam schließlich auf 22,3 Prozent. Die Konkurrenten der CDU (21,7) und der Grünen (21,6) lagen sehr knapp dahinter.
Die detaillierten Ergebnisse der Wahlkreise lassen sich durch einen Klick auf die Karte anzeigen.
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Sie zeigt mal wieder, dass die CDU eher in der Fläche dominiert. Die Grünen hingegen finden ihre Wähler:innen vor allem in den Städten – etwa in Freiburg, Tübingen oder Karlsruhe. Ihr bestes Ergebnis holten sie im Wahlkreis Stuttgart II. Der Kandidat bekam dort 47,9 Prozent der Erststimmen. Kein Wunder, denn er ist landesweit sehr populär: Er heißt Cem Özdemir.
Aktives Stimmensplitting
Auffällig ist, dass die Wähler:innen sehr aktiv zwischen Erst- und Zweitstimme unterschieden haben. Das gilt landesweit für die SPD. Sie kam bei den Erststimmen für die Wahlkreiskandidaten auf 8,4 Prozent, bei den Zweitstimmen für die Landesliste nur auf 5,5 Prozent. Offensichtlich haben viele SPD-Anhänger mit der Zweitstimme Özdemir unterstützt.
Das sieht man auch an den Stimmen für die Grünen. In den Wahlkreisen liegen sie nur bei 25,5 Prozent – also deutlich schlechter als bei den für die Zusammensetzung des Parlaments entscheidenden Zweitstimmen.
Interessant ist, dass es bei der CDU genau umgekehrt ist. Sie holte 34,3 Prozent der Erststimmen, aber eben nur 29,7 Prozent der Zweitstimmen. Offenbar wurde ihr Kandidat Manuel Hagel selbst unter CDU-Anhänger:innen zum Problem.
Auffällig wird das zum Beispiel in Offenburg. Dort kam der CDU-Direktkandidat auf beeindruckend 39,0 Prozent. Von den Zweitstimmen holte die Union aber nur 31,4 Prozent – also 7,6 Prozentpunkte weniger. Umgekehrt kamen die Grünen bei den Erststimmen nur auf 23,8 Prozent, bei den Zweitstimmen aber auf 28,2 Prozent – also 4,4 Prozentpunkte mehr. Offenbar haben also selbst CDU-Anhänger:innen für Özdemir als Ministerpräsidenten votiert.
Dieses Stimmensplitting ist besonders interessant, weil es in Baden-Württemberg erstmals möglich war. Zuvor hatten die Wähler:innen nur eine Stimme, die zugleich für den Wahlkreis, als auch für die Landeslist galt. Es ist daher gut möglich, dass die Wahl ohne die Wahlrechtsänderung anders ausgegangen wäre.
Die Hochburgen
Anhand der folgenden Grafik kann man sehen, wo die einzelnen Parteien besonders gut beziehungsweise besonders schlecht abgeschnitten haben. Die Parteien können per Klick am oberen Rand der Grafik ausgewählt werden.
Die Karte verdeutlicht auch die Dramatik des Wahlausgangs für die jeweiligen Parteien.
Bei der SPD wird zum Beispiel klar, dass sie eigentlich gar keine Hochburgen mehr hat in Baden-Württemberg. Selbst bei ihrem Spitzenergebnis im Wahlkreis Mannheim I kam sie gerade mal auf 11,1 Prozent der Zweitstimmen. In ländlichen Kreisen wie Sigmaringen und Böblingen kam sie gerade mal auf 3,6 Prozent der Zweitstimmen.
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Die AfD hingegen hat im ländlichen Süden ihre Hochburgen. Am besten schnitt sie mit 26,7 Prozent der Zweitstimmen in Tuttlingen-Donaueschingen ab. Aber selbst im alternativ geprägten Freiburg kommen die Rechtsextremen auf 10 Prozent. Deutlich darunter blieben sie nur in Stuttgart I mit 6,1 Prozent.
Von echten Hochburgen kann man bei den Grünen sprechen. In Stuttgart I kamen sie glatt auf 50,0 Prozent der Zweitstimmen – ein Wert, den man ansonsten fast nur noch von der CSU in Bayern kennt. Auch die Heidelberger haben ihr Herz an die Grünen verloren. Sie stimmten 47,4 Prozent für die alte und neue Regierungspartei. Wie sehr die Grünen zur Volkspartei in Baden-Württemberg geworden sind, zeigt sich aber in der Fläche. Auch hier kam sie durch die Bank überall auf mehr als 20 Prozent.
Auch bei den Topwerten kann die CDU nicht mit den Grünen mithalten. Ihr bestes Zweitstimmenergebnis holten sie in Ehingen mit 40,6 Prozent.
Bei der Linken wird klar, dass sie ausschließlich in den Großstädten punkten konnte. In Freiburg kam sie auf satte 13,4 Prozent. Im ländlichen Raum blieb sie aber weitgehend unter 3 Prozent.
Die FDP hat ihre letzte Hochburg in Pforzheim und drumherum. Dort kam sie noch mal auf über 7 Prozent.
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