Kunsttipps der Woche: Menschen und Berge und Tiere
Fluide Installationen in der Galerie Bärenzwinger, komplexe Lichtspiele bei Ebensperger und kräftige Malereien im Projektraum Sangt Hipolyt.
G anz gelinde kommt die Ausstellung „Birds and Buoys“ in diesen Frühsommertagen zunächst daher. Die schwarz und hellrot von der Decke des Bärenzwingers hängenden Bojen von Nadja Abt schunkeln im leichten Juniwind, auf Barbara Marcels Videoprojektion dahinter schwirren computeranimierte Kanarienvögel über eine Berglandschaft im Takt eines grammophonartig knisternden Walzers.
Als feine Indikationen ziehen die beiden Künstler:innen die Motive von Meer und Berg, Schiff und Grube weiter durch den Bärenzwinger und schüren doch tief in die historischen Verkrustungen dieses immer noch seltsamen Orts, in dem ja bis vor kurzem tatsächlich Bären leben mussten.
Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.
Nadja Abt kehrt den Spirit der Architektur um und stellt sie mit einer fluiden Installation, die zwischen Alphabet, Text, Objekt und schließlich Arrangement der Objekte hin und herfließt, als reisendes Schiff vor, dessen mitreisende Frauschaft ebenso fluide Identitäten annehmen können.
Barbara Marcel reflektiert in ihren Videoarbeiten und dezenten, fast übersehbaren Interventionen über die Verzahnung von Natur, Mensch und Menschmachung. Dabei verknüpft sie ihre eigene queere Biografie mit einem historischem Kuriosum: Kanarienvögel, die sogenannten „Harzer Roller“, die mit ihrem rollenden signalisierenden Gesang für den Bergbau im Harz gezüchtet wurden.
Bärenzwinger: „Birds and Buoys“, Nadja Abt und Barbara Marcel. Bis 13. Juni. Di- So, 11- 19Uhr. Im Köllnischen Park. Keine Anmeldung, dafür FFP2-Maske erforderlich.
Galerie Ebensperger: „W A K E“, Heiner Franzen. Bis 22. August. Plantagenstr. 30. Besuch nur nach Vereinbarung unter: office@ebensberger.net
Sangt Hipolyt: „Switchboard City“, Carla-Luisa Reuter. Bis 12. Juni. Bellermannstr. 79, Besuch nur nach Vereinbarung unter: hiqqolyt@gmail.com
Der Schnitt ist für Heiner Franzen die zentrale Technik. Eigentlich aus der Zeichnung kommend, hat er nun in der Galerie Ebensperger mit „W A K E“ ein komplexes Lichtspiel aus sieben Kanälen installiert. Auf labyrinthisch angelegten Wänden flackert in allen Richtungen der digitale, in 3D überführte Mitschnitt vom Gesicht des Schauspielers Patrick Magee.
Magees Konterfei – abgeschnitten vom Körper – ist in dem Moment festgehalten, als er selber in der Rolle als Marquis de Sade von 1967 mit psychopathisch-nüchterner Mimik vom Abtrennen anderer Köpfe erzählt. Doch selbst seine Sätze sind zerschnitten, so dass nur noch einzelne Worte aus ihm herauskommen. Mentale Prozesse und motorische Impulse werden in dieser dunklen wie haarscharf dekonstruierenden Installation Heinar Franzens zu einer technischen Aufzählung.
Wer macht die Bilder von uns? Wer will sie, wer besitzt sie? Im Projektraum Sangt Hipolyt ist man sich nicht so sicher. Dort zeigen Carla-Luisa Reuters kräftige Malereien verschiedene Frauen, die in werbebekannten Posen und Szenerien in der Anonymität des Stereotyps untergehen. Ambivalente Figuren. Will die „Grüne Designerin“ tatsächlich den Overall in dieser lässigen, halb liegenden Pose mit weit geöffneten Beinen so in Szene setzen, oder oblag ihrer Darstellung ein anderer Wille?
Der Titel zumindest positioniert sie als Objekt und Gestalterin zugleich. Carla-Luisa Reuter stellt mit ihren wild figurativen, teils mit Produktverpackungen zusammencollagierten Malereien die Frage nach der Regie der Bilder. Dabei eröffnet die von ihr dargestellte Welt des Konsums und des Kapitals das Denkspiel, wer oder was hier eigentlich die Regie übernommen hat.
50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen
meistkommentiert