Kunst der Woche: Träume von Räumen

Max Geisler nimmt Zelte auseinander, Sarah Entwistle das Erbe ihres Großvaters und im Kühlhaus schaffen Studierende aus Weißensee Tatsachen.

Abie Franklins Installation mit Fischernetz

Abie Franklin, Surface Dwellers, 2021, Installation bei „Ipso Facto“ Foto: Hannah Blumas

Mit diversen Räumen und Architekturen setzt sich Max Geisler schon länger auseinander. Bei denjenigen, die ihn in den vergangenen Monaten besonders beschäftigt haben, handelt es sich um tragbare, sich selbst entfaltende: Geisler hat Wurfzelte aus dem Campingbedarf zerschlitzt, bemalt und besprüht. Viel könnte man in diese Materialwahl hineininterpretieren, die in der Ausstellung „Collapse“ bei Mountains zusammengetragen wurden. Erst recht in der aktuellen Situation – Rückzug und Fernweh, Sehnsucht nach Natur und Künstlichkeit.

Der Künstler lotet außerdem aber recht klassisch Farb- und Raumwirkung aus, benutzt allein schon aus diesem Grund Zelte unterschiedlicher Größen, Typen und Funktionen. Eine Schwäche scheint er für solche zu haben, die sich an sehr spezifische Nut­ze­r*in­nen richten. Babystrandmuscheln sind etwa dabei oder ein Wurfzelt für Katzen, Absurditäten der Outdoorcommunity, die in der Galerie Mountains nun wie abstrakte, knallig-bunte Bilder der Zerstörung an den Wänden hängen.

Der taz plan erscheint auf taz.de/tazplan und immer Mittwochs und Freitags in der Printausgabe der taz.

Mountains, Weydingerstr. 6, bis 7. August, Mi.–Fr. 13–19, Sa. 11–16 Uhr, mountains.gallery

Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68, bis 28. August, Di.–Sa. 11–18 Uhr, bthumm.de

Kühlhaus, Luckenwalder Str. 3, bis 23. Juli, täglich 12–20 Uhr, ipsofacto.berlin

Readymades verwendet auch Sarah Entwistle, deren Einzelausstellung „Die zarten Bande der Liebe sind fest geschnürt (The knots of tender love are firmly tied)“ aktuell bei Barbara Thumm läuft. Die Künstlerin arbeitet darin ihre Erinnerungen an ihren Großvater, den Architekten Clive Entwistle (1916-1976) auf, ein offenbar wenig sympathischer Zeitgenosse, der seine zahlreichen Liebhaberinnen in toxischen Beziehungen von sich abhängig machte.

Entwistle baut in der Ausstellung Hinterlassenschaften und Entwürfe ihres Großvaters mit handwerklich gefertigten Objekten wie Teppichen oder Keramiken, Leuchten, Industrieschrott und Videos, Design, Architekturelemente und Kunst zu Interieur-Stillleben zusammen, die entfernt an therapeutische Familienaufstellungen erinnern.

Um verblüffend echt wirkende Kopien handelt es sich bei den Arbeiten von Dean Annunziata. „Befleckte Leinwand“ heißt seine Serie nicht ohne Grund. Wirkt sie doch so, als hätte der Künstler einfach Stücke aus einer Tischdecke nach einer ausgedehnten Feierlichkeit auf Rahmen gespannt. Eklig klebrig glänzen manche der bunten Flecken und vermeintlichen Glasabdrücke – tatsächlich ist es aber Malerei.

Zu sehen ist diese aktuell im Kühlhaus in der Gruppenausstellung „Ipso Facto“, in der über 50 Studierende der Weißensee Kunsthochschule Berlin aus den Fachgebieten Bildhauerei und Malerei ihre Abschlussarbeiten vorstellen. Ganz echt und in Farbe.

Dana Kirijak bietet einen pseudoesoterischen Blick ins „Bullshit Universum“ und sucht in ihrer Installation und der dazugehörigen Publikation nach Antworten auf die Frage, „Woher wir kommen, wohin wir gehen II“. Elias Klein hält auf seinen scheinbar naiven kleinformatigen Filzstiftbildern – und einer großen an der Reling hängenden Malerei – Alltagsabenteuer im urbanen Dschungel fest.

Interessante Materialgegensätze lässt Abie Franklin für sich arbeiten: Apfelkarton, Taubenspikes und Netze sind unter anderem beteiligt. Tatsächlich um Arbeit geht es wiederum bei Magda Domeracka, die in ihrem Video „Do what you love and you’ll never work a day in your life II“ herrlich treffend – der Titel spricht Bände – auf die Einlullungsstrategien von Startups und möchtegern-hippen Digitalfirmen abzielt. Vier Stockwerke umfasst die Schau, die nur noch bis einschließlich Freitag geöffnet ist.

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freie Kulturjournalistin und Autorin. Für die taz schreibt sie vor allem über Kunst, Musik, Mode, Architektur, Stadtentwicklung und Kulturpolitik. Für den taz Plan beobachtet sie als Kunstkolumnistin das Geschehen in den Berliner Galerien und Projekträumen.

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