Die Kunst der Woche: Welten aus Worten

Bei Efremidis nehmen Willem Oorebeeck und Mitchell Anderson Großmächte in den Blick, CFA propagiert eine neue Neue Sachlichkeit.

Sophie Reinhold, „Money“ (Ausschnitt), 2020, Öl auf Marmormehl auf Jute, 135x200 cm, SOR/M 51 Foto: Matthias Kolb; Courtesy Contemporary Fine Arts, Berlin

Er irritiert zweifellos, der Slogan, den Willem Oorebeek auf die Fensterscheiben der Galerie Efremidis appliziert hat: „Free China From Tibet“ ist dort zu lesen, geschrieben (ausgerechnet) in schwarzer Fraktur. „Schmale Anzeige“, der Name der Ausstellung zitiert die Bezeichnung für die gewählte Schriftart, könnte aber auch als Aufforderung verstanden werden – für eine Erweiterung des Blicks und der Aufmerksamkeitsspanne, dafür, der Polarisierung und Reduzierung komplexer politischer Fragestellung auf schlichte Parolen entgegenzusteuern, zum Innehalten und differenzierten Nachdenken.

Oorebeck jedenfalls ändert in seiner Interpretation des bekannten, mittlerweile jedoch kaum mehr präsenten Slogans „Free Tibet“ die Blickrichtung, lenkt den Fokus vom kleinen Tibet auf das riesige China und größere Zusammenhänge. Konfliktherde gibt es dort schließlich noch einige mehr.

Innen in der Galerie widmet sich derweil Mitchell Anderson der anderen Großmacht, den USA oder genauer gesagt dem Kennedy-Clan samt der Mythen, die diesen umranken. Übergroß auf Leinwand gezogen hat der seit einigen Jahren in der Schweiz lebende US-amerikanische Künstler Anstecker, die zu verschiedenen Zeiten für verschiedene Mitglieder der Familie werben sollten, mit dem Familiennamen wie einer Marke darauf. Vielsagend sind auch die Spielkartenporträts, auf denen Anderson Fotos leicht bekleideter männlicher Kennedy-Sprößlinge gedruckt hat, Paparazzi-Bilder, die diese inszenieren und objektivieren.

Mit dem passenden Code, so heißt es, ließe sich die Aneinanderreihung der Karten sogar entschlüsseln, sodass sich literarische Texte zu Ungleichheit, Privilegien, der US-amerikanischen Gesellschaft ergeben.

Efremidis, bis 22. August, Di.–Sa. 11–18 Uhr, Ernst-Reuter-Platz 2

CFA, bis 17. Juli, Mo.–Fr. 10–18, Sa. 11–17 Uhr, Grolmannstr. 32/33,

Figuration, neu aufgelegt

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Leichter lesen lässt sich das Wort „Money“ auf dem gleichnamigen Gemälde von Sophie Reinhold. Eine Handvoll geisterhafter Wesen tanzt darauf dem Mammon einen Reigen und bilden auf der für die Künstlerin typischen Marmoroberfläche die Buchstaben mit ihren Körpern. Das Bild, in das sich allerlei Kritik an die durchökonomisierte (Kunst-)Welt hineininterpretieren ließe, ist Teil einer Gruppenausstellung bei CFA, die den vielsagenden Titel „Neue Sachlichkeit“ trägt. Parallelen werden da nämlich aufgetan zwischen jener vor 100 Jahren entstandenen Kunstrichtung und der Praxis heutiger mehr oder weniger figurativ arbeitender Malerinnen.

Viel war ja bereits 2019 die Rede von den beginnenden neuen Zwanziger Jahren und von möglichen gesellschaftlichen Parallelen zur Weimarer Republik gewesen, nicht nur deswegen erscheint der Vergleich durchaus überzeugend. Im ihrem lesenswerten Essay im Katalog zur Schau stellt Dana Žaja der Flâneuse der 1920er die Scrolleuse der 2020er Jahre entgegen, die nicht nur die urbane Welt erobert, sondern sich ebenso selbstbestimmt durch die digitale bewegt. In der neuen Neuen Sachlichkeit mischt sich folglich Virtualität unter die Faktizität. Den wachen Blick auf die Realität unterwandern die endlosen Weiten der Bilderfluten des WWW.

Umso bemerkenswerter erscheint es, dass die in der Gruppenschau vertreten Künstlerinnen eben dieser mit den Mitteln der guten alten Malerei begegnen – und dabei zahllose kunsthistorische, bildgeschichtliche wie popkulturelle Verweise mit in den Hut werfen. So wie Francesca Facciola, die auf „One Trick Pony“ Bildebenen wie Sehnsüchte übereinanderschichtet. Eine Frau im knallroten Latexfetisch-Pferdekostüm streckt dem Publikum das beschweifte Hinterteil entgegen, hinter ihr trabt eine Schar Wildpferde durch eine golden glimmernde Landschaft, die so aussieht, als habe Bob Ross einen Bildschirmhintergrund gestaltet.

Die von Ellen Berkenblit auf cartoonartige Weise auf die Leinwand gebrachte Frau scheint indes irgendetwas massiv zu missfallen. Intensiv starrt sie rechts aus dem Bildrand, ihr Mund ist wütend nach oben geschoben. Ist es der vermeintliche Pickel, den sie sich mit den Fingern auszudrücken versucht oder hat sie sich über etwas geärgert, was sie auf Twitter gelesen hat? Rosiger, besser gesagt babyblauer sind die Aussichten, die Emily May Smith per Reißverschluss eröffnet: Die Malerei bleibt verheißungsvoll, wenn sie sich neuen Perspektiven öffnet – „The Studio“ steht auf dem Zipper.

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freie Kulturjournalistin und Autorin. Für die taz schreibt sie vor allem über Kunst, Musik, Mode, Architektur, Stadtentwicklung und Kulturpolitik. Für den taz Plan beobachtet sie als Kunstkolumnistin das Geschehen in den Berliner Galerien und Projekträumen.

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