Kulturmanagerin über Musikfestival: „Hier kann man kurdische Musik neben Heavy Metal hören“
Die „Fête de la Musique“ findet gleichzeitig in verschiedenen Städten statt. Sie soll ein weltoffenes Fest sein, möglichst draußen und kostenlos.
taz: Morena Piro, in über 180 deutschen Städten, Orten und Gemeinden wird am 21. Juni die Fête de la Musique gefeiert. Was ist das überhaupt?
Morena Piro: Die Fête de la Musique wurde in den 1980er Jahren in Frankreich gegründet und hieß ursprünglich „Faites de la Musique!“ – also „Macht Musik!“ Es geht darum, die Menschen, die Musik machen auf die Straße zu bringen – in Deutschland musizieren über 16 Millionen Menschen in ihrer Freizeit. Wichtig ist dabei die Kraft der Musik und des gemeinsamen Feierns.
taz: Sie koordinieren all diese Veranstaltungen. Was ist da Ihre Aufgabe?
Piro: Mein Job ist es, die Menschen zu beraten, die an ihrem Ort eine Fête de la Musique organisieren wollen. Es geht also darum, was Menschen in einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt oder einer großen Stadt wie Frankfurt brauchen, weil sie natürlich unterschiedliche Themen und Möglichkeiten haben. Und dann machen wir mit ihnen die Lizenzierung.
geboren 1973, ist Kulturmanagerin, Musikvermittlerin und Netzwerkkommunikatorin. Sie ist Koordinatorin am Center for World Music (CWM), dem musikethnologischen Forschungszentrum der Stiftung Universität Hildesheim. Seit 2023 koordiniert sie die Fête de la Musique Deutschland im MusikZentrum Hannover.
taz: Eine Lizenz kann ja auch nicht vergeben werden. Was sind die Bedingungen dafür, dass man eine Fête de la Musique ausrichten darf?
Piro: Die Fête de la Musique ist eine geschützte Wordbildmarke aus Frankreich und dahinter liegt ein „general agreement“, das die Partner*innen aus den unterschiedlichen Ländern vor vielen Jahren entwickelt haben. Und daraus gehen die Voraussetzungen für die Vergabe einer Lizenz hervor. Dazu gehören, dass die Fête de la Musique am 21. Juni stattfindet, dass sie ein weltoffenes Fest sein soll, das es möglichst draußen stattfindet und dabei der Zugang kostenlos ist.
taz: Welche Ausmaße haben diese Feste denn an den einzelnen Orten?
Piro: Wir haben zum Beispiel in diesem Jahr zum ersten Mal Lüneburg mit dabei. Und die veranstalten aus dem Stand heraus 60 Konzerte an 20 Orten. In Berlin finden dagegen Konzerte an über 300 Spielorten statt, an denen jeweils oft mehr als zehn Konzerte stattfinden. Es gibt aber auch ganz kleine Fêtes, die einen musikalischen Spaziergang durch ihren Ort organisieren.
taz: Welche Bandbreite gibt es da bei den Musikgattungen und -stilen?
Die „Fête de la musique“ wird weltweit am 21. Juni gefeiert. In Deutschland an über 180 Orten – immer umsonst und draußen.
Piro: Eine große! In Berlin wird wohl jede Art von Musik, von Klassik über Jazz und Punk bis zu Kinderliedern, gespielt – und zwar sowohl von Profis, wie auch von Schüler*innen und Nachwuchsbands. Und in kleineren Orten wie Aschersleben wird die Fête von den Musiker*innen gestaltet, die dort leben.
taz: Gibt es für Sie so etwas wie eine Philosophie der Fête?
Piro: Am 21. Juni ist die Stadt ein Ort imöffentlichen Raum, an dem sich Menschen aus unterschiedlichen Lebenswelten begegnen. Und diese sogenannten „dritten Orte“ gibt es ja heute fast gar nicht mehr. Aber hier kann man kurdische Musik neben Heavy Metal hören. Und vielleicht entdeckt man dabei, dass die eine oder andere Zuschreibung hinterfragt werden sollte. Da bekommen die Menschen die Chance, auf eine positive und unterschwellige Art etwas Neues kennenzulernen.
taz: Warum wird die Fête de la Musique in Deutschland von Hannover aus organisiert?
Piro: Seit zehn Jahren ist Hannover eine „Unesco City of Music“ – und das sind wir geworden, weil wir eine vielfältige und breite Szene an Musikschaffenden mit einer guten Infrastruktur und vielen Ausbildungsstätten haben. Das Schöne dabei ist, dass wir so gut miteinander vernetzt sind und dabei ganz tolle Synergien entstehen. So gibt es bei der Fête de la Musique in Hannover eine Extrabühne, auf der, in Kooperation mit anderen Unesco Cities of Music, Musiker*innen aus England, Polen, Frankreich oder Süd-Korea auftreten.
taz: Nun wird ja der Sommeranfang am 21. Juni auch in vielen unterschiedlichen Kulturen rituell gefeiert.
Piro: Der Tag hat tatsächlich seine eigene Magie. In fast allen Städten gibt es zum Beispiel abends nach dem letzten Konzert einen Abgesang. In Hannover singen dann alle gemeinsam „Der Mond ist aufgegangen“. Und das ist immer ein Gänsehautmoment.
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