piwik no script img

Kürzungen beim WDR400 Programme weniger

Bis 2030 muss der Sender Hunderte Programme und 133 Stellen streichen. Was sagen WDR-Fernsehdirektor Cario und die Belegschaft dazu?

Dafür, dass bei den Öffentlich-Rechtlichen sonst vieles langsam vonstattengeht, kommt die Veränderung beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) nun erstaunlich schnell und konkret. Bis Ende 2027 sollen 76 Angebote eingestellt werden. Betroffen sind Social-Media-Kanäle, Fernseh- und Hörfunkformate, Newsletter und Websites. Viele Beschäftigte erfuhren erst in der Rundfunkratssitzung am 25. September offiziell von den Plänen.

Und damit nicht genug. WDR-Intendantin Katrin Vernau hatte bereits im April angekündigt, dass das Programmangebot von heute 600 Angeboten bis 2030 auf 300 schrumpfen soll. Weil von diesen 300 gleichzeitig 100 neue, aufs Digitale ausgerichtete Programme entstehen sollen, bedeutet das einen Abbau von etwa 400 heute bestehenden Programmen.

Die WDR-Führung begründet den Schritt vor allem mit der veränderten Mediennutzung. „Die von uns vorgeschlagenen Veränderungen sind vor allem aus zwei Gründen nötig: Zum einen verschiebt sich die Mediennutzung in einem nie dagewesenen Tempo weg vom linearen Fernsehen hin ins Digitale. Zum anderen wirkt künstliche Intelligenz als zusätzlicher Beschleuniger dieser Entwicklung“, sagt Igmar Cario, Fernsehdirektor des WDR, der taz.

Der Umbau wird auch personelle Folgen haben. „Bis zum Jahr 2030 werden 400 Stellen dadurch frei, dass Kolleginnen und Kollegen in Rente gehen“, sagt Ingmar Cario der taz. Jede dritte Stelle, also etwa 133 Stellen, werde davon nicht nachbesetzt.

Programme erreichen Zielgruppen nicht mehr

Noch unklarer ist die Situation für die mehr als 2.300 freien Mit­ar­bei­te­r*in­nen des WDR. Sie sind ein zentraler Bestandteil des Senders, haben aber deutlich weniger Sicherheit als Festangestellte. „Auch das Auftragsvolumen für die freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird nicht gleich bleiben können“, sagt Cario der taz.

Wie viele freie Mitarbeitende in Zukunft wegfallen müssen, wollte der Fernsehdirektor der taz nicht beantworten. Für viele Freie dürfte genau das eine der entscheidenden Fragen sein. Wenn ein Format eingestellt wird, verschwindet nicht nur ein Angebot – für die Menschen dahinter kann auch ein erheblicher Teil ihres Einkommens wegfallen. Bei den Festangestellten werde Arbeitszeit nicht reduziert, schreibt eine Pressesprecherin des WDR in einer Antwort an die taz.

Im neuen Portfolio werden unterschiedliche Gründe dafür genannt, warum bestimmte Angebote eingestellt werden sollen. Manche erreichen ihre Zielgruppe nicht mehr ausreichend, andere gehören aus Sicht des WDR nicht mehr zu den strategischen Schwerpunkten oder überschneiden sich mit anderen Angeboten.

„Nehmen wir als Beispiel Frau tv. Das sehen im Schnitt bei den unter 50-Jährigen nur noch etwa 17.000 Menschen. Da können wir nicht mehr davon sprechen, dass wir in diesem Themenfeld mit unserem Angebot unseren gesetzlichen Auftrag erfüllen, weil die Inhalte nicht mehr genügend Menschen erreichen“, so Cario zur taz. Der Instagram-Kanal „Mädelsabend“ erreiche deutlich mehr Frauen unter 50.

Klima-Digitalauftritt des WDR soll eingestellt werden

Dass sich das Publikum verändert, ist offensichtlich. Gerade jüngere Menschen informieren sich zunehmend über digitale Plattformen. Für einen öffentlich-rechtlichen Sender stellt sich deshalb die berechtigte Frage, ob ein Angebot seinen Auftrag noch erfüllt, wenn es einen großen Teil seines Publikums nicht mehr erreicht.

Aber: Öffentlich-rechtlicher Rundfunk darf nicht allein danach beurteilt werden, was möglichst viele Menschen erreicht. Sein Auftrag umfasst auch Vielfalt, Information und Angebote für unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen.

Wie kompliziert diese Abwägung ist, zeigt das WDR-Instagram-Format klima.neutral. Auch dieses Angebot soll eingestellt werden. In der Begründung wird unter anderem auf andere Angebote zum Thema Klima verwiesen, etwa den Podcast „ARD Klima Update“, und dass die Verantwortlichkeit für das Thema Klima beim HR, SWR und MDR liege.

„Ein Podcast zum Thema Klima ist nicht mit einem Digitalangebot zum Thema zu vergleichen“, kritisiert eine Person aus dem Umfeld von klima.neutral, die anonym bleiben möchte, die Begründung gegenüber der taz. „Bei uns ist der Eindruck entstanden, dass sich eigentlich gar nicht vorher richtig damit auseinandergesetzt wurde, was für ein Angebot wir bieten können und warum es vielleicht notwendig ist, dieses zu erhalten.“

Frust richtet sich gegen die Kommunikation

Zudem sei klima.neutral das einzige Onlineformat des ÖRR mit Klimafokus. „Eine Möglichkeit wäre gewesen, den Kanal bei einem anderen ÖRR-Sender zu übernehmen.“ Damit wären vielleicht nicht die direkten Jobs der rund zehn Mitarbeitenden von Klima.neutral gesichert, aber immerhin bleibe der Kanal erhalten.

Die Kritik verweist auf ein grundsätzliches Problem des Umbaus: Wenn die ARD Doppelstrukturen abbauen will, sollte zuerst geklärt werden, welche Inhalte gebraucht werden. Zudem muss feststehen, welcher Sender sie produziert, oder bei Wegfall, welcher Sender die Inhalte übernimmt. Sonst droht aus der notwendigen Reform vor allem eine Streichungslogik zu werden.

Wie der WDR auch ohne klima.neutral eine ausreichende Klimaberichterstattung sicherstellen will, beantwortet Cario mit dem regionalen Auftrag des Senders: „Trotzdem spielt bei uns die regionale Klimaberichterstattung für Nordrhein-Westfalen natürlich weiterhin eine ganz wichtige Rolle. Und wir werden darauf achten, dass wir dem in unserer Berichterstattung auch gerecht werden.“

Bei den Beschäftigten gibt es durchaus Verständnis dafür, dass der WDR sparen und sich verändern muss. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht finanziell und politisch unter Druck. Der bestehende Frust richtet sich eher gegen die Art, wie diese Reformen kommuniziert werden. Zudem fühlen sich viele Beschäftigte nicht genügend eingebunden.

Dass der WDR sparen muss, steht dabei kaum infrage

Auch Verdi kritisiert das Vorgehen. „Nicht nachvollziehbar ist, dass der WDR bisher gegenüber Rundfunkrat und den Beschäftigten nicht offen mit diesen Plänen umgegangen ist, nun aber schon konkrete Zahlen und Stellenabbau vorgibt, was keine gute Managementkultur der Intendantin Katrin Vernau in einem von der Gesamtgesellschaft getragenen Sender ist“, sagt Christoph Schmitz-Dethlefsen, für Medien zuständiges Mitglied im Bundesvorstand von Verdi.

Auch der stellvertretende Vorsitzende des DJV-NRW, Stefan Lenz, fordert mehr Transparenz – insbesondere gegenüber den freien Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die den WDR teilweise seit Jahrzehnten tragen.

Dass der WDR sparen muss, steht dabei kaum infrage. Selbst wenn der Rundfunkbeitrag, wie von der KEF (Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten) vorgeschlagen, auf 18,64 Euro steigen sollte, bleibt der öffentlich-rechtliche Rundfunk finanziell unter Druck.

Eine Reform des Senders ist deshalb notwendig. Auch Personal und Strukturen können davon nicht ausgenommen werden. Die entscheidende Frage ist aber, wie diese Reform gestaltet wird und ob darüber eine Mehrheit oder nur die Führungsebenen entscheiden.

Mehr zum Thema

12 Kommentare

  • Minderleister

    Vorneweg: Ich halte den öffentlich-rechtlichen Rundfunk für wichtig und unverzichtbar, allerdings auch für dringend reformbedürftig. Vor allem müsste er nach Jahrzehnten des tumorartigen Wachstums in ungebremster Selbstbedienungsmentalität und redundanten Doppelstrukturen von ARD und ZDF wieder auf seine ursprüngliche Funktion reduziert und gesundgeschrumpft werden.



    #



    Was mich ebenfalls massiv stört, ist, dass die Beitragszahler, die das alles zwangsweise finanzieren müssen und daher quasi die Arbeitgeber der dort Beschäftigten sind, offiziell nichts über deren Gehälter und Honorare erfahren, wobei ich in erster Linie an die prominenten Sprecher/‑innen und Moderatoren/‑innen vor der Kamera denke. Eigentlich sollte das für jedermann offen einsehbar und transparent im Internet stehen.



    #



    Aber meine Hoffnung, dass das jemals passieren wird, ist genauso groß wie die, dass irgendwann auch Beamte und Politiker in die Rentenversicherung einzahlen werden, also gleich null. Zu groß sind die individuellen Partikularinteressen, die dem entgegenstehen, denn wer verzichtet schon freiwillig auf seine Pfründe? So selbstlos und sozial ist auch der linkeste WDR-Redakteur nicht!

    • Martin Rees

      @Minderleister:

      Mal "von unten her bis nach oben" gesehen:



      /



      www1.wdr.de/untern...er-im-wdr-100.html



      /



      Gibt's auch analog für andere Mitbewerber.



      Die Frage nach den Pfründen bezog sich ja auf den WDR.

      • Minderleister

        @Martin Rees:

        Die richtigen Großverdiener des ÖRR (Lanz, Maischberger, Illner, Miosga …) werden damit aber nicht erfasst, weil die individuelle Honorarverträge haben, die vertraulich sind. Da gibt es nur Insiderschätzungen. Bei Markus Lanz wird z. B. von ca. 2 Mio. Euro p. a. gemunkelt.

  • Martin Rees

    Leider nehme ich häufiger zur Kenntnis, dass viele junge Leute unter vierzig das Radio als Medium weniger nutzen als diejenigen, die es beispielsweise (als Boomer:innen) in ihr Morgenritual fest eingebaut haben und es als Untermalung auf Reisen sehr schätzen, nicht nur im Auto.



    bei radioszene.de dazu



    "GenZ und Gen Alpha hört fast nur noch im Auto Radio



    Radio wird von den Befragten vor allem unterwegs genutzt – insbesondere beim Autofahren. Zu Hause oder im Freundeskreis spielt es dagegen kaum eine Rolle. Im Vergleich zu Streamingdiensten empfinden viele das fehlende Mitbestimmungsrecht über die gespielte Musik als Nachteil. Songs können bei Nichtgefallen nicht einfach übersprungen werden. Positiv hervorgehoben werden hingegen lokale Informationsangebote, die für einige Hörerinnen und Hörer weiterhin ein wichtiges Nutzungsmotiv darstellen."

    • Wurstkaiser

      @Martin Rees:

      Die Individualisierung dürfte einer der wichtigsten Faktoren sein. Mittlerweile (in den letzten Jahrzehnten) gibt es ja eine Vielfalt an Stilrichtungen, die sich durch moderne Massenmedien international verbreitet haben. Die Zeiten, in denen man mit einer Hand voll Sender den Großteil der Leute abdeckt (Mainstream-Gedudel, Klassik, Schlager, Jazz, Volksmusik und vielleicht noch einen Spartenkanal für Rock) sind lange, lange vorbei.



      Ein Metalhead wie ich kann dank MP3 seit etwa der Jahrtausendwende an jedem Ort in jeder Situation fetten Gitarrensounds lauschen, obwohl es nur in ganz wenigen Regionen ein Metalradio gibt. Als Morgenmuffel bekomme ich nicht nur morgens MEINE Musik, ich muss dazu auch weder diese pervers gut gelaunten Morgenmoderatoren noch irgendwelche Werbung ertragen.



      Dem Kollegen, der den ganzen Tag Gangsta-Rap hört, geht es letztendlich auch nicht anders. Selbst der Jazz-Opa aus dem Büro nebenan hört vor allem digital, weil es heute kaum noch Jazzradios gibt.

      Selbst im Auto brauche ich kein Radio, da Verkehrsmeldungen seit Ewigkeiten zuverlässig per TCM direkt ins Navi purzeln.

      • Martin Rees

        @Wurstkaiser:

        Gute Argumente. Übertrieben gute Laune frühmorgens ist tatsächlich nicht automatisch ansteckend. Manchmal stören mich eher die untermischten O-Töne als Zeichen der Authentizität. Da soll wahrscheinlich auch Erlebnis drinstecken zur "Untermalung".

  • Heike 1975

    Das Problem ist die Transparenz. Es ist dieselbe Schieflage, die man seit dem Schlesinger-Skandal beim RBB beobachten kann: Gekürzt wird im Maschinenraum, während oben beharrlich geschwiegen wird.

    Warum gibt es bis heute keine lückenlosen Rechenschaftsberichte über fragwürdige Privilegien? Sei es die Vollfinanzierung von Pendlereisen ins Ausland für einzelne Festangestellte, gut dotierte Rahmenverträge bei minimalem Abruf oder der üppige Wildwuchs übertariflicher Posten.

    Wer meint, im öffentlich-rechtlichen System Dreiviertelmillionen-Gagen à la Böhmermann oder Millionen für Sportmoderatoren rechtfertigen zu müssen, hat den Bezug zum Beitragszahler verloren.



    Wenn Top-Kräfte glauben, ihr Marktwert sei mit den ohnehin soliden Tarifverträgen nicht abgegolten: Die private Konkurrenz von RTL bis ProSieben nimmt Bewerbungen sicher gern entgegen.

    Dass nun Freie um ihre Existenz fürchten und Klima-Formate abgewickelt werden, während Strukturprivilegien unangetastet bleiben, ist scheinheilig. Echte Reformen beginnen mit offengelegten Büchern und Anstand bei den Gehältern...

  • Janix

    Wieso stehen deutlichen Programmreduzierungen so wenig weniger Stellen gegenüber? Doch nur für die Galerie?

    Quotendenken sollte recht weit hinten stehen, gegenüber Bildung, Information und Befähigung zum politischen Denken, auch wenn es nicht komplett nutzlos ist.

  • Hector Savage

    Die ARD hat 22.080 festangestellte Beschäftigte. 133 Stellen werden abgebaut. Ist das jetzt die große Strukturreform?

    • Wurstkaiser

      @Hector Savage:

      Das sind ja "nur" 133 fest angestellte MA. Wie jedes Unternehmen versucht man hier, den Kahlschlag möglichst von denen fernzuhalten. Das es um Beschäftigte im öffentlichen Dienst geht, macht den Abbau noch schwieriger, daher ja auch durch Nichtbesetzung natürlich frei werdender Stellen. Der eigentliche Abbau findet bei den freien MA statt, die statt einer Kündigung einfach keine neuen Aufträge bekommen.

    • Martin Rees

      @Hector Savage:

      Es geht bei den 133 Stellen nur um den WDR.



      /



      Die anderen trifft es auch...



      "ARD Sparprogramm: Wo MDR, WDR & Co. den Rotstift ansetzen - DIGITAL FERNSEHEN"



      www.digitalfernseh...-ansetzen-1181798/



      ... beispielsweise den NDR.

    • Janix

      @Hector Savage:

      Besser hier die Zahl des WDRs nehmen, sonst blasen Sie den blauen Elefanten unnötig auf.



      (Ist auch so eine nachvollziehbare Frage)