Künstler*innenförderung in der Krise: Stipendien statt Nothilfe

Statt Künstler*innen bloße Nothilfe zu gewähren, bekommen in Bremen bald bis zu 400 von ihnen ein Stipendium. Das Geld kommt aus dem Bremen-Fonds.

Eine Tänzerin in Jogginghose und Pulli im Wohnzimmer; sie lehnt ihren Rücken weit nach hinten in die Beuge, die Arme zeigen etwas nach oben, nur die Zehenspitzen des linken Fußes berühren den Boden

Vielleicht übt sie, vielleicht freut sie sich auch auf ihr Stipendium: Tänzerin im Homeoffice Foto: Caroline Seidel/dpa

BREMEN taz | Vorhänge bleiben unten, Galerien geschlossen, selbst Kunstpädagogik ist vielfach nicht mehr möglich. Um Kulturschaffenden über die Coronazeit zu helfen, will Bremen Stipendien vergeben – nicht wie bei vielen Stipendienprogrammen nur für herausragende Leistungen, sondern breit verteilt auf hunderte Köpfe.

Bis zu 7.000 Euro, das hat der Senat am Dienstag beschlossen, soll es pro Künstler*in geben. Der Senat rechnet mit bis zu 400 Stipendien und will dafür 2,8 Millionen Euro bereitstellen. Die Mittel kommen aus dem Bremen-Fonds.

In Wirklichkeit ist sogar noch etwas mehr Geld zu holen: Neben dem Bremer Stipendium gibt es noch das Bundesprogramm „Neustart Kultur“. Damit diese Mittel abgerufen werden können, müssen zehn Prozent der Fördersumme vom Land kofinanziert werden. Bremen macht das mit 150.000 Euro – 1,5 Millionen können die Künstler*innen also aus Berlin für Bremen akquirieren.

Die Logik der Corona-Förderung wird mit dem Stipendienprogramm umgedreht: Es geht weniger darum, die größte Not zu lindern, sondern darum, Geld für neue Projekte zur Verfügung zu stellen. „Wir müssen Perspektiven schaffen“, so Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz. Die Stipendien können beantragt werden, um begonnene Projekte abzuschließen oder neue zu beginnen, um sich künstlerisch fortzubilden oder auch, um neue Formate zu erproben.

Künstler*innen sind zufrieden

In der ersten Förderrunde im Frühjahr hatten vor allem Bildende Künstler*innen eher wenig von den ausgeschütteten Mitteln profitiert: Um Geld zu bekommen, mussten sie damals nachweisen, welche Einnahmen ihnen wegfallen. „Musiker können da auf ihre Gagen verweisen. Aber Bildende Künstler wissen nicht, wie viel sie bei einer Vernissage verkauft hätten“, erklärt Carla Frese, Geschäftsführerin des Bremer Künstlerinnenverbands das Problem.

„Wir haben festgestellt, dass da unsere Kriterien nicht für alle funktioniert haben“, bestätigt auch Heiner Stahn, Sprecher des Kulturressorts. Entwickelt wurde das neue Programm deshalb gemeinsam mit Künstler*innen, Kultursenator Andreas Bovenschulte (SPD) hat dafür vergangene Woche mit 168 Kulturschaffenden per Video konferiert.

Mit den Ergebnissen sind die Künstler*innen recht glücklich: „Wenn man immer nur hofft, durch den Monat zu kommen, kann man nichts mehr schaffen“, sagt Frese. „Jetzt bekommen viele Künstler und Künstlerinnen die Möglichkeit, sich wieder der Produktion zu stellen.“ Und Frederieke Behrens vom Landesverband Freie Darstellende Künste (LAFDK) resümiert: „Bisher sind wir total zufrieden.“

Das „bisher“ ist wichtig: nach dem Senat müssen nun auch noch Kulturdeputation und der Haushalts- und Finanzausschuss das Programm besprechen und beschließen. Details sind dementsprechend noch ungeklärt. Auch wann es losgeht, steht noch nicht fest. „Noch im November“, hofft Emigholz.

In den Förderanträgen müssen die Künstler*innen darlegen, was sie mit dem Stipendium anfangen wollen; in welcher Form, das aber weiß man im Kulturressort noch nicht. Wer berücksichtigt wird, das entscheidet keine Preisjury, eingehende Anträge werden aber „durch das Kulturressort kulturfachlich bewertet“, heißt es.

Was heißt eigentlich professionell?

Ungewissheiten gibt es auch noch bei der Frage nach der Zielgruppe: „Antragsstellende müssen einer professionellen künstlerischen Betätigung nachgehen“, heißt es in der Mitteilung zum Senatsbeschluss. Doch was heißt professionell? „Ich vermute mal, dass wir das relativ unbürokratisch auslegen werden“, sagt Sprecher Stahn.

Das Label könnten dann nicht nur Mitglieder der Künstlersozialkasse und Absolvent*innen von Kunsthochschulen tragen, sondern auch Menschen mit einer, so Stahn, „künstlerischen Biografie“. Klar ist aber: „Wer nur ein bisschen hobbymäßig Kunst macht, ist nicht gemeint.“

Spielraum gibt es also in der Auslegung dessen, wer nun Künstler*in ist. „Wir schauen weiter hin, was aus dem Programm wird“, sagt Frederieke Behrens vom LAFDK, „und werden immerzu prüfen, ob dabei niemand durchs Raster fällt.“

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