piwik no script img

Künstler Arthur Jafa und Richard PrinceBis man in den Medien den krassen Schmerz sieht

Jafa und Prince beschäftigen sich in der Fondazione Prada Venedig mit den USA. Dabei oszillieren sie zwischen Brutalität, Utopie und Realität.

War es nur ein Gerücht? Schon zur Eröffnung während der Kunstbiennale in Venedig ging die denkwürdige Behauptung herum, es handele sich bei dieser Show um den one and only, den inoffiziellen, aber wahrhaftigen amerikanischen Pavillon. Ebenden, der, anders als der offizielle von Alma Allen, auf die explosiv-toxische Gemengelage der USA mit Feuer und nicht mit eskapistisch-abstrakter Bildhauerei reagiere.

Ich spreche von „Helter Skelter“, der Duo-Show von Arthur Jafa und Richard Prince, diesen beiden bilderverliebten Ikonoklasten, die Amerika und seinen Pop genauso verachten wie sie Monstertrucks und Madonna lieben. Aber zu diesem Widerspruch gleich mehr. Erst mal zurück zur Frage, ob die Ausstellung hält, was das Gerücht über sie verspricht. Auf den ersten Blick? Nein. Denn selbst im venezianischen Palazzo der Fondazione Prada – Ort der Ausstellung, maximale Aura – wirkten die Objekte, Bilder und Symbole, die Jafa und Prince für die Vereinigten Staaten am Abgrund gefunden hatten, ziemlich platt, ja banal.

Man sieht vor allem Reifen: Monstertruck-Reifen in Schneeketten, Reifen an rostigen Harley Davidsons oder an superhohen Galgen. Und dazu Bilder von Pop-Sternchen oder Comichelden wie Hulk und Mickey Mouse. Klischeebilder also, die den Eindruck erwecken, die USA drehten sich nur um Hollywood und den industrietoten Rustbelt, leide an Americana-Nostalgie und Verdummung.

Die Ausstellung

„Helter Skelter. Arthur Jafa and Prince“. Fondazione Prada, Venedig, bis 30. November. Katalog (Fondazione Prada): 95 US-Dollar, ca. 82 Euro

Betritt man aber eine der Dunkelkammern, in denen Arthur Jafa seine musikvideoartigen Collagenfilme zeigt, lässt man den Widerstand gegen die simplen Bilder plötzlich fallen. Ganz konkret: Auch ich musste weinen, womit ich aber – einen Blick zur Seite – nicht allein war. Woran das liegt? Klar, an der Kunst von Jafa und Prince, was vor allem heißt: an der Art, wie sie sich die Trivialikonen der Massenkultur aneignen, um in ihnen ein Amerika zu enthüllen, so brutal, wie es ist, und so schön, wie es sein könnte.

In Arthur Jafas Videos findet man dieses Amerika in den assoziativ aneinandermontierten Social-Media- und YouTube-Clips, die man oft aus Memes kennt, aber genauso in den collagierten Ausschnitten aus Musikvideos oder amerikanischen Filmklassikern wie D.W. Griffiths „The Birth of a Nation“. In Bildern also, die durch Plattformen und die Kulturindustrie vorgegeben sind und die bei Jafa meistens eine Mischung aus rassistischer Gewalt, Gospel-Performances, Dance Battles oder prägenden Momenten afroamerikanischer Geschichte zeigen.

Eine ästhetische Oberfläche, die an Remixes erinnert

Zum Beispiel im Videofilm „Love is the message, the message is Death“ von 2017, den man übrigens online, wie andere Arbeiten von Jafa, auf der genialen Archivseite UbuWeb des Konzeptkünstlers Kenneth Goldsmith anschauen kann. Jedenfalls arbeitet Jafa hier mit einfachen Mitteln: einer ästhetischen Oberfläche, die an Remixes und Core-Trendvideos auf Tiktok erinnert, dazu der gottkomplexe Soul-Soundtrack „Ultralight Beam“ von Eskapadenrapper Ye, also Kanye West, und dann eben die Aneignung der Bilder selbst, sprich, die Montage.

In ihr verlangsamt Jafa die schnellen Medienbilder, bis man in ihnen einen krassen Schmerz erkennt, der, so lassen die dazwischengeschnittenen Filmschnipsel über Sklaverei vermuten, ein Echo rassistischer Gewaltgeschichte ist. Schroffe Gegensätze wie Polizeigewalt und Booty Shakes stellt Jafa nebeneinander, um in der Montage einen neuen, absurden Ausdruck entstehen zu lassen, der im Widerspruch zur ästhetischen Oberfläche der Videos – den leicht konsumierbaren Pop-Bildern – steht. Zum Heulen ist das, weil sich hinter der niederschmetternden Gewalt der Bilder eine wirkliche Schönheit zeigt, die nicht Kitsch ist, das heißt, die nicht über Gewalt hinwegtäuscht, sondern auf Konfrontation mit ihr geht.

Jafas harte, aber gefühlvolle politische Ästhetik: Gut ist an ihr, dass sie, anders als in vielen der Biennale-Pavillons nebenan, keinem Parteiprogramm folgt. Jafa scheint sich geradezu zu sträuben, trotz der klar antirassistischen Message seiner Arbeiten, auf aktivistische Schablonen reduziert zu werden. Um die geht es nämlich eine Etage weiter oben, in einem der Hauptwerke der Show, in Jafas Pappaufsteller-Installation „Viriconium“ (2026).

Zu sehen sind hier Ikonen Schwarzer Protestgeschichte: Cut-outs berühmter Fotografien von Malcolm X oder von den Harlem Riots 1964, dicht gedrängt neben Bildern rassistischer Lynchmorde oder knutschender Pärchen. Ihre räumliche Nähe zum barocken Stuck des Palazzo und der Historienmalerei an den Wänden lassen sie wie Dekor erscheinen.

Der Jahrmarkt und Charles Mansons Rassenwahn

Mit den kopfgroßen Löchern, die in viele der Aufsteller geschnitten sind, erinnern sie an Fotoattrappen in History-Theme- und Amusement-Parks. Der Titel der Ausstellung, „Helter Skelter“, ist eben nicht nur einem ausgefallenen Beatles-Song und dem Rassenwahn von Sektenführer Charles Manson zu verdanken, sondern auch dem Namen einer alten Jahrmarktsattraktion.

Jafa demonstriert so die Gewalt, die in den Bildern selbst steckt. In ihrer Vereinfachung und Ästhetisierung von Leid und Protest für den Massenkonsum. Dazu passt, dass gegenüber, am anderen Ende der herrschaftlichen Halle, Richard Princes „The Entertainers“ (1982/83) stehen. Zehn lebensgroße Hochkant-Drucke, dunkelgrau und monochrom wie Grabplatten, darauf bunt eingefärbte, verpixelte Magazinporträts früh gescheiterter Hollywood-Stars.

Kuratorisch ist diese Gegenüberstellung brillant: Entertainment und Politik spiegeln sich in ihrer brutalen Betriebslogik. Ansonsten wirkt die Kuration oft etwas erratisch, überfordert mit der Menge an Werken. Dabei besteht ihr Coup allein darin, Jafa und Prince zum ersten Mal zusammengebracht zu haben. Eine Kombination, die so natürlich daherkommt, dass man sich fragt, warum erst jetzt? Um sich dann die Antwort selbst zu geben: gerade jetzt, mit den USA im zerstörerischen Freefall-Tower-Modus. Das Gerücht stimmte also: „Helter Skelter“ ist DER amerikanische Pavillon.

Umso besser, dass er es trotzdem nicht geworden ist. Die Ausstellung mag zwar ihrem Inhalt nach sehr amerikanisch sein – ein poppiges Abziehbild roher Demokratie –, ihrer Form nach bringt sie aber einen Kunstbegriff ins Spiel, den man sich genauer anschauen sollte, auch über die USA hinaus.

Ein Kunstbegriff, den man sich genauer anschauen sollte

Warum? Weltweit pervertieren Populisten die Mittel des Entertainments – die Bilder, mit denen Prince und Jafa arbeiten –, um ihre Macht attraktiv und ihre Gewalt bekömmlich zu gestalten. Sei es durch Anime-Clips von Deportationen, sexy Memes über ideologische Killer wie Luigi Mangione oder die Faszination, die der italienische Futurismus auf rechte Silicon-Valley-Apokalyptiker ausübt.

Die Kunst von Jafa und Prince enthüllt nicht nur die fatalen Mechanismen dieses Polit-Entertainments, sie erobert sie zurück. Appropriation-Art heißt hier, mit feinem Witz und zielsicherer Schamlosigkeit zu kritisieren, was ästhetisch und moralisch falsch ist, ohne die populäre Form selbst aufzugeben. Jafa und Prince halten an der obszönen Macht der Bilder fest, an ihrer einfachen Sprache, und treten deshalb in direkte, marktschreierische Konkurrenz mit ihren populistischen Gegnern.

Nicht ohne Grund gibt es dabei eine stilistische Nähe zu modernistischen Avantgardekünstlern wie Duchamp und Picasso. Das zeigen Arbeiten von Richard Prince wie „Untitled (Cowboy)“ (2016) oder „Untitled (De Kooning)“ (2006) – eine Readymade-Plastik und zwei großflächige Übermalungen von De-Kooning-Motiven und Fotodrucken des französischen Fotografen Patrick Coitru. Wie ihre modernistischen Stilvorbilder sind auch sie visuell vulgär, provozieren willentlich durch eine unerhörte Aneignung anderer Kunstwerke.

Eine Kunst der Massen, die in der radikalisierten Medienökonomie einen freien Ausdruck findet

Mit Blick auf amerikanische Cartoonisten, TV-Comedians und Bilderplünderer wie Tex Avery, Frank Tashlin oder die Marx Brothers sprach der Filmkritiker James Hoberman 1982 von „vulgärem Modernismus“. Eine Kunst der Massen, die in der radikalisierten Medienökonomie trotzdem Schönheit und einen freien Ausdruck fand. Arthur Jafa und Richard Prince wenden diesen Kunstbegriff in Venedig auf die Gegenwart an. Und ihrem schluchzenden Publikum nach zu urteilen, ist es genau die richtige Kunst für eine falsche, hässliche, monströse Zeit wie jetzt.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare