Kühne + Nagel im Nationalsozialismus: Logistiker der ‚Arisierung‘

Henning Bleyl, Initiator des Bremer ‚Arisierungs‘-Mahnmals, spricht über die Verstrickung der Firma Kühne + Nagel in Nazi-Verbrechen.

Historische LKW der Firma Kühne und Nagel für den Transport von Möbeln

Gut verdient: Kühne + Nagel transportierte Möbel deportierter Juden Foto: Kühne + Nagel

HAMBURG taz | Im Laufe des 20. Jahrhunderts wird die Firma Kühne + Nagel, in Bremen und Hamburg ansässig, zu einem der weltweit größten Logistikunternehmen. Schließlich wird das Unternehmen mit seinen Verstrickungen in die Verbrechen des Nationalsozialismus konfrontiert.

Kühne + Nagel unter dem Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus-Michael Kühne reagiert abwehrend und hält eine Untersuchung der Betriebsgeschichte für nicht notwendig. Einer, der sich seitdem umfassend mit der NS-Verbindung des Unternehmens beschäftigt, ist Henning Bleyl, Geschäftsführer der Heinrich-Böll-Stiftung in ­Bremen und ehemaliger taz-Redakteur.

2015 habe Kühne + Nagel anlässlich ihres 125-jährigen Jubiläum die Firmengeschichte selbst groß auf dem Bremer Marktplatz präsentiert, erzählt Bleyl. „Riesengroße Lücken“ und falsche Behauptungen in Bezug auf die NS-Zeit seien dem Journalisten damals aufgefallen.

Die Antwort von Kühne + Nagel auf Bleyls Nachfrage, was denn sonst noch so in den 1930er-Jahren passiert ist, sah so aus: „Es hat keine Relevanz für die Firmengeschichte.“ Als „doppelt wichtig“, über genau dieses Unternehmen aufzuklären, habe es Bleyl empfunden, weil „diese Geschichtsverdrehung so widerspruchsfrei im öffentlichen Raum gefeiert wurde“.

Als NS-Musterbetrieb ausgezeichnet

Mit dem Abtransport „arisierten“, also geraubten, jüdischen Eigentums und dessen „Verwertung“ expandierte das Unternehmen international und wurde mehrfach als NS-Musterbetrieb ausgezeichnet. „Überall wo die Wehrmacht war, kam Kühne und Nagel hinterher, baute logistische Zentren auf, die dann die Knotenpunkte für die Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung waren“, das gilt für Westeuropa und zum Teil für Italien. In Bezug auf Osteuropa muss noch weiter geforscht werden“, so Bleyl.

Eine „relative Nähe zum Massenmord“ attestierte Frank Bajohr, Leiter des Münchner Zentrums für Holocaust-Studien, den Geschäften der Spedition während des Nationalsozialismus. Der jüdische Teilhaber Adolf Maass wurde 1933 von Werner und Alfred Kühne, Onkel und Vater Klaus-Michael Kühnes, aus dem Unternehmen gedrängt und später in Auschwitz ermordet.

Vortrag und Diskussion „Kühne + Nagel: ‚Arisierung‘. Sponsoring und Schweigen“ mit Henning Bleyl: So, 27. 11., 19 Uhr, Hamburg, Fabrique im Gängeviertel – Seminarraum

Dass eben jener Klaus-Michael „nicht zwischen Firmen- und Familiengeschichte unterscheidet“ und gleichzeitig als „Firmenpatriarch direkten Einfluss auf das Unternehmen nimmt“, empfindet Bleyl als problematisch und anachronistisch für ein Unternehmen dieser Größenordnung. Es sei naheliegend, dass der 85-jährige Milliardär sich mit Kritik an seinem Vater und Onkel schwertue und Loyalität den beiden NSDAP-Mitgliedern gegenüber empfindet.

Mittlerweile habe Kühne + Nagel Stück für Stück ein paar Aspekte eingeräumt, aber eine klare Haltung zur eigenen Unterstützung des nationalsozialistischen Systems fehle bis heute. Das werde sich auch so schnell nicht ändern, prognostiziert Bleyl: „Solange Herr Kühne als Aktionär durchregiert, erwarte ich auch keine größere Klarheit.“ ­

Externe His­to­ri­ke­r*in­nen wären hilfreich

Standard im verantwortungsvollen Umgang mit der eigenen Firmengeschichte sei, so Bleyl, zumindest externen His­to­ri­ke­r*in­nen Zugang zum Firmenarchiv zu gewähren. Firmen seien aber gut beraten, Forschung aktiv anzustoßen.

Ein ‚Arisierungs‘-Mahnmal vor der Firmenzentrale von Kühne + Nagel in Bremen, für das Henning Bleyl seit 2015 kämpfte, soll ab kommender Woche gebaut werden. Ein wichtiger Schritt, um das Thema „Das Dritte Reich als Beutegemeinschaft“ über die Tätigkeiten von Kühne + Nagel hinaus der Öffentlichkeit zu präsentieren.

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2015 bis 2022: Von der taz-Kampagne „4 Qm Wahrheit“ bis zum Bau des Arisierungsmahnmal in Bremen

Kühne+Nagel: Das Logistikunternehmen Kühne+Nagel (K+N) feiert 2015 auf dem Bremer Marktplatz sein 125-jähriges Jubiläum und stellt dabei die Firmengeschichte zur Schau. Die taz recherchiert die fehlenden Fakten, u.a. die maßgebliche Beteiligung der Firma am Abtransport der Wohnungseinrichtungen der deportierten jüdischen Bevölkerung in ganz Westeuropa.

Crowdfunding: Unter dem Motto „4 Qm Wahrheit“ werden 27.003 Euro für den Kauf von 4 Quadratmeter Boden auf dem Platz gesammelt, auf dem K+N in Bremen seinen Neubau errichten will – als Standort für ein Mahnmal.

Kaufangebot: Die taz bietet der Stadt Bremen den doppelten Quadratmeterpreis wie K+N. Das Angebot wird abgelehnt, involviert aber Finanz- und Bauausschuss in die Thematik.

Gestaltungs-Wettbewerb: Die taz sammelt Ideen, wie „die Totalität der,Verwertung' jüdischen Eigentums in Gestalt eines Mahnmals visualisiert werden könnte. Unter den 60 Teilnehmenden des Gestaltungs-Wettbewerbs aus ganz Deutschland und Österreich sind sowohl bekannte Künst­le­r:in­nen als auch Schulklassen. Der Wettbewerb löst zahlreiche familienbiographische Nachfragen und Auseinandersetzung aus. Der Entwurf von Evin Oettingshausen kommt auf Platz 1.

Die taz veranstaltet am 3. November 2016 ein Symposium in der Bremischen Bürgerschaft: „Arisierung“ – über den Umgang mit dem Unrechts-Erbe.

Alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft beschließen im November 2016 den Bau des Mahnmals.

Langes Ringen um den „richtigen“ Standort in Bremen: Soll das Mahnmal bei Kühne+Nagel, am Europahafen, an der Jugendherberge oder irgendwo dazwischen verortet werden?

Dynamik: Parallel zum politischen Prozess entstehen, ausgelöst von der Kampagne „4 qm Wahrheit“, künstlerische Aktionen, temporäre Mahnmale, Masterarbeiten, internationale Ausstellungsbeiträge, Radioreportagen und Regionalromane.

Ergebnis: Am 1. Februar 2022 beschließt der Bremer Senat den Bau des Mahnmals – zwischen Kaisenbrücke und den Bremer Weserarkaden, schräg unterhalb des Firmengebäudes von Kühne+Nagel.

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