Kritik an Plänen fürs Holsten-Areal: Wohnen auf der Hitzeinsel
Der jahrelange Stillstand auf dem Holsten-Areal in Hamburg neigt sich dem Ende zu. Klimaverträglichkeit scheint bei den Plänen keine Rolle zu spielen.
Foto: Marcus Brandt/dpa
Ganze 42 Seiten lang ist allein die Zusammenfassung, wie man sich in Hamburg „Cool Altona“ vorstellt: Erst vergangenen Monat hat die Bezirksversammlung das so betitelte Konzept verabschiedet, das Anpassungsmaßnahmen an die zunehmende Klimakrise auflistet. „Hitzeinseln, überflutete Straßen und belastete Infrastrukturen“ würden schließlich gerade in den dicht besiedelten Quartieren mit ihren teils über 10.000 Einwohner:innen pro Quadratkilometer immer mehr zum Problem. Das Konzept Cool Altona soll aufzeigen, wie etwa durch Begrünung im Straßenraum oder Entsiegelung von Flächen Klimaresilienz geschaffen werden kann.
Doch nehmen im Herzen Altonas gerade Planungen für das sogenannte Holsten-Areal Form an, die die Frage aufwerfen, ob da bald eine neue Hitzeinsel für knapp 5.000 Menschen entsteht. „Beim jetzigen Stand der Dinge wird kein zukunftsfähiges Quartier für die kommenden Jahrzehnte entstehen“, kritisiert Theo Bruns von der Initiative Knallt am Dollsten, die die Bebauungspläne des einstigen Brauereigeländes kritisch begleitet. „Klimapolitisch ist die vorliegende Planung ein Desaster“, sagt Bruns.
Noch liegt kein detaillierter Bebauungsplan für das Holsten-Areal vor. „Der städtebauliche Vertrag wird derzeit verhandelt“, sagt eine Sprecherin des zuständigen Bezirksamts Altona. Doch sind schon erste Eckdaten öffentlich, wie sich die neuen Eigentümer des rund 86.000 Quadratmeter großen Areals die künftige Bebauung vorstellen: 2.000 Wohnungen sollen gebaut werden, dazu Gebäude für Hotels, Gastronomie oder auch ein Quartierszentrum.
Nur einige der alten Brauereigebäude sollen erhalten bleiben; entlang der Quartiersgrenzen soll eine weitgehend geschlossene Blockrandbebauung entstehen. Eine Milliarde Euro sollen laut der Eigentümer in das Areal investiert werden.
Initiative kritisiert zu wenig Grünflächen
„Nach den Plänen würde es einen Versiegelungsgrad von 85 Prozent geben“, kritisiert nun Bruns. So falle etwa der geplante Park viel zu klein aus, auch in der unmittelbaren Umgebung des Areals gebe es kaum Grünflächen. Dort sei ein so hoher Versiegelungsgrad unverantwortlich. „Schon jetzt ist es dort in den Hitzespitzen des Hochsommers acht Grad heißer als zum Beispiel in Blankenese.“
Während die Stadt in ihrem Landschaftsprogramm empfiehlt, pro Einwohner:in sechs Quadratmeter Grünfläche in einem Umkreis von 500 Metern zu haben, wären es beim Holsten-Areal nur noch zwei Quadratmeter. Die geplanten Häuserblocks sollen zudem zwar einen begrünten, kühlenden Innenhof bekommen – doch da sich darunter auch Tiefgaragen befinden sollen, könnte etwa Starkregen kaum versickern.
Wie dicht besiedelt das Areal werden soll, zeigt sich auch im Vergleich zum nebenan liegenden Areal Mitte Altona. Im dort bereits fertiggestellten Bauabschnitt befinden sich 1.600 Wohnungen auf einer Fläche von 130.000 Quadratmetern. Auf dem Holsten-Areal sollen dagegen rund 2.000 Wohnungen auf einer Fläche von nur rund 86.000 Quadratmetern entstehen. „Gesunde Wohnverhältnisse“, so Bruns, würden die neuen Eigentümer so kaum erschaffen.
Bei denen handelt es sich um den Hamburger Immobilienentwickler Quantum, die Hanse-Merkur-Versicherung, die Hamburger Sparkasse sowie das städtische Wohnungsunternehmen Saga. Das Konsortium hatte das Gelände vor einem Jahr für einen ungenannten Preis übernommen – zur Freude auch des rot-grünen Hamburger Senats, der darin endlich eine Lösung dieser auch politischen Dauerbaustelle sah: Nachdem vor mittlerweile zehn Jahren der damalige Senat unter Olaf Scholz (SPD) der Carlsberg-Brauerei den Verkauf der Fläche gestattete, entwickelte sie sich zu einem Spekulationsobjekt.
Andrea Benkert, Linken-Bezirksabgeordnete
Statt es zu bebauen, wechselte das Areal zu immer höheren Preisen den Eigentümer. Nachdem der vorherige Eigentümer, die Luxemburger Adler Group, in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, kaufte das Konsortium das Gelände.
Nun verhandelt es hinter geschlossenen Türen mit dem Bezirksamt über die genaue Bebauung. Damit das Konzept Cool Altona nicht nur eine Empfehlung bleibt, fordern die Bezirksfraktionen von Linken und Volt in zwei Anträgen nun, Klimaanpassungsmaßnahmen im Bebauungsplan stärker zu berücksichtigen. „Die Planungen für das Holsten-Areal müssen jetzt auf ihre Klimaresilienz hin überprüft und angepasst werden“, sagt etwa die Linken-Bezirksabgeordnete Andrea Benkert. Die Volt-Fraktion fordert gar einen 50-prozentigen Grünanteil je Baugrundstück.
Abgestimmt werden soll darüber am Donnerstagabend in der Bezirksversammlung. Die Aktivist:innen der „Knallt am dollsten“-Initiative haben dafür im Vorfeld der Versammlung eine Demonstration nicht nur für eine klimagerechtere, sondern auch für eine sozialere Planung angekündigt: Zwar sollen 50 Prozent der Wohnungen öffentlich gefördert werden, doch aus Sicht der Initiative ist dabei der Anteil der Wohnungen ausschließlich für Menschen mit geringem Einkommen deutlich zu niedrig.
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