Krieg in der Ukraine: Einkaufstour wird zur Todesfahrt
In der nordöstlichen Großstadt Sumy nahe der Frontlinie bestimmen russische Drohnenangriffe den Tagesablauf der Menschen.
Foto: Anna Klochko
Mitten im Stadtzentrum von Sumy steht seit einigen Tagen ein durch eine Explosion völlig zerstörter und ausgebrannter Wagen. Im Innenraum und neben dem Fahrzeug stehen und liegen Kränze, Blumensträuße, Gedenkkerzen und Grablichter – jeden Tag werden es mehr. Immer wieder bleiben Menschen an dem Wagen stehen und verharren dort schweigend einige Minuten.
Am Abend des 15. August hatte eine russische FPV-Drohne das Fahrzeug angegriffen. Dabei kam Mykola Myronow ums Leben, ein 59-jähriger leitender Mitarbeiter des Energieunternehmens Ukrenergo. Seine Frau wurde mit schweren Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert. Das Ehepaar war an jenem Abend unterwegs, um Einkäufe zu machen. In der Stadt waren die beiden als Tierschützer bekannt, sie hatten rund fünfzig Tiere bei sich aufgenommen. Nun ist auch das Schicksal ihrer Schützlinge ungewiss.
Im Licht der untergehenden Sonne schimmern um das Fahrzeug herum dünne Glasfaserfäden – Überreste der Spule der FPV-Drohne. Die Drohne ist mit Sprengstoff bewaffnet und wird daher auch als Kamikaze-Drohne bezeichnet. Noch vor Kurzem verbanden die meisten Menschen eine solche Waffe vor allem mit der Front und den Dörfern im Grenzgebiet. Nun machen Russen damit Jagd auf die Bewohner von Sumy. Die Stadt im Nordosten der Ukraine hat rund 250.000 Einwohner. Die Frontlinie verläuft etwa 17 Kilometer entfernt.
Im Sommer begannen lokale Überwachungskanäle, fast täglich über FPV-Drohnen zu berichten. Drohnen mit Glasfaserverbindung sind resistent gegen elektronische Störmaßnahmen und können unvermittelt in Wohnvierteln auftauchen. Im Juli gerieten mehrfach Tankstellen ins Visier solcher Angriffe. Der Operator sieht das Gelände in Echtzeit und kann die Drohne auf ein bestimmtes Ziel lenken – wobei es sich dabei immer häufiger um einen Menschen handelt.
Sprung aus dem zweiten Stock
Doch FPV-Drohnen sind nur eine von vielen Bedrohungen. Zwei Tage nach dem Tod von Mykola Myronow traf ein massiver Angriff von Kamikaze-Drohnen ein Wohnviertel in Sumy. Ein älteres Ehepaar kam in seinem Haus ums Leben, eine weitere Frau wurde verletzt und Dutzende Häuser wurden beschädigt.
Am nächsten Morgen erzählte die Tochter der Verstorbenen einem lokalen Fernsehsender, während sie inmitten der Trümmer des Elternhauses stand, dass ihre Eltern bei Alarm normalerweise in den Keller gegangen seien, es in jener Nacht jedoch wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig geschafft hätten. Der Keller blieb unversehrt, genauso wie Gläser mit Wintervorräten.
In der Nacht zum 21. August wurde die Stadt erneut von mehreren Schahed-Drohnen angegriffen. Bei einem der Einschläge wurde ein zweistöckiges Mehrfamilienhaus zerstört, es gab Verletzte. Eine junge Frau musste sich und ihr Kind durch einen Sprung aus dem zweiten Stock ihrer brennenden Wohnung retten.
So leben die Menschen in Sumy: Sie arbeiten, ziehen Kinder groß, legen Vorräte an – und behalten gleichzeitig die Bedrohungen im Blick. Sie halten sich in der Nähe von Schutzräumen auf und hoffen, eine weitere Nacht zu überstehen.
Bomben nach Fahrplan
Eine besondere Bedrohung stellen lenkbare Fliegerbomben (KABs) dar. Sie sind äußerst schwer abzufangen, die Reaktionszeit ist knapp. Im August schlugen sie wiederholt in verschiedenen Stadtteilen ein und beschädigten Wohnhäuser, Geschäfte, Schulen sowie Krankenhäuser. Selbst die Tagesplanung muss auf die Bedrohungslage abgestimmt werden: Die Menschen versuchen, sich seltener im Freien aufzuhalten und vereinbaren Arzttermine für „günstigere“ Zeitpunkte.
Viele Einwohner von Sumy wagen es nicht einmal mehr, ihre Kinder zu Kursen oder Arbeitsgemeinschaften zu bringen, obwohl diese nach viereinhalb Jahren Online-Unterricht für die Entwicklung und den Austausch mit Gleichaltrigen besonders wichtig sind. Doch gerade am Vor- und Nachmittag müssen die Menschen hier zunehmend mit „Gleitbomben nach Fahrplan“ rechnen.
In lokalen Chats kursieren Listen mutmaßlicher Ziele. Es lässt sich nicht feststellen, ob es sich um eine echte Warnung von Geheimdiensten oder um ein Element der russischen Informations- und psychologischen Kriegsführung handelt. Doch mittlerweile haben viele Menschen begonnen, solche Meldungen ernst zu nehmen. Besonders beängstigend wird es, wenn das eigene Haus oder das des Nachbarn auf der Liste auftaucht.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
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