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Krieg in der UkraineMindestens 20 Tote durch russischen Großangriff auf Kyjiw

Bei einem russischen Großangriff auf Kyjiw sind in der Nacht zu Donnerstag mindestens 20 Menschen getötet worden. Die Zahl könnte weiter steigen.

Aus Kyjiw

Marco Zschieck

Durch die Straße im Kyjiwer Stadtzentrum weht der warme Sommerwind den Geruch von verkohltem Holz und Plastik. Am Donnerstagmittag ist die Feuerwehr am Boulevard Taras Schewtschenko noch immer im Einsatz, um den Brand in einem Hotel zu löschen.

Das sechste und siebte Stockwerk im ausgebauten Dachstuhl sehen schwer demoliert aus: Verkohlte Holzlatten ragen aus der Konstruktion, immer wieder fallen Teile herunter auf den abgesperrten Gehsteig, an mehreren Stellen tritt schwarzer und weißer Rauch aus. Sieben Löschfahrzeuge und Drehleitern sind im Einsatz.

Anna Shewschuk beobachtet den Feuerwehreinsatz von einer Bank auf dem breiten Mittelstreifen des Boulevards. Nur 50 Meter weiter stand einmal eine große Lenin-Statue. Eine Drohne hat das Gebäude gegen Mitternacht getroffen. Shewschuk trägt ein T-Shirt mit dem Logo des Hotels. „Ich arbeite und wohne dort“, sagt die 24-Jährige und korrigiert sich: „Ich habe dort gearbeitet und gewohnt.“

Mit zwei ausgebrannten Etagen von sieben, plus dem Wasserschaden dürfte das Hotel wohl nicht mehr nutzbar sein. Verletzte habe es im Hotel nicht gegeben. „Das ist das Wichtigste“, sagt sie. Das Haus habe rund 100 Zimmer. Die Gäste seien alle im Luftschutzkeller gewesen.

Viel Glück

Anna selbst hatte viel Glück. „Ich hätte die Frühschicht gehabt und habe in meinem Zimmer geschlafen“, sagt sie. Sie habe es noch geschafft, ihre Tasche mit wichtigen Dokumenten zu greifen und mit einem Tuch vor dem Mund durch den Rauch das Treppenhaus zu erreichen. Nun wisse sie nicht, wie es weitergehe.

Kyjiw hat in der Nacht zu Donnerstag erneut einen russischen Großangriff erlebt. In Bezug auf ballistische Raketen sei es der schwerste in viereinhalb Jahren Krieg gewesen, teilt Luftwaffensprecher Juri Ignat am Donnerstag mit. Insgesamt 28 solcher Raketen seien innerhalb von wenigen Stunden auf die ukrainische Hauptstadt abgefeuert worden.

Rauch stand am Morgen über mehreren Stadtteilen. Warnungen hatte es schon am Mittwoch gegeben. Gegen Abend verdichteten sich die Anzeichen. In den Telegramkanälen zur Flugabwehr wurde der Start strategischer Bomber von Flugplätzen in Russland und das Auslaufen von Marineschiffen im Schwarzen Meer gemeldet. Beide werden üblicherweise genutzt, um Marschflugkörper zu befördern. In Kombination mit den ballistischen Raketen und Langstreckendrohnen soll so die ukrainische Luftverteidigung überfordert werden.

Der Alarm begann um 19.52 Uhr am Mittwoch und dauerte mehr als elf Stunden. Erst flogen einzelne Langstreckendrohnen entlang der belarussischen Grenze Richtung Kyjiw, dann kamen immer mehr in Gruppen. Viele davon mit Düsenantrieb statt Propellern. Das macht sie schneller. Für die Zeit ab 0.30 Uhr war vor einer erhöhten Gefahr durch ballistische Raketen gewarnt worden.

Fensterloser Raum und Hoffnung

Abhängig von ihrem Startpunkt können sie Kyjiw in wenigen Minuten erreichen und mit großen Sprengköpfen für erhebliche Zerstörung sorgen. Wer dann keinen Schutzraum in der unmittelbaren Nähe hat, dem bleiben nur noch ein fensterloser Innenraum und Hoffnung.

Im Keller eines Gebäudes unweit des zentralen Maidan-Platzes ist in der Nacht noch Platz. Rund 25 Menschen haben Schutz gesucht. Zwischen den dicken Stahlbetonwänden des Gebäudes ist es angenehm kühl. Der Betonfußboden ist mit alten Teppichen ausgelegt. Es gibt einen Trinkwasserspender und eine Toilette.

Fast ein Dutzend Teenager hat es sich in einer Reihe auf Isomatten gemütlich gemacht, so gut es geht. Manche haben sich Kapuzen über den Kopf gezogen, um nicht vom grellen Licht geblendet zu werden. Einer schnarcht beharrlich. Andere Menschen sitzen auf Gartenstühlen und scrollen auf ihren Smartphones durch die Meldungen zur Flugabwehr.

Eine Frau hat ihren etwa zehn Jahre alten Sohn in eine Decke eingewickelt. Zwischen 1.30 Uhr und 4 Uhr überschlagen sich die Meldungen: Immer wieder werden anfliegende ballistische Raketen aus der grenznahen russischen Region Bryansk gemeldet. Dazu kommen mehrmals schnelle Zirkon-Raketen. Rund 20 schwere Detonationen lassen in dieser Zeit die Türen zum Keller klappern.

Derbe Schimpfwörter

Gesprochen wird kaum. Manchmal hört man ein gemurmeltes „oh Gott“ oder ein derbes Schimpfwort. Nach drei Uhr dringen Marschflugkörper in den ukrainischen Luftraum ein. Auch sie nehmen in dieser Nacht überwiegend Kurs auf die Hauptstadt. Gegen sie ist die Luftverteidigung aber erfolgreicher als gegen die Ballistik. Um jene zu stoppen, bräuchte die ukrainische Armee mehr Flugkörper für ihre Patriot-Systeme. Doch die sind Mangelware.

Am Donnerstagvormittag zieht die Luftverteidigung Bilanz: Von 496 Langstreckendrohnen habe man 476 abfangen können. Dazu 32 von 34 Marschflugkörpern. Allerdings konnten nur 4 von 24 ballistischen Raketen gestoppt werden, die vier Zirkon-Raketen gar nicht.

Die meisten Raketen flogen nach Kyjiw. Bislang 20 Tote hat der russische Angriff in der Nacht in Kyjiw nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko gefordert. Viele Menschen werden noch vermisst. Für Freitag ist in Kyjiw ein Trauertag angekündigt.

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