Krieg in der Ukraine: Mindestens 16 Tote nach nächtlichen russischen Luftangriffen
In der Nacht zu Donnerstag hat Russland die Ukraine massiv mit Drohnen und Raketen angegriffen. Auch Russland wurde von ukrainischen Drohnen getroffen.
Wieder einmal hat es in Kyjiw in der Nacht zu Donnerstag gedonnert, mal in der Ferne, mal in der Nähe. Mal waren es Explosionen, mal war es das Surren der „Mopeds“, wie die Drohnen genannt werden. Mal war es Maschinengewehrfeuer.
Viele Einwohner der ukrainischen Hauptstadt haben sich um 2 Uhr nachts noch die Frage gestellt: Jetzt noch schnell in den Schutzraum rennen oder besser zu Hause bleiben, die Nacht in einem fensterlosen Raum verbringen? „Wenn ich jetzt draußen noch bis zu einem Schutzraum laufe“, so überlegt der 35-jährige Ilja, „setze ich mich einer besonderen Gefahr aus. Ich bleibe in meiner Wohnung“. Dann holt er sich seine Isomatte und seinen Schlafsack und legt sich in den Flur seiner Wohnung.
Zahlreiche Personen verlassen am Morgen die Metrostation Polytechnisches Institut in Kyjiw, in der einen Hand eine Tasche, in der anderen eine Isomatte. Sie haben die Nacht offensichtlich unter der Erde auf den Bahnsteigen verbracht.
Eine riesige Rauchwolke und Rußgeruch hängen über der Stadt. Das kommt ganz offenkundig von einem Feuer, irgendwo in der Nähe des Hauptbahnhofs. „Da wohne ich, direkt über meinem Haus haben die heute eine Drohne abgeschossen“, sagt eine redselige Verkäuferin am Kaffeestand am zentralen Busbahnhof. Und während sie das sagt, heulen wieder die Sirenen.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Tote und Verletzte in der Ukraine
Bei einer neuen Welle russischer Angriffe in der Nacht zum 16. April sind in mehreren ukrainischen Städten mindestens 16 Menschen ums Leben gekommen und zahlreiche weitere verletzt worden. Besonders betroffen waren Kyjiw, Odessa und Dnipro.
In Kyjiw, so Bürgermeister Vitali Klitschko auf Telegram, seien mindestens vier Menschen ums Leben gekommen – darunter auch ein 12-jähriger Junge. 60 Personen wurden verletzt, so Klitschko.
In der Hafenstadt Odessa wurden mindestens acht Menschen getötet und 26 weitere verletzt. Mindestens vier Tote gab es auch in der Großstadt Dnipro, mindestens 34 Menschen wurden verletzt, zahlreiche Brände brachen gleichzeitig in verschiedenen Teilen der Stadt aus. Auch die ostukrainische Großstadt Charkiw meldete mindestens zwei Verletzte.
Angst vor Vernichtung in Odessa
„Eine albtraumhafte Nacht in der ganzen Ukraine!“, textet die in der Hafenstadt Odessa lebende Bloggerin Ekaterina Bogachinskaya auf Facebook. „Sie vernichten uns Tag und Nacht! Jeder Tag ist ein Tag der Trauer – ein Tag der Angst in einem Spiel wie russisches Roulette. Hat man Glück oder nicht?“ Es ist vor allem Ohnmacht, die sie fühlt.
Ekaterina Bogachinskaya, Odessa
„Ich kann mich nicht damit abfinden, dass ich hier nur ein zitterndes Wesen bin, weder meine Worte noch meine Taten etwas in dieser Welt verändern können.“ Ihre Heimat verlassen will Bogachinskaya dennoch nicht: „Und trotzdem bleiben wir hier, glauben, hoffen, leben.“
In der russischen Grenzregion Oblast Belgorod sind unterdessen nach Angaben des Gouverneurs Wjatscheslaw Gladkow infolge von Angriffen ukrainischer Streitkräfte ebenfalls mehrere Menschen zu Schaden gekommen.
Angriffe wurden auch aus der Hafenstadt Tuapse am Schwarzen Meer gemeldet. Dort starben durch ukrainische Drohnen zwei Kinder, teilte der Gouverneur des Gebietes Krasnodar, Wenjamin Kondratjew, mit. Er sprach von einem massiven Angriff auf die Stadt, der einen großen Brand ausgelöst habe. Tuapse ist einer der wichtigsten Häfen im Süden Russlands und dient als Drehscheibe für den Export von Erdölprodukten, Kohle und Düngemittel.
Großbritannien sagt Ukraine große Drohnenlieferung zu
Derweil hat auf dem 34. Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe, einem Bündnis aus 57 Ländern und der EU, Großbritannien zugesagt, der Ukraine bis Ende 2026 mehr als 120.000 Drohnen verschiedener Typen zu liefern. Das teilte das britische Verteidigungsministerium am Mittwoch mit. Die Auslieferung der Drohnen solle bereits im April beginnen, hieß es in der Erklärung.
„Während in den letzten Wochen alle Augen auf den Nahen Osten gerichtet waren, will Putin uns ablenken, aber die Ukrainer kämpfen weiterhin mit großem Mut, und nichts wird uns davon abhalten, ihnen so lange zur Seite zu stehen, wie es nötig ist, um den Frieden zu sichern“, sagte der britische Verteidigungsminister John Healey. (mit rtr)
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