Krieg in Sudan: Kampf ums Dreiländereck
Im sudanesischen Grenzgebiet zu Libyen hat die RSF-Miliz nun die Kontrolle übernommen. Mit dem libyschen Warlord Khalifa Haftar paktiert sie bereits.
Nach tagelangen Kämpfen haben sich die Sudanesischen Streitkräfte (SAF) aus dem Dreiländereck mit Libyen und Ägypten zurückgezogen. Zuvor hatten Kommandeure ihrer Kontrahenten im sudanesischen Bürgerkrieg, die Rapid Support Forces (RSF), die Einnahme der Region vermeldet. Videos in sozialen Medien zeigten RSF-Milizionäre in einer Militärbaracke der sudanesischen Armee. Noch sind weder die Anzahl der Opfer der Kämpfe noch das genaue Ausmaß des Rückzuges der SAF bekannt. Dennoch bezeichnen Beobachter die Übernahme des Länderdreiecks durch die RSF als entscheidend für den weiteren Verlauf des Kriegs in Sudan.
Und hier kommt Libyen ins Spiel: Der sudanesischen Armee ist zwar mit Einnahme der Hauptstadt Karthum im Mai ein Überraschungserfolg gelungen, doch ihr Kriegsgegner RSF kontrolliert weiterhin den größten Teil der westlichen Profinz Darfur und die dort liegenden lukrativen Goldminen. Das geschürfte Gold wird in das weiter nordwestlich angrenzende Libyen gefahren. Über dieselben Routen, aber in entgegengesetzte Richtung, lässt sich RSF-Anführer Mohamed Hamdan Dagalo, genannt „Hametti“, mit Waffen beliefern.
Die auf libyscher Seite das Gebiet kontrollierende Libysche Nationalarmee (LNA) von Feldmarschall Khalifa Haftar gilt als Verbündeter Hamettis. Libyen wird derzeit von zwei Fraktionen kontrolliert: Haftar im Osten, die Regierung von Übergangspremier Abdul Hamid Dbaiba im Westen. Laut Augenzeugenberichten sind Haftar und seine LNA entweder in den Waffen- und Goldschmuggel nach und aus Sudan involviert oder lassen diesen zu.
In Sudan liefern sich Einheiten der Armee und der paramilitärischen RSF-Miliz (Rapid Support Forces) seit dem 15. April 2023 Kämpfe im ganzen Land. Der Machtkampf setzt den Bemühungen zur Demokratisierung Sudans vorläufig ein Ende.
Die eigentlich menschenleere Grenzgegend südlich der libyschen Oasenstadt Kufra gilt als eine der heißesten und trockensten Gebiete der Welt. Doch seit dem Sturz von Ex-Diktator Muammar al-Gaddafi vor 14 Jahren entstanden dort zahlreiche Goldgräbersiedlungen, in denen viele aus Zentral- und Westafrika kommende Migrant:innen als Tagelöhner oder regelrechte Arbeitssklaven schuften. Islamisten besorgten sich außerdem in dem von Haftar kontrollierten Ostlibyen Waffen und schufen den „Jihadi-Highway“ für islamistisch gesinnte Kämpfer in die Zentralafrikanische Republik oder nach Mali.
Militärtransporter aus den Emiraten landen in Ostlibyen
Mit der Kontrolle des Dreiländerecks würde sich die Allianz aus Haftar und RSF-Führer Hametti einen Nachschubweg in den Westen Sudans sichern – der nach den Vorstellung Hamettis auch nach Kriegsende von seinen Milizionären kontrolliert werden soll. Die internationalen Verbündeten der beiden – Ägypten, Russland, die Vereinigten Arabischen Emirate – haben durch ihre Allianz mit den beiden Kriegsherren Zugang zu dem Gold aus dem Grenzgebiet. Und zu den größten Ölvorräten Afrikas in Libyens „Ölhalbmond“ südwestlich der in Ostlibyen gelegenen Stadt Benghazi.
Doch auch die Allianzen sind kompliziert: Haftar wurde in seinem 2014 begonnenen Kampf gegen dschihadistische Gruppen in der Region direkt von der ägyptischen Armee unterstützt und gilt bis heute als Verbündeter des ägyptischen Präsidenten Abd al-Fattah al-Sisi. Doch militärisch setzt Haftar auch auf eine enge Kooperation mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Moskau. Das führt zu Spannungen mit dem östlichen Nachbarn, denn Kairo ist mit der sudanesischen Armee verbündet, Moskau und Abu Dhabi mit der RSF. Lokale Journalisten bestätigten der taz am Telefon, dass immer wieder große Militärtransporter mit emiratischer Kennung im ostlibyschen Kufra landen. Mindestens sechs sollen es letzte Woche gewesen sein.
Auch in Europa ist man an einer Kooperation mit dem ehemals „Warlord“ genannten Libyer Khalifa Haftar interessiert: Am Montag landete dessen Sohn Saddam zu Konsultationen mit der italienischen Regierung in Rom. In den Gesprächen mit Vizepremier Antonio Fawasel wird es wohl hauptsächlich um einen Stopp der Migration gehen – und damit auch wieder um das umkämpfte Dreiländereck. Die LNA hatte vor einem Monat die dortige Grenze zum Sudan offiziell geschlossen. Seitdem schaffen es nur noch wenige Kriegsflüchtlinge nach Libyen und damit an die Küste, von der die Boote nach Europa ablegen. Augenzeugen beschreiben die Lage der südlich des Grenzgebiets Wartenden als desolat, es fehlt an Wasser und Nahrungsmitteln.
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