Wende im Libyenkrieg: Triumph für Premier Sarradsch

Libyens Regierung verjagt General Haftars Rebellen aus dem größten Luftwaffenstützpunkt des Landes. Er galt als Basis für die Belagerung von Tripolis.

Bombardierung von Tripolis durch Haftars Truppen am 6. Mai Foto: Xinhua/imago

TUNIS taz | Einheiten der libyschen Regierung haben der Libyschen Nationalarmee (LNA) des Generals Chalifa Haftar eine herbe Niederlage beigefügt. Die regierungstreuen Einheiten meldeten am Montagvormittag die Eroberung der Luftwaffenbasis Watia. Die in den 1960er Jahren gebaute und einst von der Sowjetunion genutzte große Basis südwestlich von Tripolis stand seit 2014 unter Kontrolle Haftar-treuer Kämpfer und war die wichtigste Basis für Haftars Belagerung und Beschuss der libyschen Hauptstadt.

Bei dem dritten Angriff innerhalb von zwei Wochen auf den mehrere Quadratkilometer großen Militärstützpunkt vertrieben mehrere Hundert Milizionäre des Ministerpräsidenten Fajis Sarradsch die LNA-Kämpfer und erbeuteten neben zahlreichen Waffen auch ein mobiles russisches Luftabwehrsystem des Typs Panzir, das die LNA gegen türkische Drohnen eingesetzt hatte.

Russische Söldner, die Watia eigentlich schützten, waren vor der Einkreisung der Militärbasis schon vor zwei Wochen über die nahe tunesische Grenze entkommen. Russland, der wichtigste nichtarabische Unterstützer Haftars, scheint den Fall von dessen wichtigstem Stützpunkt im Westen Libyens hingenommen zu haben. Aus LNA-Kreisen wird von einer Gegenoffensive berichtet, doch scheint der Kampf um Watia entschieden zu sein.

Die Kämpfe konzentrieren sich nun auf die Kleinstadt Tarhouna südlich von Tripolis, Haftars letzte Basis in Westlibyen. Eigentlich wollten Haftar, der seine Legitimation von dem im ostlibyschen Tobruk tagenden libyschen Parlament bezieht, und die mit ihm verbündeten Stämme aus Ostlibyen die Hauptstadtmilizen aus Tripolis vertreiben, die die aus einer UN-Friedenskonferenz hervorgegangene und damit international anerkannte Regierung Sarradsch schützen.

High-Tech-Krieg am Himmel

Zwar verfügt Sarradsch über keine eigenen Truppen und ist tatsächlich vom Wohlwollen der vier großen Milizen in Tripolis abhängig. Aber seitdem er im November 2019 einen Beistandspakt mit dem türkischen Präsidenten Erdoğan geschlossen hat, hat sich die militärische Lage rund um Tripolis zugunsten der Regierung geändert – und aus dem innerlibyschen Konflikt einen regionalen Stellvertreterkrieg gemacht.

Die mangelnde Bereitschaft der Hauptstädter, zu den Waffen zu greifen, konnte Sarradsch mit der Einladung von bis zu 5.000 syrischen Söldnern, die die Türkei nach Libyen flog, wieder wett machen. In den Stadtteilen Salah Eddine und Ain Zara sind an einigen Frontabschnitten rein syrische Einheiten im Einsatz. Die regierungstreuen Elitetruppen aus der libyschen Hafenstadt Misrata hingegen wurden ins Landesinnere verlegt, zur Offensive auf Watia.

Während die auf sozialen Medien von Kämpfern beider Seiten geteilten Szenen aus Watia an das Chaos während des Aufstands gegen Gaddafi 2011 erinnern, tobt am Himmel ein High-Tech-Krieg. Vor dem erfolgreichen Angriff, berichten Augenzeugen, feuerten türkische Fregatten im Mittelmeer vor der libyschen Küste Raketen auf mindestens eine Wing Loong-Drohne der LNA über Watia ab.

Diese chinesischen Drohnen stehen türkischen Bayraktar-Modellen gegenüber. Kampfflugzeuge aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten, der Türkei und Frankreich wurden in den letzten Wochen ebenfalls über den Fronten Westlibyens gesichtet.

Dass die Türkei der Partei von Sarradsch hilft, das Blatt im libyschen Krieg zu wenden, hat nun auch die Nato auf den Plan gerufen. Bald schon könnten auf der Basis Watia türkische Drohnen und F-16-Jets stationiert werden. Damit hätte Erdoğan auch politischen Einfluss in Libyen gewonnen, auch an der westlibyschen Küste, von wo fast alle Schmugglerboote nach Europa ablegen. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte der italienischen Zeitung La Stampa, dass man zukünftig der international anerkannten Einheitsregierung zur Seite stehen werde – ohne allerdings konkrete Maßnahmen anzudeuten.

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