Krieg in Afrikas Sahelzone: Mit Terroristen reden?

In Burkina Faso und Mali wird darüber diskutiert, mit Terrorgruppen Gespräche zu führen. Die Alternative: Immer mehr Gewalt.

Straßenszene in Burkina Faso

In den Gebieten um Bobo Dioulasso, der zweitgrößten Stadt in Burkina Faso, gibt es immer mehr Gewalt Foto: Jörg Böthling/imago

OUAGADOUGOU taz | Außerhalb der Hauptstadt Ouagadougou ist Gewalt durch Banditen und Terroristen in Burkina Faso vielerorts präsent. Der Schwerpunkt der Gewalt liegt im Norden an der Grenze zu Mali, wo mehr als eine Million Menschen auf der Flucht sind. Insgesamt zählt Burkina Faso über 1,4 Millionen Binnenflüchtlinge.

Neuester Schauplatz ist aber auch der Südwesten, der an die Elfenbeinküste grenzt. Durch diese Gegend führt die wichtigste Straße in das Nachbarland, das seit Jahrzehnten wichtigstes Migra­tions­land für Burkinabè ist. Und rund um Bobo-Dioulasso, zweitgrößte Stadt des Landes, liegt Burkina Fasos Hauptanbaugebiet für Baumwolle, ein wichtiges Exportprodukt. Nach Angriffen auf umliegende Dörfer hat das Grenzstädtchen Mangodora seit September mehrere tausend Vertriebene aufgenommen.

Durch verstärkte Militärpräsenz lässt sich diese Lage nicht ändern, da ist sich Adama Sawadogo sicher. Der Archäologe hat in Pobé-Mengao im Nordwesten des Landes ein Museum aufgebaut und geleitet. Heute lebt er als Binnenflüchtling in Ouagadougou. „Ich glaube sehr an Dialog. Man kann über alles sprechen“, sagt er. Wie in einer Familie müsse jeder sagen, was er denkt und will, um eine Lösung zu finden.

Dialog mit islamistischen Terrorgruppen? Sawadogo denkt an Ex-Präsident Blaise Compaoré, der 27 Jahre lang, bis 2014 an der Macht war. Für die einen war er der „softe Diktator“, für die anderen brachte er Burkina Faso auch dann noch Stabilität, als das Nachbarland Mali längst gekippt war – weil er sich mit mutmaßlichen Terroristen arrangierte. Der Bevölkerung brachte das Stabilität.

Verwirrung um „Dialogauftrag“ in Mali

Die Debatte über politischen Dialog mit Islamisten hatte vergangene Woche eine Äußerung des Hohen Islamischen Rates (HCI) im benachbarten Mali angeheizt. Ein Sprecher des Ratsvorsitzenden Ousmane Haidara hatte bekannt gegeben, dass das Ministerium für religiöse Angelegenheiten der Übergangsregierung von Oberst Assimi Goïta ihn abeauftragt habe, mit Malis beiden wichtigsten Dschihadistenführern Iyad Ag Ghaly und Amadou Kouffa Kontakte zu knüpfen.

Das hat Malis Regierung zwar mittlerweile dementiert: Einen solchen Auftrag gebe es nicht, und wenn die Regierung mit bewaffneten Gruppen sprechen wolle, werde sie selbst die Bevölkerung darüber in Kenntnis setzen.

Doch die Debatte trifft die Region in einer sensiblen Zeit: Frankreich, dessen Beziehungen zu Malis Militärregierung angespannt sind, zieht demnächst seine Truppen aus dem Norden Malis zurück, und die Sorge ist groß, dass die bewaffneten Islamisten nachrücken könnten.

Neu ist die Debatte nicht. In Mali unterstützt Imam Mahmoud Dicko, Malis einflussreichster muslimischer Führer, die Idee: Gesprochen werden müsse mit allen, die ebenfalls Malier und somit „Brüder“ seien. In Burkina Faso sprachen sich schon 2019 Teil­neh­me­r*in­nen des Nationalen Dialogs, bei dem Politik und Zivilgesellschaft über die Zukunft des Landes diskutierten, dafür aus.

Die Regierung zögerte, und im Wahlkampf 2020 lehnte Burkina Fasos Präsident Roch Marc Christian Kaboré Gespräche offiziell ab. Gut zwei Monate später machte Premierminister Christophe Dabiré aber erste Andeutungen einer Kehrtwende.

„Miteinander sprechen ist kein Zeichen von Schwäche“

Amadou Diemdioda Dicko, Abgeordneter der oppositionellen Union für Fortschritt und Wandel (UPC) aus der Stadt Dori im Konfliktgebiet, sagt der taz: „Wir müssen miteinander sprechen, selbst wenn wir zu keinem Ergebnis kommen. Das ist kein Zeichen von Schwäche.“ Nur so würde man erfahren, wer hinter der Gewalt stecke und welche Forderungen es gebe.

Ob es aktuell Verhandlungen gebe, will er aber nicht bestätigen. „Ich weiß es nicht, kenne aber auch nicht alle Maßnahmen, die der Staat möglicherweise ergreifen wird.“

Für Gespräche ist in Ouagadougou auch ein hochrangiger Vertreter der muslimischen Gemeinschaft, der sich nicht mit seinem vollen Namen äußern will. Schon in der Vergangenheit habe sich in Burkina Faso gezeigt, wie sich Gewalt eindämmen lässt: „In der Gegend um Djibo war es während der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr ruhig“, sagt er. Dafür seien Gespräche verantwortlich gewesen. „Die Frage ist, warum sich die Lage wieder verschärft hat und wer Abkommen gebrochen hat.“

Dass Gespräche Gewalt eindämmen können – dem stimmen auch christliche Kirchenvertreter zu. Allerdings sei nicht alles verhandelbar. Keinesfalls könne man einen Teil des Staatsgebiets abtreten. Eine solche Forderung ist bisher aber auch nicht geäußert worden.

Der Sozialanthropologe Issaka Sourwema, unter dem traditionellen Titel Naaba Boalga Vorsteher des Dorfes Dawelgué 40 Kilometer südlich von Ouagadougou, meint: „Kriege sind nie mit Waffen beendet worden, sondern immer mit Gesprächen. Wo würden wir hinkommen, wenn wir alles auskämpfen müssten? Nirgendwohin.“

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