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Krieg im IranWohin flüchten die Anhänger des Regimes?

Die Angriffe der USA und Israels halten an. Und wenn das Regime doch zusammenbricht? Angehörige wichtiger Entscheider sind bereits im Exil in Oman.

Zerstörung in Iran nach einem Luftangriff. Wohin flüchten seine Anhänger, wenn das Regime fällt? Foto: Vahid Salemi/ap

Bevor du einen hohen Turm klaust, muss du einen Versteckplatz finden. Das ist ein altes persisches Sprichwort. Und es beschreibt die derzeitige Lage der Machthaber in der Islamischen Republik: Wohin sollten und könnten sie – im Falle des Falles – fliehen? Fast nirgendwohin, ist die einfache Antwort. Zumindest, wenn es legal sein sollte.

Kein muslimisches Land, nicht einmal die Taliban im Nachbarland Afghanistan, wäre bereit, eine große Gruppe schiitischer Revolutionäre bei sich zu dulden. Mit Ägypten gibt es seit der Revolution vor 47 Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr. Und für Präsident Ahmed al-Scharaa in Damaskus gilt die Islamische Republik als Hauptfeind – noch gefährlicher als Israel oder Russland.

Von den Golfstaaten ganz zu schweigen, die in diesen Tagen Ziel iranischer Drohnen und Raketen sind, und allgemein keine guten Beziehungen zum Regime pflegten. Die Ausnahme hier ist Oman – dazu später mehr.

Potenziell gefährdet: Sicherheitskräfte und Mullahs

Doch wer könnte fliehen – und wie groß wäre die Zahl dieser potenziellen Flüchtlinge?

In der Islamischen Republik gibt es insgesamt 16 Geheimdienste mit etwa 100.000 Mitarbeitern. Revolutionsgardisten und die Paramilitärs, genannt Basidsch, haben annähernd 380.000 aktive Kämpfer. Allein im Sicherheitsapparat gibt es also annähernd 500.000 Menschen, samt ihrer Familien.

Doch es gibt noch eine andere Gruppe, die zahlenmäßig ähnlich ausfällt – und die an einem hypothetischen Tag danach nicht nur ihren Wohnort, sondern wohl auch ihr Äußeres und ihren Habitus ändern müsste. Nach einer Erhebung des Senders BBC kommt in Iran auf je 200 Einwohner ein Geistlicher. Von diesen ca. 450.000 Mullahs arbeiten 250.000 als sehr einflussreiche Beamte beim Staat. Sie sind Lehrer, Richter, mächtige Bürokraten, Geheimdienstmitarbeiter, Kulturschaffende.

Selbst in staatlichen Schlachtereien sind für sie geeignete Stellen kreiert worden. Vor vier Jahren berichtete die Nachrichtenagentur Fars: Iranische Geistliche, die für die Überwachung Halal-konformer Schlachtung in die Türkei entsandt worden seien, erhielten monatlich umgerechnet 2.500 Euro.

In den Provinzen, in allen großen und kleinen Ortschaften, werden diese in gehobenen Positionen arbeitenden Mullahs als Verkörperung der Herrschaft wahrgenommen. Jeder kennt sie. Bei einem Regime Change ist für sie ein weiterer Verbleib in diesen kleinen Orten mehr als risikoreich. In den sozialen Netzwerken kursieren bereits Namen, an denen sich so mancher nach einem Umsturz rächen wolle.

Ein Zufluchtsort im Nordosten des Landes

Nach der Revolution 1979 mussten mehrere Hunderttausend Staatsfunktionäre das Land fluchtartig verlassen. Sie waren zum großen Teil gebildet, viele von ihnen hatten im Westen studiert. Sie hatten wenig Probleme, sich in ihren Gastländern zu integrieren. Rund um die Welt gibt es inzwischen etwa 7 Millionen Exiliranerinnen und -iraner.

Den schiitischen Islamisten würde es – neben vielen logistischen Problemen – wohl auch kulturell schwerfallen, in anderen Gesellschaften Fuß zu fassen.

Die religiöse Großstadt Maschhad im Nordosten des Landes ist deshalb in diesen Tagen zu einem bevorzugten Zufluchtsort der Regimetreuen aufgestiegen. Maschhad, die Stadt, die wegen des dortigen Mausoleums des achten Imams der Schiiten den Beinamen „Heilige Stadt“ trägt, liegt fast 1.000 Kilometer nordöstlich von Teheran und verfügt über den zweitgrößten Flughafen des Landes.

Ali Chamenei ist bereits tot. Wer könnte ihm aus den Reihen des Regimes noch folgen? Foto: Vahid Salemi/ap

Vor einigen Tagen berichtete die Nachrichtenagentur Tasnim, Iran habe die Internationale Zivilluftfahrtorganisation (ICAO) aufgefordert, für lebenswichtige Flüge den Flughafen Maschhad als sicheren Flughafen zu deklarieren. Israel bombardiert seit Kriegsbeginn regelmäßig und sehr gezielt den Teheraner Flughafen Mehrabad, auf dem ausschließlich Inlandflüge stattfinden. Am Montag meldete die israelische Armee: In Mehrabad sei der Regierungsflieger zerstört worden, der vom mittlerweile getöteten Obersten Führer Ali Chamenei genutzt wurde. Damit „ist dem iranischen Regime ein weiteres strategisches Gut entzogen worden“, so eine auf Persisch verfasste Meldung.

Oman scheint Regime-Familien aufzunehmen

Teheran ist für die wenigen Entscheider in der Islamischen Republik bereits ein sehr unsicherer Ort.

Es gibt ein Land, in dem schon einige aus oder nahe der Herrschaftsstrukturen Zuflucht gefunden haben sollen: Nach gesicherte Informationen konnten die Familien hochrangiger Regimevertreter in zwei großen Hotels in Maskat, Hauptstadt Omans, untergebracht werden. Dabei handelt es sich wohl um Angehörige von Ali Laridschani, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates, Außenminister Abbas Araghtschi und Gholam-Hossein Mohseni-Ejei, oberster Richter des Landes.

Und denjenigen, denen es gelungen ist, Iran über den Grenzübergang Van in die Türkei zu verlassen, habe die iranische Botschaft in Maskat bei der Weiterreise Richtung Oman geholfen, und sichere Unterkünfte besorgt. Augenzeugen berichten: Die Einkaufszentren in Maskat sei voller Frauen in Tschadors und Männer mit geistlichem Aussehen – also vermutlich Familienangehörige von Regimeoberen, so die Augenzeugen vor Ort. Auch Bilder in den sozialen Netzwerken sollen sie zeigen.

Auch die Familie des Polizeikommandanten Ahmad Reza Radan ist offenbar via Türkei in Oman eingetroffen. Radan selbst steht auf der Todesliste Israels; wo er sich versteckt, ist ungewiss. Doch aus seinem Versteck erklärte er erst diese Woche: 500 „Spione“, die Bilder und Videos an Auslandssender übermittelt hätten, habe man in Iran festgenommen.

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