Geheimdienst-Chef in Iran getötet: An der Spitze des Regimes verdächtigt wohl jeder jeden
Geheimdienstminister Ismail Chatibzadeh wurde bei einem israelischen Angriff getötet. Das zeigt, wie sehr der Mossad den iranischen Geheimdienst unterlaufen hat.
Foto: Alaa Al-Marjani/reuters
Was Israel in diesen Tagen bei seinem Vorgehen gegen die Islamische Republik zustande bringt, wird Militärhistoriker mit Sicherheit lange Zeit beschäftigen. Vieles wird man nicht erfahren, bis es in einigen Jahrzehnten in den Memoiren eines Mossad-Agenten preisgegeben wird. Blickt man auf die Details, wie Ali Laridschani, Chef des Nationalen Sicherheitsrats, und Geheimdienstminister Ismail Khatibzadeh von Israel getötet wurden, drängt sich der Eindruck eines beinahigen Zusammenbruchs des iranischen Geheimdienstes auf. Der einer war Chefstratege und der andere der oberste Geheimnisträger des Landes. Beide befanden sich vier Dekaden lang im inneren Kern der Entscheidungsträger.
Wie tief in dieses System eingedrungen wurde, welche Menge an Informationen Israel erreicht hat, ist überwältigend, fast unglaublich. Laridschani hatte sich in einer Wohnung im Teheraner Vorort Pardis versteckt. Das ist ein Stadtteil, der seinen Bewohnern als Albtraum gilt: Häuser ohne Eigentumsurkunden, erschwerter Zugang zu kommunalen Dienstleistungen, ständiger Lärm. Laridschani wurde am Dienstag dort zusammen mit seinem Sohn, seiner Tochter sowie einem seiner Stellvertreter und mehreren Leibwächtern getötet.
Einige Stunden später und zehn Kilometer weiter wurde der Geheimdienstminister Ismail Chatibzadeh in einem Haus in einer verwinkelten Gasse im Stadtteil Zaferānieh getötet. Fast gleichzeitig wurde Gholamreza Soleimani, Chef der gefürchteten paramilitärischen Verbände Basij, in einem Zeltlager im Zentrum der Stadt ausfindig gemacht und liquidiert.
Drohnenschmuggel und Geheimquellen
Ein Berg von Informationen muss diesen drei Attentaten vorausgegangen sein, bevor die Raketen gezündet wurden. Und die Informanten müssen in so hohen Positionen gewesen sein, dass nun an der Spitze des Regimes wohl jeder jeden verdächtigt. Und das ist wiederum psychologischer Krieg, der wohl jeden im System verunsichern wird.
Der Mossad verfügt – nach allem, was man bislang weiß – über ein großes Netz an klandestinen Mitarbeitern, das schon seit Jahren flächendeckend gegen die Islamische Republik agiert und sich offenbar aus mehreren iranischen Quellen speist.
Das, was wir dieser Tage erleben, ist der zweite Krieg innerhalb von neun Monaten, bei dem Israel schon am ersten Tag die wichtigsten Leute eliminiert. Vor dem Krieg im vergangenen Juni hatte man im Vorfeld eine geheime Basis errichtet, auf der man Drohnen lagerte, die zuvor ins Land geschmuggelt worden waren. Die präzisionsgesteuerten Waffen wurden in der Nähe iranischer Boden-Luft-Raketensysteme positioniert und beim Beginn der Offensive eingesetzt. Die iranische Luftabwehr war damit praktisch neutralisiert.
Wer verriet Ali Chamenei?
Man muss sich die Namen und Positionen in Erinnerung rufen, die im Krieg 2025 schon am ersten Tag eliminiert wurden: Generalmajor Mohammad Bagheri, Stabschef der iranischen Streitkräfte und Architekt der iranischen Doktrinen für Drohnen- und Cyberkriegsführung. Generalmajor Hossein Salami, Kommandeur der Revolutionsgarden. Generalmajor Gholam Ali Rashid, Leiter der Militäroperationen. Abbasi Dawani, Schlüsselfigur der Nuklearplanung. Mehdi Tehranchi, der Kernphysiker, der geheime Forschungen leitete. Fast alle dieser hochrangigen Militärs wurden in unterschiedlichen Stadteilen in ihren Schlafzimmern getötet, um kurz nach Mitternacht.
Ähnlich verhält es sich beim aktuellen Krieg. Schon am ersten Tag wurde der mächtigste Mann des Landes samt seiner wichtigen Militärberater und fast seiner gesamten Familie getötet. Und das an einem Samstagsvormittag. Dass Israel an Shabbat und am helllichten Tag angreifen würde – damit hatte Ali Chamenei nicht gerechnet, als er an diesem Tag alle seine Berater bei sich versammelte. Dabei rechnete er wohl schon damit, dass jederzeit der Krieg beginnen könnte, denn zuvor hatten die Verhandlungen mit den USA ergebnislos geendet.
Wer aber informierte Israel von diesem Treffen im Hause Chamenei? Jahre werden wir wohl warten müssen, bis wir es erfahren.
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