Krawallautor über Held:innenfiguren: „Arschlöcher sind meistens die Helden“
Held:innen stehen eigentlich für das Gute. Hassautor Kristjan Knall zeigt auf, wieso sie aber auch immer Dreck am Stecken haben.
taz: Kristjan Knall, wieso finden Sie Held:innen so scheiße?
Kristjan Knall: Mehrere Sachen: erstmal sind es meistens Helden und nicht Heldinnen, und damit ein Ausdruck patriarchaler Scheißgewalt. Zweitens versuchen Leute komplexe Sachverhalte herunterzubrechen auf eine Heilsfigur – und das klappt meistens nicht.
taz: Wieso?
Knall: Du und ich, und die meisten da draußen, wir sind alle scheißegal. Was wirklich etwas ausmacht, ist systemische Veränderung. Helden sind immer das Gegenteil. Sie enttäuschen auch immer. Die einzigen Helden, die für sich werben könnten, sind früh gestorben. Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Che Guevara. Was wäre, wenn die alt geworden wären? Die wären Konservative. Dann werden Helden zu Antihelden.
geboren in den 80ern, schreibt der Berliner Autor unter seinem Pseudonym Bücher über seinen Berlin- und Kapitalismushass. Er hat ein Faible für das Böse und – nach eigener Aussage – für Schokoladenkuchen.
taz: Hatten Sie früher nie irgendwelche Held:innen, zu denen Sie aufgeschaut haben?
Knall: Nur ganz wenige, und wenn, dann so abstrakte wie Karl Marx. Aber eher wegen dem Werk. Persönlich war der voll das Arsch: hat seine Kinder verleugnet, war zu den Frauen unglaublich scheiße. Einer der wenigen, bei denen ich sagen würde, der hat’s hinbekommen, war Georg Büchner. Einfach nur wegen dem Spruch „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“. Ist dann mit 23 Jahren gestorben, konnte also auch nicht mehr viel Scheiße bauen. Aber auch das schafft man vielleicht einmal im Leben. Deswegen ist man kein Held.
taz: Und heutige „Fast-Held:innen“?
Knall: Alle bei der Letzten Generation. Ich habe Jahre mit denen verbracht, bin auch jetzt noch bei ähnlichen Bewegungen aktiv. Die wollen das nicht für sich, die wollen das für alle. Das ist, glaube ich, immer ganz wichtig. Aber ich weiß nicht, ob der Begriff Held es wirklich trifft. Es ist immer die Organisation und die solidarische Idee, die ist im Grunde genommen heldenhaft. Wozu ich Leute eher bewegen will, ist, wie die Antifa sagt, bildet Banden. Lauft nicht irgendeinem Arschloch hinterher, Arschlöcher sind meistens die Helden.
taz: Jetzt wirkt es trotzdem so, als bräuchten Menschen Vorbilder. Warum ist das so?
Knall: Bei Vorbildern bin ich gar nicht so kritisch. Ich glaube, Menschen funktionieren in der Gruppe. Wir wollen allen gefallen, rennen irgendwem hinterher. Die Struktur ist das Wichtige, dass Vorbilder sich nach einer Art solidarischem Kodex ausrichten. Weil – ich habe da neulich den Spruch gehört: „Macht macht kein Spaß ohne Machtmissbrauch“. Und da bin ich ganz Anarchist: Fick die Macht, alles für alle, und zwar umsonst. Das geht nicht mit Helden einher, Helden sind ein Ausdruck von Ungerechtigkeit.
taz: Warum stehen Menschen dann trotzdem so auf Held:innenfiguren?
Knall: Einerseits, glaube ich, ist das so ein evolutionäres Ding. Aber es gibt auch etwas in unserer Gesellschaft – und jetzt wird es ein bisschen pseudo-verschwörungstheoretisch – dass die Mächtigen versuchen, komplexe Probleme zu individualisieren. Da werden uns Leute hingestellt, da kann man sagen: „das sind jetzt eure Helden“ oder „die könnt ihr hassen“. Dabei kommen die wichtigen Fragen zu kurz.
„Heldenhass“, Lesung im Rahmen der SüdLese, 13.3., 20 Uhr, Treffpunkthaus Heimfeld, Friedrich-Naumann-Straße 9, Hamburg. Das Buch ist erschienen in der Edition Subkultur, 178 S., 13 Euro
taz: In Ihrem Buch schreiben Sie: „Bösewichte sind besser“. Wieso?
Knall: In der Historie denken wir immer, das Böse ist superböse. Nur wenn wir auf irgendwen anderes zeigen, dann übersehen wir meistens, was in unserem Land gerade schlecht läuft. Bösewichte sind immer ein Externalisieren des eigenen Problems. Das ist das Gute, das man an Bösem finden kann. Da lohnt es sich, immer noch mal genauer hinzugucken.
taz: Können Bösewichte dadurch auch zu Held:innen werden?
Knall: Sind sie auch ganz oft in der Geschichte! In meinem Buch habe ich über Martin Luther geschrieben: ein Antisemit, Frauenhasser, Bauernfeind. Hexenverbrennung fand er richtig geil. Wenn man den nach heutigen Maßstäben misst, ist er ein wirklich grässliches Arschloch. Gleichzeitig hat er die Bibel übersetzt und mit seinen Thesen die Leute auf eine Art empowert. Ich würde trotzdem sagen: alles in allem kein guter Charakter. Der Punkt ist: Helden gibt es nicht wirklich, sie sind immer zweigleisig. Aber das passt nicht in dieses Held-Nichtheld-Schema.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert