piwik no script img

Konzertempfehlungen für BerlinDie verlorene Welt der Krimtataren

Reisen in die Vergangenheit ermöglichen diese Woche die Gitarren. In die Zukunft geht es dagegen mit den guten alten Laptops.

U m die Jahrtausendwende standen Laptops für eine neue Form des mobilen Musizierens. Dank avancierter Musiksoftware brauchte man keine sperrigen Synthesizer oder großen Rechner mehr, um ein scheinbar unbegrenztes Klangspektrum an elektronischer Musik live im Raum hervorzubringen. Laptop auf den Tisch gestellt, Display hochgeklappt, und es konnte losgehen. Diese Innovation sorgte anfangs vor allem im erweiterten Umfeld der Clubmusik für Aufmerksamkeit, Laptops gehören aber längst ebenso zum Instrumentarium von Komponisten der Neuen Musik.

Zu letzter Gruppe gehört auch das ni-va Ensemble, das am Sonnabend beim Festival Young Euro Classic in der Reihe „Future Now Musical Diaries“ auftritt. Das Laptop-Quartett gründete sich im Studiengang Elektroakustische Komposition an der Nationalen Universität der Künste in Buenos Aires. In ihren Konzerten bearbeiten sie Sound in Echtzeit. Akustische und elektronische Klänge werden dabei oft bis zur Unkenntlichkeit kombiniert. Für elektroakustische Unterstützung sorgt das Cello von Stellan Veloce. Nach dem Konzert folgt ein Publikumsgespräch (Konzerthaus, 15. 8., 16.30 Uhr).

Einen Laptop verwendet dieser Tage auch der Musiker Michael Rother. Sein Hauptinstrument bleibt aber die Gitarre. An der trug er maßgeblich dazu bei, dass seltsame Musik aus Deutschland die Aufmerksamkeit von Musikkritikern aus England erregte und zur Verwendung des Begriffs „Krautrock“ inspirierte. Sein Duo Neu! mit Klaus Dinger etablierte kultiviert zurückgenommene Gitarrenriffs und brachte die Motorik in den Rock, die Superband Harmonia, die Rother zusammen mit dem Duo Cluster bildete, kombinierte Repetition mit kosmisch pastoralen Klängen. Danach begann er eine Solokarriere.

Bei seinem Konzert in der Reihe „Sound in the Garten“ in der Neuen Nationalgalerie, gleichfalls am Sonnabend, lässt Rother diese Stationen Revue passieren. Sein Weg ist nebenbei ein Beispiel dafür, wie sich auch im Rock in Würde altern lässt (Neue Nationalgalerie, 15. 8. 18.30 Uhr).

Eine andere Art des Dialogs mit der Vergangenheit pflegt der Gitarrist Raphael Rogiński, der am Sonntag im Morphine Raum sein aktuelles Album „Qırım“ vorstellt. Da wäre zunächst die Aufnahmetechnik, denn die Platte wurde auf Analogband eingespielt. Rogiński verfolgt mit seiner Musik aber auch so etwas wie einen ethnomusikalischen Ansatz. Von seinen Aufenthalten in der Ukraine inspiriert, betrachtet er das Album als musikalische Reise und Reisetagebuch zugleich. Damit möchte er vor allem die Kultur der Krimtataren würdigen. Nicht im Sinne eines Folklore-Archivs, sondern als etwas Lebendiges, das trotz russischer Annexion fortbesteht (Morphine Raum, 16. 8., 20 Uhr).

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Tim Caspar Boehme

Tim Caspar Boehme Kulturredakteur

Jahrgang 1971, arbeitet in der Kulturredaktion der taz als Filmredakteur und stellvertretender Ressortleiter. Boehme studierte Philosophie in Hamburg, New York, Frankfurt und Düsseldorf. Sein Buch „Ethik und Genießen. Kant und Lacan“ erschien 2005.
Mehr zum Thema

0 Kommentare