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Konflikt um TaiwanDer chinesische Überfall rückt näher

Peking fährt gegen Taiwan nicht nur Kampfflugzeuge und Schiffe auf. Chinas Parteiführung schwört die Bevölkerung zunehmend auf Krieg ein.

Chinas modernster Flugzeugträger Shandong ist Teil der jüngsten Drohkulisse Foto: Eastern Theatre Command/Reuters

Seoul taz | Aus allen Richtungen steuerten Dienstagmorgen 19 Kriegsschiffe auf Taiwan zu, flankiert von Kampfjets und Chinas neustem Flugzeugträger. Damit simulierte Pekings Militär eine Blockade der demokratisch regierten Insel, und kam ihr dabei so nah wie nie zuvor. Shi Ying, Militärsprecher von Chinas sogenanntem Ostkommando, stellte das Manöver als „ernsthafte Warnung“ an Taiwans „separatistische Kräfte“ dar.

Hintergrund ist eine Äußerung von Präsident Lai Ching-te, der Mitte März gewagt hatte, die Volksrepublik als „feindliche ausländische Macht“ zu bezeichnen. Auch legte er einen 17-Punkte-Plan vor, um der wachsenden Bedrohung durch China zu begegnen. Für Pekings Führung war dies ein Affront.

Das Militärmanöver vom Dienstag ist vor allem eine Drohkulisse, die darauf zielt, die mehr als 23 Millionen Taiwanerinnen und Taiwaner einzuschüchtern. Ein offener Krieg gilt nach wie vor als unwahrscheinlich – vor allem, weil die Eroberung einer Insel auch für die rasant aufrüstende Volksbefreiungsarmee eine immense Herausforderung darstellt. Zu diesem Schluss kam Anfang März auch das Verteidigungsministerium in Taipeh. „Da die Taiwanstraße eine natürliche Barriere darstellt, glaube ich nicht, dass die Volksbefreiungsarmee derzeit über die Fähigkeit zur amphibischen Kriegsführung verfügt“, sagte Verteidigungsminister Wellington Koo.

Die Kalkulation zwischen Risiken und Nutzen hat sich in den Augen Pekings jedoch zuletzt stark verschoben. Denn mit Donald Trump sitzt jetzt ein Präsident im Weißen Haus, der sich zunehmend vom internationalen Parkett zurückzieht, was die US-Alliierten im Indo-Pazifik zutiefst verunsichert. Möglicherweise könnte Chinas Parteichef Xi Jinping mit Trump einen Deal aushandeln, der auch Taiwans Schicksal besiegelt. Zugleich rüstet China sein Militär massiv auf.

Taiwans Präsident im Video als gegrillte Made

Auch schwört der Propagandaapparat die 1,4 Milliarden starke Bevölkerung auf die „Vereinigung des Mutterlandes“ ein. Am Dienstag etwa begleitete das Militär seine Manöver mit einer Medienkampagne, welche Taiwans Zivilbevölkerung und dessen Präsidenten entmenschlicht. In einem Comicvideo wird der 65-jährige Lai als kriechende Made dargestellt, die von riesigen Essstäbchen in die Zange genommen – und schließlich über lodernden Flammen gegrillt wird. Untertitelt wird die Animation mit einem geradezu zynischem Kommentar: „Parasit auf dem Weg zur endgültigen Vernichtung.“

In einem auch am Dienstag publizierten Video wird der Angriff auf Taiwan wie ein heroisches Videospiel dargestellt. Da hageln Bomben auf Ziele ein, martialische Explosionen werden mit Musik unterlegt. „Das Böse besiegen“, heißt der kurze Clip, der offenbar die Aufgabe hat, einen Krieg moralisch zu legitimieren. „Es ist so atemberaubend! Die Rückeroberung Taiwans steht vor der Tür!“, kommentiert ein User auf Wechat.

Längst führt China einen Informationskrieg gegen Taiwan. So nahmen die Behörden in Taipeh im letzten Jahr 64 chinesische Staatsbürger wegen mutmaßlicher Spionage fest, was ein deutlicher Anstieg ist. Zudem wurden in den letzten Wochen drei chinesische Influencer des Landes verwiesen, nachdem sie sich während ihrer Livestreams für eine militärische Eroberung Taiwans ausgesprochen hatten.

Immerhin können chinesische Staatsbürger in Taiwan auf eine rechtsstaatliche Behandlung zählen. In der Volksrepublik hingegen droht taiwanischen Bürgern oftmals Willkür: Erst kürzlich wurde der Verleger Li Yanhe zu drei Jahren Haft verurteilt – offensichtlich, weil er Peking-kritische Bücher vertrieben hatte.

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11 Kommentare

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  • Erinnert an das „Abkommen zur friedlichen Befreiung Tibets“, mit dem China die Usurpation Tibets besiegelte.

    Mehr als die Hälfte der Tibeter:innen starben, verelendeten in Lagern oder flüchteten.

    Tibet war eine der friedlichsten Kulturen der Welt, fröhlich, im Einklang mit den Tieren und der Natur um sie herum. Antilopen (ja, es gab Antilopen in Tibet), Murmeltiere etc. hatten keine Scheu vor den Menschen.

    Nun, mittlerweile ist von Tibet fast nichts mehr übrig. Die "Sinisierung" des Landes ist weitgehend abgeschlossen. Seit zig Jahren leben dort weit mehr Chinesen als Tibeter. Wo früher Klöster standen sind jetzt Trink- und Spielhallen. Die riesigen Wälder fast alle abgeholzt. Der Himalaya dient als Endlagerstelle für chinesischen atomaren Restmüll. Und wird für riesige Staudämme genutzt, mit denen China Südasien das Wasser abdrehen kann. Die Sorge dort ist groß.

    Die Taiwaner:innen sollten sich sehr genau anschauen was in Tibet passiert ist. Das gleiche Schicksal droht auch ihnen.

    Kein Mitleid. Keine Gnade.

    www.wiwo.de/techno...hen-/29824876.html

    • @shantivanille:

      Also, bei allen Untaten, die die chinesische Obrigkeit in Tibet verübt hat und noch verübt, sollte man doch bitte die Vergangenheit Tibets nicht so verklären. Diese „fröhliche Kultur“ war ein Feudalstaat wie aus dem Mittelalter, eine absolute Monarchie ohne Gewaltenteilung mit einer korrupten Verwaltung.



      Das entschuldigt natürlich nicht, was da während der Kulturrevolution und davor passiert ist. Ein Utopia war Tibet aber auch vor der chinesischen Besetzung mit Sicherheit nicht.

    • @shantivanille:

      Es gibt nach wie vor Antilopen in Tibet; dass diese ohne Scheu mit den Menschen zusammengelegt hätten, ist aber einem allzu romanitisierten Tibet-Bild geschuldet, dass die viel harschere Realität der dortigen Theokratie ausblendet. Die Bevölkerung besteht übrigens nach wie vor zu c. 86% aus ethnischen Tibetern (und vergleichbare Umweltsünden finden Sie überall in China - leider). Man kann an der chinesischen Tibet-Politik allerlei kritisieren, bei den Tatsachen bleiben sollte man allerdings doch.

  • Es kann niemand daran zweifeln, dass die Volksrepublik China seit ihrer Gründung die Insel Taiwan „heim ins Reich der Mitte führen will“.

    In den vergangen Jahren konnte die Volksrepublik die eigenen wirtschaftlichen und militärischen Möglichkeiten soweit ausbauen, dass ein erzwungener Anschluss Taiwans schon bald erfolgreich sein könnte.

    Würden, im Fall eines Angriffs auf Taiwan, die USA oder andere Staaten den offenen Krieg mit der Volksrepublik China wagen? Wenn ja, dann weniger um die Unabhängigkeit Taiwans zu verteidigen, als von eigenen Fehlern auch im Krieg gegen die Ukraine abzulenken.

    Gefährlich scheint mit die gestiegene Akzeptanz für militärische Lösungen, die über den Umweg höherer Rüstungsausgaben, der heimischen Wirtschaft dienen. Bomben und Wiederaufbau waren und sind für Staat und Kapital das nahezu perfekte Geschäftsmodel. Und solange vor allem AusländerInnen sterben … who cares? Wenn es um „unsere Freiheit“ geht, sind alle Mittel recht.

    • @DemokratischeZelleEins:

      "Bomben und Wiederaufbau waren und sind für Staat und Kapital das nahezu perfekte Geschäftsmodel."

      Mythen aus dem 19 Jhdt. Für ganz bestimmte Kapitalisten mag das zutreffen. Für die deutsche exportorientierte Friedensindustrie (Autobauer zum Beispiel) sind Kriegswirren eine Katastrophe.

      "Wenn ja, dann weniger um die Unabhängigkeit Taiwans zu verteidigen, als von eigenen Fehlern auch im Krieg gegen die Ukraine abzulenken." Dass halte ich für Unsinn. Von allen Gründen wäre das der dümmste...

      "Und solange vor allem AusländerInnen sterben … who cares? Wenn es um „unsere Freiheit“ geht, sind alle Mittel recht."

      Sie denken germanozentrisch. Die Konsequenzen für Deutschland interessieren niemanden im Ausland. Als ob die betreffenden Völker keinerlei Eigeninteressen hätten.

      Welcher russische, amerikanische oder Chinesische Oligarch denkt sich "Lass uns mal wieder ein Land überfallen damit die deutsche Rüstungsindustrie einen Aufwuchs erfährt"?

      Welcher Ukrainer, Taiwanese, Israeli oder Palästinenser denkt denn bitte "Wir verteidigen jetzt unser Land und Leben um deutsche Linke in Erklärungsnöte zu bringen"?

  • Wirtschaftliche Probleme bringen immer Kriegsgelüste um abzulenken. Ist bei den Chinesen nicht anders.

  • Das China früher als später Ernst macht ist mit jedem Tag von Europas Schwäche wahrscheinlicher. China hatte nun drei Jahre Zeit sich ausgiebig anzuschauen was passiert, wenn man gegen alle völkerrechtlichen Regeln des internationalen Zusammenseins verstößt.



    Trumps Härte gegen China ist tatsächlich etwas das den Angriff hinauszögern kann - Europa hat sich in vielem von China abhängig gemacht, man hat NULL aus dem russischen Überfall gelernt🤷‍♂️



    Gerade in Zukunftsbranchen wie der Batterietechnik hängen wir bei China am Tropf.



    Die lachen sich kaputt wie dumm die EU und insbesondere Deutschland ist. Womit wollen wir ihnen drohen, vor allem wirtschaftlich?



    Richtig. Mit gar nichts.



    Taiwan liegt nur 150 km von China entfernt, aber 8000 km von der EU - die Ukraine liegt nur 800 km von Deutschland entfernt UND ist für die Russen nicht blockierbar an die EU angeschlossen und trotzdem kommt nicht genügend Hilfe an - wie gut und wie viel würde Europa im Zweifelsfall wohl ein seeblockiertes Taiwan unterstützen können?



    Und womit? Mit unserer "Marine"?😂



    Nachdenken. Realistisch nachdenken. Chinesische Aktien verschwinden immer mehr aus europäischen Portfolios, auch aus meinen - aus Gründen...

  • Der 3. Weltkrieg ist in vollem Gang. Russland in der Ukraine und bald dann im Baltikum und in Moldau, China in Taiwan, die USA gegen den IRAN und seine Terrorbanden im nahen Osten, gegen Panama und Grönland.

    Was da alles passiert wird man erst hinterher als zusammenhängend erkennen. Also falls dann hinterher noch was erkannt werden kann.

  • "Peking fährt gegen Taiwan nicht nur Kampfflugzeuge und Schiffe auf. Chinas Parteiführung schwört die Bevölkerung zunehmend auf Krieg ein."



    Nicht wirklich unerwartet. Die wollen einfach mal testen, was Donald & Co. so dazu sagen.

    • @Encantado:

      Donald. Ausschließlich Donald. Ansonsten brauchen sie niemanden fürchten und fragen. Das ist die wirtschaftliche und internationale politische Lage.



      Europa ist ein Schatten früherer Stärke und Einfluss - weder wirtschaftlich und schon gar nicht militärisch haben wir gegen China Druckmittel - vor allem wirtschaftlich, die Abhängigkeiten von kritischen Gütern verlaufen zwischen China und der EU fast ausnahmslos in eine Richtung - ein denkbar schlechtes Blatt... 🃏

  • wir haben doch erst letzthin eine Fregatte der Bundesmarine (immerhin 9% unserer Seestreitkräfte dieser Größenordnung) durch die Straße von Taiwan geschickt um die Chinesen und deren Flugzeugträger (China: 3, Deutschland: 0) zu beeindrucken und Taiwan zu schützen, Da kann also garnichts schiefgehen.