piwik no script img

Konferenz Cables of ResistanceSand im Getriebe des Rechenzentrums

Wie lässt sich der Rechenzentren-Boom aufhalten? Teil­neh­me­r:in­nen auf der Anti-Big-Tech-Konferenz Cables of Resistance suchen nach Antworten.

Spuren des Widerstands: In Grüneheide engagierten sich Tesla-Gegner:innen gegen das Tech-Kapital Foto: Fritz Engel
Jonas Wahmkow

Aus Berlin

Jonas Wahmkow

Die Teil­neh­me­r:in­nen der Cables-of-Resistance-Konferenz sammeln sich in einer Menschentraube an der Eastside Gallery, dem berühmten, mit Kunstwerken verzierten Abschnitt der Berliner Mauer in Friedrichshain. Auf der kritischen KI-Stadtführung am Samstagnachmittag haben die Teil­neh­me­r:in­nen bereits Überwachungskameras gemappt und einen gescheiterten KI-Selbstbedienungssupermarkt begutachtet. Bevor es weiter zum Amazon Tower geht, ein kleiner Zwischenstopp.

„Entscheidend sind auch die Dinge, die wir nicht sehen“, sagt die Aktivistin und Künstlerin Sarah Fitterer, die die Stadtführung leitet. So seien sowohl die algorithmische Videoüberwachung und der Selbstbedienungssupermarkt auf Rechenzentren angewiesen: Riesige Betonklötze, vollgestopft mit Festplatten und Grafikkarten, die so viel Strom verbrauchen wie eine Kleinstadt. Doch gebaut werden die Rechenzentren vor allem in den Randgebieten, wo sie nicht so auffallen und Widerstand schwierig zu organisieren ist.

Die Frage, wie sich der bislang ungebremste Ausbau von KI-Infrastruktur stoppen lässt, zieht sich wie ein roter Faden durch die dreitägige „Bewegegungskonferenz gegen Big-Tech“, die am Wochenende zum ersten Mal in Berlin stattfand.

Nach den Plänen der Bundesregierung sollen sich die Rechenkapazitäten in Deutschland bis 2030 verdoppeln. Getrieben wird der Ausbau vor allem vom KI-Hype. Sprachmodelle wie ChatGTP benötigen enorm viel Rechenleistung für Training und Betrieb.

Rückkehr der Fossilen

„Es ist eine riesige Zwickmühle, falls der Ausbau wie geplant voranschreitet“, sagt Kira Mössinger von Algorithm Watch während einer Fishbowl-Diskussion am Samstagmorgen. „Wenn der Stromverbrauch von den erneuerbaren Energien nicht gedeckt werden kann, führt das zur Rückkehr der fossilen Energieträger.“

Die freie Journalistin Indra Jungblut erläutert, dass dieses Szenario in Frankfurt bereits eingetroffen sei. Die Stadt am Main gehört weltweit zu den Top 20 Standorten mit der höchsten Konzentration von Rechenzentren. Ein Ende des Ausbaus sei nicht in Sicht, auch wenn das Stromnetz der Stadt bereits am Limit sei. Bis 2035 seien keine neuen Netzanschlüsse zu haben. „Alles, was an Stromnetzkapazitäten verfügbar ist, geht an Rechenzentren“, sagt Jungblut.

Da das Stromnetz aber nicht mithalten kann, gehen Rechenzentrenbetreiber zunehmend über, die Anlagen selbst mit fossilen Kraftstoffen zu betreiben. So soll der Ausbau des FRA7 Rechenzentrums des amerikanischen Betreibers Cyrus One durch eine eigene Gasturbine ermöglicht werden. „Es ist davon auszugehen, dass das kein Einzelfall ist“, warnt Jungblut.

Wie lässt sich ein Rechenzentrum verhindern? Kira Mössinger von Algorithm Watch leitet einen Workshop Foto: Fritz Engel

Neben Frankfurt etabliert sich gerade die Region Berlin-Brandenburg als Hotspot der Branche. In Berlin und Umland sind Dutzende Rechenzentren geplant. Die meisten davon sind sogenannte „Hyperscaler“ mit einer Leistung von 100 Megawatt und darüber – so viel Strom, wie in etwa Potsdam verbraucht.

Grauer Klotz ohne Mehrwert

Auf der KI-Stadtführung versucht Fitterer die Dimensionen eines solchen Hyperscalers zu verdeutlichen. Die Teil­neh­me­r:in­nen sollen die Berliner Mauer hinunterlaufen und anhalten, wenn sie glauben, dass sie die Länge des größten Berliner Datenzentrums erreicht haben.

Erst nach fast 250 Metern kommen die Teil­neh­me­r:in­nen zum Stehen. So lang ist die Grundstückkante von Berlins größten derzeit im Bau befindlichen Datenzentrum. Auf 57.000 Quadratmetern entsteht in Lichtenberg das „Bluestar“, ein Hyperscaler mit 100 Megawatt Leistung. Fläche, auf der auch Wohnungen, Kleingewerbe oder soziale Infrastruktur entstehen könnten.

Doch ein Rechenzentrum bietet fast keinen Mehrwert für die Umgebung, in der es gebaut wird. Besonders deutlich wird das bei den Rechenzentren im Berliner Umland. Zum einen entstehen kaum Arbeitsplätze in den vollautomatisierten Anlagen. Auch die Gewerbesteuer ist oft minimal, da sich Betreiber den Gewinn kleinrechnen können. Die gigantischen Mengen Abwärme ist in ländlichen Gebieten kaum sinnvoll nutzbar, da viel mehr Energie erzeugt wird, als Haushalte zu versorgen sind.

Diese Argumente seien den Kommunen aber oft nicht bewusst, und ihnen werde vorgegaukelt, die Ansiedlung von Rechenzentren bringe Jobs, Einnahmen und die Ansiedlung von Tech-Unternehmen, sagt Werner Neumann vom Naturschutzverband BUND Hessen.

Kommunen sitzen am Hebel

Doch genau darin sieht Neumann einen Ansatzpunkt, geplante Rechenzentren zu verhindern. „Die Kommunen sind Dreh- und Angelpunkt. Wir müssen als Zivilgesellschaft auf sie zugehen.“

Diese Strategie befürwortet auch Sonja Lemke, Bundestagsabgeordnete der Linken. „Ob ich das Rechenzentrum bauen darf, entscheidet die Kommune“, sagt Lemke. Jeder Bebauungsplan habe eine Öffentlichkeitsbeteiligung und müsse vom Gemeinderat abgesegnet werden. „Wir müssen Projekte in ihrer frühen Phase auf dem Schirm haben und Leute vor Ort direkt ansprechen“, sagt Lemke.

Eine Probe aufs Exempel könnte sich bald bei Fürstenwalde ergeben. Dort sollen bald 430 Hektar Wald für ein Industriegebiet gerodet werden. An­woh­ne­r:in­nen spekulieren über die Ansiedlung eines Rechenzentrums und haben bereits eine Bürgerinitiative gegründet. Mit den Ak­ti­vis­t:in­nen von „Tesla den Hahn abdrehen“, die in direkter Nachbarschaft in Grünheide gegen die Ansiedlung des Elektroautobauers kämpften, hätten sie gleich Kampagnen-erfahrene Verbündete.

Die Konferenz brachte auch Erfahrungen aus anderen Ländern Europas zusammen, wo der Rechenzentren-Boom zu ähnlichen Problemen führt. „Es ist wichtig, die gesellschaftlichen Narrative über Datenzentren zu verändern“, sagte der irische Klimaaktivist und Forscher Dylan Murphy auf einem anderen Panel. In Irland sei die Ansiedlung von Rechenzentren und Tech-Unternehmen eng mit der Erzählung des technologischen Fortschritts verbunden, die negativen Seiten würden ignoriert.

Versteckte Kosten sichtbar machen

Mittlerweile seien Rechenzentren für über 20 Prozent des irischen Stromverbrauchs verantwortlich. Murphy organisierte 2023 eine Kampagne für ein Rechenzentren-Moratorium mit. Die Kampagne war nicht erfolgreich, aber das Moratorium gibt es trotzdem – weil das irische Stromnetz keine Kapazitäten mehr hat.

Eda, eine Hacktivistin aus Frankreich, betonte, wie wichtig es sei, die unsichtbaren Infrastrukturen sichtbar zu machen. In der Hafenstadt Marseille fand das aktivistische Kollektiv La Quadrature du Net heraus, dass die lange geplante Elektrifizierung des Hafens aufgrund der Datenzentren nicht umgesetzt werden konnte. In der Stadt gibt es enorme Probleme mit Luftverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe. Diese sollten eigentlich im Hafen emissionsarm über Strom laufen, doch warum das Projekt nicht umgesetzt werden konnte, war nur wenigen An­woh­ne­r:in­nen bewusst, berichtet die Aktivistin.

Die Frage, warum wir mehr Rechenzentren brauchen, wird nie gestellt. Die Grundannahme ist, wir brauchen das

Indra Jungblut, freie Journalistin

Diese versteckten Kosten sichtbar zu machen sei die Grundlage für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, sagt Eda. „Die Basis von Demokratie sind Informationen.“

Auch in Deutschland müssten wir die Notwendigkeit des Booms grundsätzlich hinterfragen, sagt Indira Jungblut. „Die Frage, warum wir mehr Rechenzentren brauchen, wird nie gestellt. Die Grundannahme ist, wir brauchen das.“ Dabei basiere vieles von dem, was jetzt entstehe, auf einer Spekulationsblase. „Wir wissen überhaupt nicht, ob die Zentren ausgelastet sind. Sie werden als Wette in die Zukunft gebaut“. Platzt die KI-Blase, bleiben verwaiste Infrastrukturen zurück.

Es geht um Fundamentalkritik

Besonders dramatisch wäre dieses Szenario bei der Nutzung der Abwärme, die bislang im Energieeffizienzgesetz für Rechenzentren vorgeschrieben ist. Was tun, wenn ein Hyperscaler, der über 10.000 Haushalte mit Wärme versorgt, pleitegeht?

Naturschützer Werner Neumann vom BUND warnt, beim Kampf um die Deutungshoheit nicht zu zurückhaltend aufzutreten. Wer nur nachhaltige Datenzentren fordere, sie aber nicht in Gänze infrage stelle, drohe zum Steigbügelhalter des Tech-Kapitals zu werden. „Wir haben auch nie gefordert, die Abwärme von Atomkraftwerken zu nutzen. Da müssen wir selbstbewusster werden“, findet er.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

3 Kommentare

 / 
  • Es ist höchste Zeit, dass jeder, der etwas gegen die naive Akzeptanz der "Platz da für die KI" - Mentalität beitragen kann, jetzt dabei hilft, den Leuten die Tragweite und die essentiellen Gefahren des Gewährenlassens des Tech-Lobbyismus zu erklären. Zudem müssen wir uns darum kümmern, dass möglichst viele verstehen, was KI eigentlich ist und nicht ist, wo der Nutzen liegt und welche Prioritäten notwendig werden. Wir müssen unsere Kompetenzen und Möglichkeiten zusammenbringen, unsinnige und gefährliche Entwicklungen zu unterbinden. Deswegen müssen die Informationen aus diesem Artikel möglichst weite Verbreitung finden, und es gibt da jede Menge mehr, wie z.B. in



    taz.de/Boom-der-Serverfarmen/!6099850/



    Wir werden nicht nur bei Netzkapazitäten und Energieverfügbarkeit sehr bald an die Grenzen stoßen. Auch die Preis- und Verfügbarkeitsentwicklung von IT-Hardware greift lägst in Wirtschaftsprozesse ein. So darf es auf keinen Fall weitergehen!

  • Das ist eins der wichtigsten Themen der nächsten Jahre. Jetzt werden Weichen gestellt wer die Kontrolle behält und/oder ausbauen kann und welche weiteren Ressourcen abgeschöpft werden.

  • Wie wäre es keine von diesen Apps die KI verwenden und vor allem die sog. sozialen Medien mehr zu nutzen? Bestimmte sog. KI Anwendungen kann man auch lokal auf dem eigenen Rechner installieren, ebenso auch eigene Server statt einer Cloud, dafür braucht man keine externen Rechenzentren. Eine weitere Seuche ist auch Microsoft Office/Outlook, ich sehe das an meinem dienstlichen Notebook auf dem zwangsweise MS über Citrix läuft, auch wenn man nur einen einfachen Text schreibt werden da Unmengen an Daten übertragen und der zig Prozesse belasten den Prozessor und der Lüfter ist am jaulen.