Konferenz Cables of Resistance: Sand im Getriebe des Rechenzentrums
Wie lässt sich der Rechenzentren-Boom aufhalten? Teilnehmer:innen auf der Anti-Big-Tech-Konferenz Cables of Resistance suchen nach Antworten.
Die Teilnehmer:innen der Cables-of-Resistance-Konferenz sammeln sich in einer Menschentraube an der Eastside Gallery, dem berühmten, mit Kunstwerken verzierten Abschnitt der Berliner Mauer in Friedrichshain. Auf der kritischen KI-Stadtführung am Samstagnachmittag haben die Teilnehmer:innen bereits Überwachungskameras gemappt und einen gescheiterten KI-Selbstbedienungssupermarkt begutachtet. Bevor es weiter zum Amazon Tower geht, ein kleiner Zwischenstopp.
„Entscheidend sind auch die Dinge, die wir nicht sehen“, sagt die Aktivistin und Künstlerin Sarah Fitterer, die die Stadtführung leitet. So seien sowohl die algorithmische Videoüberwachung und der Selbstbedienungssupermarkt auf Rechenzentren angewiesen: Riesige Betonklötze, vollgestopft mit Festplatten und Grafikkarten, die so viel Strom verbrauchen wie eine Kleinstadt. Doch gebaut werden die Rechenzentren vor allem in den Randgebieten, wo sie nicht so auffallen und Widerstand schwierig zu organisieren ist.
Die Frage, wie sich der bislang ungebremste Ausbau von KI-Infrastruktur stoppen lässt, zieht sich wie ein roter Faden durch die dreitägige „Bewegegungskonferenz gegen Big-Tech“, die am Wochenende zum ersten Mal in Berlin stattfand.
Nach den Plänen der Bundesregierung sollen sich die Rechenkapazitäten in Deutschland bis 2030 verdoppeln. Getrieben wird der Ausbau vor allem vom KI-Hype. Sprachmodelle wie ChatGTP benötigen enorm viel Rechenleistung für Training und Betrieb.
Rückkehr der Fossilen
„Es ist eine riesige Zwickmühle, falls der Ausbau wie geplant voranschreitet“, sagt Kira Mössinger von Algorithm Watch während einer Fishbowl-Diskussion am Samstagmorgen. „Wenn der Stromverbrauch von den erneuerbaren Energien nicht gedeckt werden kann, führt das zur Rückkehr der fossilen Energieträger.“
Die freie Journalistin Indra Jungblut erläutert, dass dieses Szenario in Frankfurt bereits eingetroffen sei. Die Stadt am Main gehört weltweit zu den Top 20 Standorten mit der höchsten Konzentration von Rechenzentren. Ein Ende des Ausbaus sei nicht in Sicht, auch wenn das Stromnetz der Stadt bereits am Limit sei. Bis 2035 seien keine neuen Netzanschlüsse zu haben. „Alles, was an Stromnetzkapazitäten verfügbar ist, geht an Rechenzentren“, sagt Jungblut.
Da das Stromnetz aber nicht mithalten kann, gehen Rechenzentrenbetreiber zunehmend über, die Anlagen selbst mit fossilen Kraftstoffen zu betreiben. So soll der Ausbau des FRA7 Rechenzentrums des amerikanischen Betreibers Cyrus One durch eine eigene Gasturbine ermöglicht werden. „Es ist davon auszugehen, dass das kein Einzelfall ist“, warnt Jungblut.
Neben Frankfurt etabliert sich gerade die Region Berlin-Brandenburg als Hotspot der Branche. In Berlin und Umland sind Dutzende Rechenzentren geplant. Die meisten davon sind sogenannte „Hyperscaler“ mit einer Leistung von 100 Megawatt und darüber – so viel Strom, wie in etwa Potsdam verbraucht.
Grauer Klotz ohne Mehrwert
Auf der KI-Stadtführung versucht Fitterer die Dimensionen eines solchen Hyperscalers zu verdeutlichen. Die Teilnehmer:innen sollen die Berliner Mauer hinunterlaufen und anhalten, wenn sie glauben, dass sie die Länge des größten Berliner Datenzentrums erreicht haben.
Erst nach fast 250 Metern kommen die Teilnehmer:innen zum Stehen. So lang ist die Grundstückkante von Berlins größten derzeit im Bau befindlichen Datenzentrum. Auf 57.000 Quadratmetern entsteht in Lichtenberg das „Bluestar“, ein Hyperscaler mit 100 Megawatt Leistung. Fläche, auf der auch Wohnungen, Kleingewerbe oder soziale Infrastruktur entstehen könnten.
Doch ein Rechenzentrum bietet fast keinen Mehrwert für die Umgebung, in der es gebaut wird. Besonders deutlich wird das bei den Rechenzentren im Berliner Umland. Zum einen entstehen kaum Arbeitsplätze in den vollautomatisierten Anlagen. Auch die Gewerbesteuer ist oft minimal, da sich Betreiber den Gewinn kleinrechnen können. Die gigantischen Mengen Abwärme ist in ländlichen Gebieten kaum sinnvoll nutzbar, da viel mehr Energie erzeugt wird, als Haushalte zu versorgen sind.
Diese Argumente seien den Kommunen aber oft nicht bewusst, und ihnen werde vorgegaukelt, die Ansiedlung von Rechenzentren bringe Jobs, Einnahmen und die Ansiedlung von Tech-Unternehmen, sagt Werner Neumann vom Naturschutzverband BUND Hessen.
Kommunen sitzen am Hebel
Doch genau darin sieht Neumann einen Ansatzpunkt, geplante Rechenzentren zu verhindern. „Die Kommunen sind Dreh- und Angelpunkt. Wir müssen als Zivilgesellschaft auf sie zugehen.“
Diese Strategie befürwortet auch Sonja Lemke, Bundestagsabgeordnete der Linken. „Ob ich das Rechenzentrum bauen darf, entscheidet die Kommune“, sagt Lemke. Jeder Bebauungsplan habe eine Öffentlichkeitsbeteiligung und müsse vom Gemeinderat abgesegnet werden. „Wir müssen Projekte in ihrer frühen Phase auf dem Schirm haben und Leute vor Ort direkt ansprechen“, sagt Lemke.
Eine Probe aufs Exempel könnte sich bald bei Fürstenwalde ergeben. Dort sollen bald 430 Hektar Wald für ein Industriegebiet gerodet werden. Anwohner:innen spekulieren über die Ansiedlung eines Rechenzentrums und haben bereits eine Bürgerinitiative gegründet. Mit den Aktivist:innen von „Tesla den Hahn abdrehen“, die in direkter Nachbarschaft in Grünheide gegen die Ansiedlung des Elektroautobauers kämpften, hätten sie gleich Kampagnen-erfahrene Verbündete.
Die Konferenz brachte auch Erfahrungen aus anderen Ländern Europas zusammen, wo der Rechenzentren-Boom zu ähnlichen Problemen führt. „Es ist wichtig, die gesellschaftlichen Narrative über Datenzentren zu verändern“, sagte der irische Klimaaktivist und Forscher Dylan Murphy auf einem anderen Panel. In Irland sei die Ansiedlung von Rechenzentren und Tech-Unternehmen eng mit der Erzählung des technologischen Fortschritts verbunden, die negativen Seiten würden ignoriert.
Versteckte Kosten sichtbar machen
Mittlerweile seien Rechenzentren für über 20 Prozent des irischen Stromverbrauchs verantwortlich. Murphy organisierte 2023 eine Kampagne für ein Rechenzentren-Moratorium mit. Die Kampagne war nicht erfolgreich, aber das Moratorium gibt es trotzdem – weil das irische Stromnetz keine Kapazitäten mehr hat.
Eda, eine Hacktivistin aus Frankreich, betonte, wie wichtig es sei, die unsichtbaren Infrastrukturen sichtbar zu machen. In der Hafenstadt Marseille fand das aktivistische Kollektiv La Quadrature du Net heraus, dass die lange geplante Elektrifizierung des Hafens aufgrund der Datenzentren nicht umgesetzt werden konnte. In der Stadt gibt es enorme Probleme mit Luftverschmutzung durch Kreuzfahrtschiffe. Diese sollten eigentlich im Hafen emissionsarm über Strom laufen, doch warum das Projekt nicht umgesetzt werden konnte, war nur wenigen Anwohner:innen bewusst, berichtet die Aktivistin.
Indra Jungblut, freie Journalistin
Diese versteckten Kosten sichtbar zu machen sei die Grundlage für eine gesellschaftliche Auseinandersetzung, sagt Eda. „Die Basis von Demokratie sind Informationen.“
Auch in Deutschland müssten wir die Notwendigkeit des Booms grundsätzlich hinterfragen, sagt Indira Jungblut. „Die Frage, warum wir mehr Rechenzentren brauchen, wird nie gestellt. Die Grundannahme ist, wir brauchen das.“ Dabei basiere vieles von dem, was jetzt entstehe, auf einer Spekulationsblase. „Wir wissen überhaupt nicht, ob die Zentren ausgelastet sind. Sie werden als Wette in die Zukunft gebaut“. Platzt die KI-Blase, bleiben verwaiste Infrastrukturen zurück.
Es geht um Fundamentalkritik
Besonders dramatisch wäre dieses Szenario bei der Nutzung der Abwärme, die bislang im Energieeffizienzgesetz für Rechenzentren vorgeschrieben ist. Was tun, wenn ein Hyperscaler, der über 10.000 Haushalte mit Wärme versorgt, pleitegeht?
Naturschützer Werner Neumann vom BUND warnt, beim Kampf um die Deutungshoheit nicht zu zurückhaltend aufzutreten. Wer nur nachhaltige Datenzentren fordere, sie aber nicht in Gänze infrage stelle, drohe zum Steigbügelhalter des Tech-Kapitals zu werden. „Wir haben auch nie gefordert, die Abwärme von Atomkraftwerken zu nutzen. Da müssen wir selbstbewusster werden“, findet er.
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