Kommentar „Säxit“

Sachsen bleibt deutsch

Der Witz, Sachsen einfach in die Unabhängigkeit zu entlassen, ist nicht sonderlich lustig. Denn er geht am Kern des Problems vorbei.

Demonstrant in Meißen

Nein, diese Demo in Meißen aus der Familie der Pegida-artigen, führt die schwarz-rot-goldne Fahne nicht aus Versehen mit. Foto: ap

Mit Blick auf Dresden, Freital, Meißen, Heidenau ist es sicher nicht abwegig, die offen zur Schau gestellte brutale Provinzialität, den Rassismus und die Gewaltbereitschaft für ein sehr speziell sächsisches Problem zu halten. Kaum sonst irgendwo gibt es derzeit auf so engem Raum so viel unverstellten Hass, so viele Bilderbuchnazis.

Ebenfalls ist es nicht ganz abwegig, scherzen zu wollen, Sachsen möge Deutschland doch einfach verlassen und sich in seiner Selbstgefälligkeit suhlen. Säxit wird das dann genannt und geistert als verzweifeltes Witzchen durch die Welt. Verzweifelt, denn schon die Prämisse der humorig gemeinten Idee lenkt vom Kern des Problems ab.

So wird ein hässliches Deutschland konstruiert, dass da existiere in einem geografisch klar umrissenen Raum, repräsentiert von einem ganz spezifischen Schlag Menschen. Dagegen sollen vermutlich Vernunft, Barmherzigkeit und zivilisierte Bürgerlichkeit im Rest des Landes stehen.

Die in Heidenau so „überforderte“ Polizei wird aber nach gesamt-, also westdeutschen Standards ausgebildet und geführt. Auch der reaktionäre Justiz- und Staatsschutzapparat Sachsens, der AntifaschistInnen überwacht und drangsaliert, ist keine Hinterlassenschaft der DDR oder wurde speziell für das Land entwickelt, sondern kam mit Kurt Biedenkopfs Beamten- und Politikerkaste nach 1990 rüber.

Unser Sachsen – unser Deutschland

Biedenkopfs Erbe Stanislaw Tillich sagt über die schweren Ausschreitungen in Heidenau: „Das ist nicht unser Sachsen.“ Doch, das ist unser Sachsen, jedoch nicht allein das. Das ist eben auch unser Deutschland – jenes Deutschland, dass an so vielen Orten kaum in der Lage sein will, aus Kriegsgebieten Geflüchteten ein festes Dach über dem Kopf anzubieten. Jenes Deutschland, dessen Bundesinnenminister laut darüber nachdenkt, Asylbewerbern noch die jämmerlichsten Almosen zusammenzukürzen.

Es ist auch jenes Deutschland, dessen Kanzlerin schweigend darauf wartet, wohin der Wind sich drehen wird in der Flüchtlingsfrage. Damit fordert sie einerseits das private Engagement zahlloser Helfer heraus, die am Elend der Geflüchteten ehrlich Anteil nehmen und Hilfsbereitschaft zeigen. Andererseits sieht sich ganz offensichtlich auch der rassistische Mob eingeladen, den öffentlichen Raum zu besetzten. Und das tut er im Zweifelsfall überall, nicht nur in Sachsen.

„Säxit“ – das ist der zwar verständliche, aber nutzlose Wunsch, das „Böse“ einfach abstoßen zu können, die Nazis rauszuschmeißen, gerade so als gehörten sie nicht dazu. Dabei sind die Verhältnisse in Sachsen doch nur die Folge über Jahrzehnte gewachsener deutscher Zustände und ihr perfekter Ausdruck. Dieser Landstrich ist eine Ausnahme nur insofern, als dass er Avantgarde ist; eine Ankündigung dessen, was da noch kommen mag. Deshalb: „Säxit“? Da könnte man Deutschland auch gleich ganz auflösen.

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Jahrgang 1976, tätig für die tageszeitung seit 2006, Redakteur und CvD bei taz.de 2012-19, seitdem Redakteur für digitale Gesellschaft und Zeug. Errungenschaften: 2. Platz im Sackhüpfen (bis 8 Jahre) des Ferienlagers Großräschen (1983), Wiedervereinigung (1990), Literaturstipendium des Landes Sachsen-Anhalt (2004), Triglav (2011/15). Public key: https://pgp.mit.edu/pks/lookup?op=vindex&search=0xC1FF0214F07A5DF4

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