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Kommentar Lohnkosten Lohnverzicht bringt nichts

Ulrike Herrmann

Kommentar von

Ulrike Herrmann

Arbeit immer billiger machen, damit sie endlich nachgefragt wird - das funktioniert nicht. Vollbeschäftigung gibt es gerade da, wo die Lohnkosten hoch sind.

Ulrike Herrmann ist wirtschaftspolitische Korrespondentin der taz.

Für die Arbeitslosigkeit in Deutschland gibt es ein beliebtes Patentrezept: Wir brauchen einen Niedriglohnsektor. Gerade bei den Dienstleistungen seien die deutschen Gehälter viel zu hoch. Es wäre also kein Wunder, dass die Deutschen ihre Schuhe lieber selber putzten, statt einem Geringqualifizierten die Chance zu geben, durchs Polieren ein paar Cents zu verdienen. Wir sollten uns doch ein Beispiel an Großbritannien nehmen, diesem Wunderland der billigen Dienstbarkeit.

Diese schlichte Sicht auf den Arbeitsmarkt wurde nun gestern durch die Empirie gestört. Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) hat die Lohnkosten bei den Dienstleistungen europaweit verglichen - und Deutschland liegt weit hinten auf Platz 10. Nur in Ost- und Südeuropa ist es günstiger, sich bedienen zu lassen. An den hohen Löhnen kann es also nicht liegen, wenn die deutsche Dienstleistungsbranche darbt. Anders formuliert: Wir brauchen keinen Niedriglohnsektor, wir haben ihn schon.

Diese Botschaft ist wichtig - besonders für die Bundesregierung, die schon wieder Kombilöhne für gering Qualifizierte plant. Billige Arbeit soll noch billiger werden, damit sie endlich nachgefragt wird. Das wird nichts. Der Effekt wäre rein statistisch: Wahrscheinlich würden wir dann sogar noch die Lohnkosten in Italien unterbieten. Aber komisch, auch dort ist die Arbeitslosigkeit hoch.

Die Bundesregierung agiert, als würde der Arbeitsmarkt wie ein Gemüsemarkt funktionieren. Wenn die Kartoffeln nicht verkäuflich sind, dann wird der Preis eben so lange gesenkt, bis auch die letzte Kartoffel verramscht ist. Aber dieser Ansatz übersieht, dass Löhne eben nicht nur Kosten sind - sondern auch Nachfrage. Daher ist es nur auf den ersten Blick verwunderlich, dass ausgerechnet jene Länder Vollbeschäftigung melden, die auch bei den Lohnkosten an einsamer Spitze stehen: Schweden und Dänemark.

Lohnverzicht bringt nichts. Das ist doch eine schöne Nachricht für eine Bundesregierung, die gerade an den Programmen für die Wiederwahl feilt. Besonders das SPD-Trio Platzeck, Steinbrück und Steinmeier sollte über seinen Gestus der sozialen Härte nachdenken. ULRIKE HERRMANN

Ulrike Herrmann

Ulrike Herrmann Wirtschaftsredakteurin

Ulrike ist seit 2000 bei der taz. Nebenher schreibt sie Bücher. Das neueste heißt "Geld als Waffe. Wie die Wirtschaft über Krieg und Frieden entscheidet" und erscheint am 12. März 2026.
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