Kommentar „Charlie“ und Saudi-Arabien: Peitschenhiebe gegen Aufklärung
Wir sollten neben „Charlie“ auch Raif Badawi sein. Er gründete die Seite „Die saudischen Liberalen“ – und wird mit 1.000 Peitschenhieben bestraft.
D ie islamische Welt versinkt in Blut und Tränen, und sie wird nicht von außen gerettet werden, sondern sich selbst ändern müssen. Aber wo sind sie, die liberalen Moslems, die aufgeklärten Araber, die das bewerkstelligen könnten?
Nun, zum Beispiel hier: Raif Badawi ist Saudi. Er gründete 2008 die Website „Die saudischen Liberalen“ und schrieb dort, dass Moslems, Christen, Juden, Atheisten und andere Menschen gleichwertig seien.
Das verstößt gegen die Gesetze von Saudi-Arabien, einerseits, weil es angeblich den Islam abwertet, und andererseits, weil der Betrieb der Website selbst gegen die Zensurbestimmungen verstößt. Raif Badawi wurde verhaftet und zu zehn Jahren Haft, umgerechnet 200.000 Euro Geldstrafe und 1.000 Peitschenhieben verurteilt.
1.000 Peitschenhiebe, das überlebt ein menschlicher Körper nicht am Stück. Und so wird Raif ab heute 20 Wochen lang je 50 Hiebe erhalten. Jeden Freitag.
Michel Reimon ist ein österreichischer Autor, ehemaliger Journalist, Kommunikationsberater und Politiker. Derzeit ist er für die Grünen im Europäischen Parlament. Der Text erschien auch im österreichischen Der Standard.
Mauern höher ziehen, noch mehr Drohnen schicken
Saudi-Arabien ist ein Gottesstaat, eine Diktatur, ein Financier extremistischer islamistischer Gruppen. Saudi-Arabien ist aber auch ein wichtiger Energielieferant, eine Schlüsselmacht im Nahen Osten, ein strategischer Verbündeter des Westens.
Wir können uns mit Charlie Hebdo solidarisch erklären und Karikaturen abdrucken. Wir können Spenden für Flüchtlinge sammeln, Luftangriffe auf Stellungen des Islamischen Staates fliegen und al-Qaida-Führer mit Drohnen töten. Wir könnten auch die Überwachung unser aller Kommunikation weiter ausbauen und die Mauern um die Mittelmeerküsten noch höher ziehen.
All das wird nichts bringen, wenn wir zulassen, dass liberale Muslime für ein Jahrzehnt hinter Gitter gesteckt werden und Woche für Woche halbtot gepeitscht werden – und die radikalen Islamisten, die dieses Verbrechen begehen, als unsere Verbündeten hofieren. Das muss aufhören. Alles andere ist verlogen, ohne Wenn und Aber. Unsere wahren Verbündeten sind Menschen wie Raif Badawi, ihnen haben wir zu helfen und beizustehen. Jeder einzelne Freitag in den nächsten 20 Wochen wird ein Tag unserer Schande, unserer Scheinheiligkeit und unseres Versagens sein, wenn wir wegsehen.
Deshalb sollten wir nicht nur Charlie sein, sondern auch Raif.
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