piwik no script img

Kolumne KonservativNationalismus, Sozialismus, Karaoke

Matthias Lohre
Kolumne
von Matthias Lohre

In Vietnam muss lebendiger Konservatismus zu Hause sein. Denn was ist konservativer als das Befolgen einer einer Jahrhunderte alten Ideologie?

H ier irgendwo muss er sein. In Vietnam leisten sich die Menschen schließlich aus der Zeit gefallene Leidenschaften, zu denen sich Deutsche höchstens betrunken bekennen: Nationalismus, Sozialismus und Karaoke. Und deshalb werde ich ihn hier garantiert finden: lebendigen Konservatismus.

Von Hanoi im Norden bis Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden will ich das Land der Länge erkunden. Wie es sich gehört, lese ich mir kurz vor der Landung die wichtigsten Fakten an: Vietnam ist geprägt vom Konfuzianismus, der Gehorsam lehrt gegenüber Staat und Familie. Die Kommunistische Partei herrscht mit einer Mischung aus Dogmatismus und Pragmatismus. Vietnam ist eine Art katholischer Kirche mit Sandstrand.

Deshalb muss vitaler Konservatismus hier zu finden sein. Denn was ist heute konservativer als das Befolgen einer eineinhalb Jahrhunderte alten Ideologie? Noch dazu in einem Land, dessen Bewohner als die Deutschen Südostasiens gelten: fleißig, folgsam und humorlos.

Ich lande in Hanoi. Einst Hauptstadt des kommunistischen Nordvietnams, heute des ganzen Landes. Im Lonely Planet lese ich: „Der bezaubernde Hoan-Kiem-See ist das Herzstück des alten Hanoi.“ Der Reiseführer behält recht. Sofern man „bezaubernde“ durch „Smog verhangene“ ersetzt, „das Herzstück“ durch „die Shopping-Meile“ und „alten“ durch „neuen“.

Werte zu verkaufen

Ich suche Zuflucht in einem Restaurant. In einer Ecke steht ein hölzerner Buddha. Sein Kopf lehnt gelassen auf dem aufgestellten Knie, die Augen sind geschlossen. Ein Bild inneren Friedens. Als ich aufbreche, sage ich dem Betreiber: „Ihre Buddhafigur ist sehr schön.“ Der Mann lächelt und sagt: „Danke. Ich mache Ihnen einen guten Preis.“

Von meiner Suche nach lasse ich mich nicht abbringen. Ich fliege nach Hoi An: Hort einer einzigartigen Altstadt aus dem 15./16. Jahrhundert, Unesco-Weltkulturerbe-Stätte. Konservativer geht’s nicht. Ich gehe durch die Gassen. Sie sind voller Menschen. Manche sind vielleicht sogar Vietnamesen. Hoi An erweist sich als Touristenort.

Vor einer Galerie hängt ein kleines Gemälde, das mir sehr gut gefällt. Die Betreiberin versichert mir, sie verkaufe ausschließlich Werke hiesiger Künstler. Ich kaufe das Bild. Am nächsten Tag schlendere ich wieder an der Galerie vorbei. An der Stelle, an der mein Gemälde hing, hängt eine exakte Kopie.

Letzter Versuch. Ich fliege nach Ho-Chi-Minh-Stadt. Mein Sitznachbar sagt: „Wir Vietnamesen haben Jahrhunderte der Kolonialherrschaft und Kriege erlebt. Chinesen, Franzosen, Japaner und Amerikaner, dann der Kommunismus. Jetzt blicken wir in die Zukunft!“ Ich setze mir Kopfhörer auf.

In Ho-Chi-Minh-Stadt husche ich über überfüllte Straßen, auf denen Jugendliche mit „Hello Kitty“-Helmen auf Mopeds fahrend in ihr iPhone sprechen. Dann erreiche ich endlich mein Ziel: ein Geschäft für alte KP-Propagandaposter. Wehmütige Erinnerungen an eine Zeit, die es so nie gegeben hat. Ein Paradies für Konservative. Um mich herum ausschließlich Westler. Vietnamesen haben von authentischer vietnamesischer Kultur nun mal keine Ahnung.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Matthias Lohre

Matthias Lohre Schriftsteller & Buchautor

Schriftsteller, Buchautor & Journalist. Von 2005 bis 2014 war er Politik-Redakteur und Kolumnist der taz. Sein autobiographisches Sachbuch "Das Erbe der Kriegsenkel" wurde zum Bestseller. Auch der Nachfolger "Das Opfer ist der neue Held" behandelt die Folgen unverstandener Traumata. Lohres Romandebüt "Der kühnste Plan seit Menschengedenken" wurde von der Kritik gefeiert. Anfang 2025 veröffentlichte er seinen zweiten Roman "Teufels Bruder" über Heinrich und Thomas Mann in Italien.
Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • Es mag verwundern aber Ideologie von vor 150 Jahren sind so ziemlich das modernste das es momentan gibt....wirklich grundlegend neue Ideologien nach dem 19. Jhdt gibts eigentlich nicht.