Kolumne German Angst

Nationalismus hat ein Geschlecht

Das Bild der Frau muss oft für den Zustand der Nation herhalten. Sie ist potenziell schon immer im Bündnis mit dem Feind.

Demonstranten, hauptsächlich Männer, zeigen Deutschlandflaggen

Von Pegida bis zu Köthen: Wer hier auf die Straße geht, ist in der Mehrzahl männlich Foto: dpa

Es ist nicht gerade die große Zeit des Mannes. #MeToo, Streit um moderne Männlichkeiten und einvernehmlichen Sex, Totalverunsicherung, angry white men und toxische Männlichkeit, wohin man schaut, und überhaupt haben wir in Deutschland ja eine Kanzlerin! Gut, ist eine ziemliche Ausnahme. Vielleicht ist es also gerade doch die Zeit des Mannes. Denn je unsicherer der Status des Mannes, umso lauter werden seine Verteidiger.

Von Pegida bis zu Chemnitz und Köthen – wer da, vereint in Menschenfeindlichkeit auf die Straße geht, ist in der absoluten Mehrzahl männlich. Es ist kaum zu übersehen, dass der autoritäre Nationalradikalismus ein soziales Geschlecht hat. Als Kehrseite dazu gehört dazu die rhetorische Schleife und Instrumentalisierung von sexualisierter Gewalt gegen Frauen als Schlachtross der einen gegen die anderen, fremden Männer.

Die Nationalradikalen selbst entdecken das Geschlecht als Ressource, auch Frauenthemen, obgleich aus antifeministischer Perspektive. Das alles geschieht, während der liberale Mainstream sich über Gender Studies und Unterstrich mokiert. Warum das so fatal ist? Weil in den Geschlechterverhältnissen so viel aufgehoben ist.

Zum Beispiel steht hinter der Normalisierung des nationalen Diskurses und seiner Dichotomisierung der Welt, in der das Auseinanderdividieren von Mann und Frau besonders wichtig ist, die traditionelle Kleinfamilie. Ein Ort der radikalen Abgrenzung nach außen, der trotz gleichgeschlechtlicher Ehe, Patchwork, Polyamorie usw. doch immer noch das eine sein soll: Schutzraum für Frau und Kind als Nukleus der Nation. Das tief in unser Selbstverständnis eingeschriebene Bild des potenten Erzeugers als Brotverdiener und der Frau als Mutter und vielleicht noch etwas anderem, wenn sie’s denn schafft. Aber auch symbolisch.

Heilige und Hure

Vor 100 Jahren bekamen Frauen das Wahlrecht eingeräumt. Begleitet wurde diese neue Handlungsfähigkeit der Frau in der Öffentlichkeit vom Schock einer Gesellschaft, die den Menschen nun mal als Mann definiert hatte. Die Frauen verkörpern seither die neue Ambivalenz einer modernen Gesellschaft – der Abwehrreflex ist entsprechend bis heute weit verbreitet. Viele der gängigen Wunschfantasien von der Frau und der Gemeinschaft, die sie verkörpert, sind hier verwurzelt: Heilige und Hure, Opfer und Verführerin, Mutter und Kindsmörderin.

Und im Zweifel muss das Bild der, nein, unserer Frau für den Zustand der Nation herhalten. Dass unsere Frauen geschützt werden müssen, vor Männerhorden, Messerstechern und Vergewaltigern. Aber das ist eben nur die halbe Wahrheit, denn die Fantasie von der Frau als Spiegelbild einer bedrohten (deutschen) Nation hat eine Kehrseite: bedroht wird sie eben auch von innen. Es ist grotesk, aber selbst die Umvolkung, sie funktioniert nur über die Frau. Das ist das Problem mit den Frauen. Sie ist potenziell schon immer im Bündnis mit dem Feind.

.

Vollzeitautorin und Teilzeitverlegerin, Gender- und Osteuropawissenschaftlerin.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben