Knasttheater aufBruch spielt Lessing: Ein Platzhalter für eigene Gedanken
Das Berliner Gefangenentheater aufBruch spiegelt in einer Open-Air-Inszenierung von Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“ Debatten der Gegenwart an dem Klassiker.
Foto: Thomas Aurin
Unterhalten sich ein Kamel und mehrere Esel, wohnhaft in Jerusalem, über Aufklärung, wird ihr Zuhause zum Stall des im Vorderen Orient gut vernetzten jüdischen Händlers Nathan. Sie schleppen sich durch die Wüste mit all den Waren, auch noch im Jahr 2026, sind sie doch die Karawane in Gotthold Ephraim Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“.
Nun landen sie in einer grünen Oase in Berlin, dem Freilufttheater in der Jungfernheide. Und hat Lessing die Lasttiere 1779 noch zum Schweigen verdonnert, erobern sie jetzt selbstbewusst die Bühne. Kostümbildnerin Elena Chant hat das aufBruch-Ensemble in charmante karierte Sackkleider gesteckt, in die reichlich Karotten passen. Denn immer mal wieder lümmelt die kommentarfreudige Karawane auf der Bühne rum und frisst entspannt Möhren.
AufBruch, Berlins Gefangenentheater, das die Naturbühne in der Jungfernheide seit sechs Jahren mit Freigängern, ehemaligen Gefangenen und SchauspielerInnen bespielt, widmet sich das erste Mal in seinem fast 30-jährigen Bestehen Lessings Ideendrama „Nathan der Weise“. Die sich Schritt für Schritt entwickelnde Freundschaft zwischen dem jüdischen Händler Nathan, dem Sultan Saladin und dem Tempelherrn Kurt von Stauffen im Jerusalem zu Zeiten der Kreuzzüge wird mit Empathie und Humor performt.
So stattet Ali seinen Tempelherrn mit einem sympathisch durchlässigen Panzer aus Duktus und Körpersprache eines Neuköllner Bros aus. Und Para Kialas Nathan steht, als sie sich das erste Mal begegnen, vor Saladin in der größtmöglichen Einfachheit. Der reiche Kaufmann ist ihm ausgeliefert, da er absolute politische Macht hat, das wird greifbar in Kialas Körperhaltung. Die Arme seitlich an den Körper gepresst, scheint es, als würde er die Luft anhalten, um so wenig Raum wie möglich einzunehmen.
Eingerahmt wird Lessings Theaterstück von Texten, die sich an der Realitätstauglichkeit seines Toleranzideals abarbeiten. So klopfen George Tabori, der israelische Dramatiker Joshua Sobol und der dänische Autor Christian Lollike Lessings „Nathan“ auf unterschiedliche Weise ab in den 1990ern und Nullerjahren. Hat man sich also gerade auf die Lessingschen Figuren eingestellt, wird man durch die Kommentarkarawane, mehr aber noch durch im Chor gesprochene Einwürfe unsanft aus der Lessingschen Komfortzone geschleudert.
Sprechchoreinschübe sind Programm beim langjährigen aufBruch-Regisseur Peter Atanassow. In der Jungfernheide schleudert der Chor Gedanken über Lessing und Darwin, über die Macht der kulturellen Prägung bis zur Behauptung, dass „Lessing lügt“ im Stakkato ins Publikum. Die Gedanken schlagen Purzelbaum beim Zuhören, so viel wird angerissen. Und dann kommt die schüchterne, in ihren Lebensretter verknallte Recha um die Ecke und es geht mit Lessing weiter.
Pure Leichtigkeit durchzieht die Bühne, eine filigrane, einen Palast andeutende Eisenkonstruktion, durch die sattes Baumgrün schimmert, wenn das Keyboard ertönt. Das Ensemble, insbesondere solistisch Juliette Roussennac, gibt Schlager zum Besten, die thematisch an „Nathan den Weisen“ andocken. So ist das Lied „Salome“, von Arthur Rebner 1920 verfasst, voller kultureller Zuschreibungen. In der Jungfernheide wird es flankiert von einem witzig-ironischen Bauchtanz.
Und mittendrin die Ringparabel, bei der das gesamte Ensemble wie eine schützende Mauer hinter dem transparenten Bühnenbild steht. Beide Nathan-Darsteller, Para Kiala und Sven-Eric, die sonst alternierend agieren, stehen jetzt zusammen Saladin gegenüber und erzählen von den drei monotheistischen Religionen in Form von Ringen.
Und man versteht so deutlich wie selten, Nathans/Lessings Ring, der „vor Gott und Menschen angenehm zu machen“ verspricht, ist der Platzhalter für den eigenen Willen. Da Lessing in persona auftreten darf, brechen sich wilde Diskussionen über sein Stück und das Wesen der Vernunft Bahn. Viel kann an dem Abend nebeneinander und auch gegeneinander stehen und befruchtet sich gegenseitig bei dieser Premiere wenige Tage vor der Schicksalswahl in Sachsen-Anhalt.
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