Klimaschutz auf hoher See: Schiff ahoi, ohne CO₂?
Die Seeschifffahrt will klimaneutral werden. Die Einigung auf praktische Schritte haben zuletzt die USA torpediert. Jetzt gibt es wieder Verhandlungen.
Fährt die Seeschifffahrt jetzt einer strahlenden CO₂-neutralen Zukunft entgegen? Als erste Industrie überhaupt hatte sich die maritime Wirtschaft ein Netto-Null-Ziel gesteckt – weltweit. Es soll 2050 erreicht sein. Zusammen mit den Zwischenmarken für 2030 und 2040 hat die Weltschifffahrtsorganisation (IMO) vor zwei Jahren einen schiffbaren Reduktionskurs eingeschlagen. Aber die handfesten Maßnahmen fehlen noch. Um die soll es ab Montag bei internationalen Verhandlungen gehen.
Im Oktober 2025 hatte der Umweltausschuss der IMO schon ein dickes Klimapaket voller Maßnahmen geschnürt. So sollen Reedereien im Globalen Süden bei der grünen Transformation von reichen Konzernen wie Maersk, MSC und Hapag-Lloyd finanziell unterstützt werden. Im Vorfeld der damals angesetzten Herbsttagung strotzten selbst Umweltverbände in Deutschland noch vor Optimismus. Doch in letzter Minute gelang es den Diplomaten des US-Präsidenten Donald Trump im Flottenverband mit Ölstaaten am Persischen Golf, ein Verhandlungsergebnis in London zu torpedieren.
Nun nimmt die International Maritime Organisation von Montag bis Freitag einen erneuten Anlauf. Doch dieses Mal geben sich Umweltverbände wenig erwartungsfroh. „Wir erwarten weitere Bemühungen ölexportierender Staaten, einen fossilen Geschäftsbetrieb der maritimen Branche zu verankern“, sagt Lukas Leppert, Verkehrsexperte des Umweltverbands Nabu, der taz. „Erneut liegt es in den Händen der progressiven Mitgliedstaaten, sich dem zu widersetzen, im Rahmen konstruktiver Dialoge Unklarheiten aus dem Weg zu räumen und so den Weg zur Verabschiedung des Maßnahmenpakets zum Schutz des Klimas zu bereiten.“
Bereits im Oktober hatte sich eine Mehrheit auf einen tragfähigen Kompromiss verständigt. Diese Mehrheit sei nun gefragt, „stark zu bleiben“, so Leppert. Jenes nun in London erneut auf dem Tagungstisch liegende Klimapaket, das sogenannte Net-Zero Framework, basiert auf der IMO-Treibhausgasstrategie, einer umfassenden Folgenabschätzung sowie jahrelanger Verhandlungen. „Die positive Verabschiedung des existierenden Maßnahmenpakets durch eine Mehrheit der Mitgliedstaaten ist möglich und muss Ziel der Verhandlungen dieses Jahr sein“, sagt Nabu-Experte Leppert. Einstimmigkeit ist selbst für grundlegende Beschlüsse nicht notwendig. Es genügt eine Zweidrittelmehrheit, um weltweite Standards zu setzen.
Die Seeschifffahrt ist für etwa drei Prozent der global emittierten Treibhausgase verantwortlich. Um das Netto-Null-Ziel erreichen zu können, sind auch viele Reedereien, Werftunternehmen und Häfen an einer schnellen Verabschiedung eines handfesten Maßnahmenpakets interessiert. In einem Online-Hintergrundgespräch wiesen Experten des internationalen Klimanetzwerkes Global Strategic Communications Council auf technische Herausforderungen hin. Containerfrachter und Tanker haben eine Lebensdauer von etwa 30 Jahren. Für die grüne Transformation bedürfe es aber neuer Schiffe, grüner Treibstoffe wie Methanol und Ammoniak – die bislang kaum produziert werden – und es bedürfe eines aufwendigen Ausbaus der Infrastruktur an Land.
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