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Klimaanpassung statt KlimaschutzDie pragmatische Verwaltung der Katastrophe

Timm Kühn

Kommentar von

Timm Kühn

Berlin steuert auf fast 4 Grad Erhitzung zu. Doch statt etwas dagegen zu tun, will sich der Senat hauptsächlich anpassen. Zynischer geht es nicht.

Es brennt in Berlin: hier aber nur wegen einer Protestaktion von Extinction Rebellion Foto: imago

K aum ei­ne:r hat die Zahl noch ernsthaft zur Kenntnis genommen: 3,8 Grad – das ist die offizielle Prognose des Landes Berlins, wie viel heißer die Stadt im Zuge der menschengemachten Klimakatastrophe werden wird.

3,8 Grad Erwärmung in Berlin, das ist ein zivilisatorisches Versagen. Die Prognose entspricht dem sogenannten Worst-Case-Szenario, weil es die gegenwärtige Entwicklung globaler Emissionen fortschreibt. Würde gegengesteuert, ließe sich die Erwärmung in Berlin noch auf 2,1 Grad begrenzen. Im Best-Case-Szenario sogar auf 1,1 Grad.

Doch die Risikoanalyse des Senats geht mit Blick auf die globale Emissionsentwicklung „als geeignetes Szenario“ von den katastrophalen 3,8 Grad aus. Global bedeutet das einen mittleren Temperaturanstieg von 4,8 Grad.

Jetzt kann man sagen: Ist doch gut, dass der Senat seine Anpassungspolitik am Worst-Case-Szenario ausrichtet. Heißt ja nicht, dass dieses eintritt. Wäre es auch – würde der Senat nicht bei jeder Gelegenheit massiv an Klimaschutzmaßnahmen kürzen. Würde der Senat nicht die Fortschreibung des Klimaschutzprogramm BEK blockieren, das konkrete Sektorziele zur Emissionsreduktion festschreiben würde. Würde der Senat nicht aktuell Holzkraftwerke bauen lassen, deren CO2-Bilanz schlimmer als Kohle sein kann, und das als klimaschonende Übergangslösung bezeichnen. Und, und, und …

Die pragmatische Verwaltung der Katastrophe

Die einzige vernünftige Reaktion auf eine 3,8-Grad-Prognose wäre daher ein radikaler Kurswandel beim Klimaschutz. Doch stattdessen setzt der Senat voll auf Klimaanpassung: Seit der Übernahme des „Volksentscheids Baum“ plant Schwarz-Rot, 250.000 neue Straßenbäume zu pflanzen. Man schlage damit einen Weg weg vom Alarmismus und hin zum Pragmatismus ein, sagte ein Staatssekretär bei der Vorstellung der Risikoanalyse. Man müsste laut auflachen: Einerseits Klimaschutz blockieren, andererseits mit der hausgemachten Katastrophe pragmatisch umgehen wollen – gibt es ein besseres Beispiel für Zynismus?

Welche Folgen eine Erwärmung von 3,8 Grad hat, kann gar nicht glaubwürdig prognostiziert werden

Wenn man die Zusammenhänge größer denkt, ist diese Politik allerdings nur logisch. Sie ergibt sich daraus, dass die kapitalistische Produktionsweise so eng mit der Zerstörung des Planeten verknüpft ist, dass nicht schnell genug auf erneuerbare Energien umgesattelt werden kann, ohne die Eigentumsordnung zu gefährden. Also blockieren die kapitalnahen Parteien den Klimaschutz. Weil sie aber gleichzeitig die Gesellschaft weiter verwalten müssen, versuchen sie, sich an die Folgen der Klimakrise anzupassen. Also: die Folgen der hausgemachten Katastrophe pragmatisch zu verwalten.

Das ist eine Wette mit dem Einsatz unserer aller Zukunft. Die Wette lautet, dass die Anpassung schon reichen wird, damit alles irgendwie weitergehen kann. Dabei ist nicht einmal sicher, dass die Klimaanpassung gelingt. Welche Herausforderungen beim Pflanzen von 250.000 Bäumen innerhalb der zähen Berliner Behördenstrukturen bevorstehen, hat vergangene Woche eine Studie der Berliner Forste gezeigt. Laut dieser glauben 85 Prozent der Leitungen der Straßen- und Grünflächenämter in den Bezirken, die vielen Baumpflanzungen seien nicht umsetzbar.

Widerstand von unten

Noch viel unsicherer ist aber die Zukunft an und für sich, sollte es wirklich in Richtung 3,8 Grad gehen. Denn die Wahrheit lautet: Welche Folgen das hätte, kann wegen der vielfach zusammenhängenden und sich gegenseitig verstärkenden Wirkungsketten überhaupt nicht glaubwürdig vorausgesagt werden. So benennt die Risikoanalyse des Senats zwar 214 Risikofaktoren. Fokussiert wird sich dann aber – naheliegenderweise – auf Probleme, wo tatsächlich gegengesteuert werden kann, wie Hitze und Hitzeschutz.

Nicht beachtet werden in der Risikoanalyse dagegen zum Beispiel die potenziell eintretenden globalen Kipppunkte. Was es aber für Berlin bedeutet, wenn etwa der Golfstrom zusammenbricht (was For­sche­r:in­nen zufolge auch einen Temperaturabsturz von 10 Grad in Europa bedeuten könnte), wird ausgeklammert. Ebenfalls unterkomplex abgefrühstückt werden die möglichen sozialen und politischen Folgen der Klimakrise: Ressourcenkonflikte, zusammenbrechende Lieferketten, Faschismus, Migrationsbewegungen, neue globale Konflikte, und, und, und.

Hier ist kein Platz, diese Risiken zu bewerten. Bewertet werden kann aber die Leichtfertigkeit, mit der der Senat glaubt, mit ein paar Anpassungsmaßnahmen könnte schon alles weitergehen. Gefragt werden kann, was es bedeutet, dass die Menschen in politischer Verantwortung diese Wette einzugehen bereit sind. 3,8 Grad. Ein alter Song von Michael Jackson drängt sich ins Ohr. „They don't really care about us“.

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Timm Kühn
Redakteur
Chef vom Dienst bei der taz Berlin. Schreibt für die taz über soziale Bewegungen und mehr.
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1 Kommentar

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  • „They don't really care about us“. Wer ist "us"?



    Der überwiegende Teil der Bewohner Deutschlands sieht nach aktuellen Umfragen das Risiko der Klimakatastrophe als eher nachrangig. Dem wird politisch selbstverständlich Folge geleistet. Zudem wird von den Profiteuren der Fossilwirtschaft schärfer denn je gegen Kritiker gekämpft, mit Milliardenklagen gegen Umweltverbände, mit Lügen und Beschwichtigungen in der breiten Öffentlichkeit. Die nicht ungern all die Märchen hört. "Siehst du: alles gar nicht so schlimm!" Forscher, die sich seit Jahrzehnten mit den Folgen der globalen Erwärmung beschäftigen, zweifelt man hingegen an.



    Egal, ob Stadt oder Land: es wird wohl grausam werden.