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Klaus Raab empfiehlt Serien Hauptsache, Fußball!

Falls mal kein WM-Spiel läuft: taz FUTURZWEI empfiehlt Fußballserien über die Geschichte von 1860 München, Mesut Özil und die des Fußballs der Frauen.

taz FUTURZWEI | Eines ist amüsant an all den Fußballdokumentationsserien über Topvereine und Superstars, die seit etwa acht Jahren auf vielen Streamingdiensten laufen: zu sehen, wie viel Mühe sich die Cristiano Ronaldos, Manchester Citys und Juventus Turins geben, interessant zu sein. Sie hätten halt auch gern richtig was über sich zu erzählen. Geschichten vom liebenswerten Underdog, der gegen alle Widerstände gewinnt.

ARD-MEDIATHEK: Rise & Fall of 1860 München

Das Schöne am Fußball ist allerdings, dass sie in dieser Hinsicht chancenlos sind gegen die Kleinen. Du kannst einfach nicht David sein, wenn du in der Liga der Goliaths spielst. Wer für seine Pokale ein Museum braucht, dessen Geschichte könnte selbst Sophokles nicht zur sportlichen Tragödie aufpimpen. Die besten Fußballerzählungen handeln immer von denen, die überraschend nach oben kommen. Oder die auf bittere, manchmal bemerkenswert dämliche Art abschmieren. Und so kann hiermit zum bisherigen Meister aller Fußballserien gekrönt werden: eine Serie des Bayerischen Rundfunks über den TSV 1860 München.

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Die offene Gesellschaft liegt gegen Rechtspopulisten und Autoritäre höher im Rückstand, als sie wahrhaben will und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Politik und Gesellschaft wirken gelähmt. Wir analysieren die Blockaden, suchen Auswege und finden Handlungsspielraum.

Mit: Hartmut Rosa, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Karoline Eichhorn, Alina Frieske, Ruth Fuentes, Dana Giesecke, Diana Kinnert, Reinhard Loske, Wolf Lotter, Anna-Verena Nosthoff, Lukas Rietzschel, Uwe Schneidewind, Harald Welzer u. v. m..

1860, die Löwen genannt, ist ein Verein, dessen Männerabteilung heute unter ferner liefen vor sich hindümpelt, der ein schrottiges Kleinstadion bespaßt und zu seiner besten Zeit mal einen lauten Wiesnwirt als Präsidenten hatte. Viele Fans denken aufgrund seiner Urviehhaftigkeit gern an ihn zurück, obwohl er den Klub mit der selbstsicheren Attitüde eines Kasinobetreibers erst in die Bundesligaspitze und dann mit Scheiße am Schuh (verschossener Elfer! 89. Minute! Abstieg! Welcher Betriebswirt würde so etwas vorhersehen?) in die Schulden gewirtschaftet hatte.

Danach stieg ein jordanischer Investor ein. Der dachte, er würde für seine millionenschwere Rettungstat nun in den Eckkneipen der Löwen-Fans geliebt. Wird er aber nicht.

Und von diesem Auf- und Abstieg und dieser Spannung zwischen global angelegtem Fußballbusiness und lokalem, vereinspolitisch wirksamem Fan-Traditionalismus, der unterhaltsam ist, sofern es gegen den großen FC Bayern geht, aber sehr eklig, wenn der Investor rassistisch beleidigt wird, handelt Rise & Fall of 1860 München.

Es ist eine gut beobachtete, in diesem Jahr zu Recht für den Grimme-Preise nominiert gewesene Serie mit einer organischen Dramaturgie und mit vielen gut ausgewählten Gesprächspartnern vom Bierfahrer bis zum besagten Investor, dessen Blick auf 1860 gewinnbringend für das Gesamtbild ist.

Wer Fußball nicht komplett hasst, sollte sich diese rasant geschnittene Mischung aus Burleske, Wirtschaftskrimi und babylonischem Drama wirklich ansehen. Lohnt sich fünf Folgen lang.

ARD-MEDIATHEK: Mädchen können kein Fußball spielen

Man stelle sich vor, alle Fußballfilme und -serien befänden sich in einem Lostopf. Wie wahrscheinlich wäre es nach den Regeln der Stochastik, eine Produktion zu ziehen, die von Frauenfußball handelt? Eins zu zwanzig?

Anders als Männerfußballserien, die eigentlich immer Konjunktur haben, werden Frauenfußballserien offensichtlich nur im Vorfeld großer Anlässe wie Europa- und Weltmeisterschaften produziert. Auch daran kann man die strukturellen Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball erkennen, die es nach wie vor gibt: Was zugeschriebene Bedeutung angeht, handelt es sich um verschiedene Sportarten. Von der Geschichte dieser Unterschiede und damit auch von der jahrzehntelangen Ignoranz des Deutschen Fußball-Bunds handelt der 90-minütige Film Mädchen können kein Fußball spielen von Torsten Körner.

Der Filmtitel ist das Zitat der ehemaligen Spielerin Anne Trabant-Haarbach. Sie fasst damit die Reaktion der Jungs in ihrer Kindheit zusammen, die sie ins Tor stellten, als sie mitspielen wollte.

Die vielen Spielerinnen, die zu Wort kommen, kommentieren die Geschichte im Rückblick süffisant und unverbittert.

Torsten Körner, bekannt für seine akribische Archivarbeit, erzählt die Geschichte von den Anfängen des Fußballs der Frauen in Deutschland bis zum Europameistertitel 1989 im eigenen Land. Er zeigt zum einen, wie viel in der Zwischenzeit dann eben doch geschehen ist. Männer, die den Frauen das Anlegen eines Brustpanzers empfehlen, wirken heute ja dann doch wie aus einer völlig anderen Ära. Und Kommentatoren, die Fußballerinnen für „ausgekochte Kombinationen“ loben, könnten wohl auch nur noch bei rechten Krawallmedien reüssieren.

Zum anderen aber zeigt Körner, wie steinig der Weg war. Bekannte, aber nicht im allgemeinen Gedächtnis verankerte Episoden sind dabei: etwa die von der inoffiziellen Frauen-WM 1981 in Taiwan, die Deutschland gewann – nicht mit einer Nationalmannschaft allerdings, sondern mit einer selbstfinanzierten Gruppe aus Bergisch Gladbach. Die vielen Spielerinnen, die zu Wort kommen, kommentieren die Geschichte im Rückblick süffisant und unverbittert.

Dass auch die Geschichte des Fußballs der Frauen in der DDR ihren Platz erhält, in der Frauen selbstverständlicher Fußball spielten, gehört zum Besten des Films. Sie ist allein von Interesse, aber sie ist auch eine Vergleichsgröße. Denn sie verdeutlicht, wie zurechtkonstruiert die Verhinderungsdebatten im Westen über Jahrzehnte waren. Man kann am Ende nicht alles darauf schieben, dass die Zeiten eben so waren. Natürlich wäre es anders gegangen.

ZDF-MEDIATHEK: Mesut Özil – Zu Gast bei Freunden

Und dann sind da, immer wieder, Fußballserien, die von einzelnen Stars handeln. Imagefilmartige Produktionen in der Regel. Aber manche eben auch nicht.

Dazu gehört die ZDF-Serie über den Gelsenkirchener Mesut Özil, der sich – statt für die türkische – für die deutsche Nationalmannschaft entschied und sie 2014 mit zum Weltmeistertitel führte. Wir erinnern uns: 2018 ließ er sich mit dem autokratischen Präsidenten der Türkei fotografieren, beklagte – zurecht, wie die Serie herausarbeitet – fehlende Rückendeckung und rassistische Verurteilungen. Er sei Deutscher, wenn er gut spiele, und Türke, wenn er etwas falsch mache, sagte er. Das saß, weil es einleuchtete.

Aber dass er Recep Tayyip Erdoğan damals im Wahlkampf half, ihn später zu seinem Trauzeugen machte, heute in einem Führungsgremium der Erdoğan-Partei AKP sitzt und einem eigenen Posting zufolge ein Tattoo der Grauen Wölfe trägt, stimmt eben auch. Özil war komplett schief gewickelt, sich einem Autokraten zuzuwenden und zu glauben, das werde in Deutschland als seine Privatsache behandelt. Und zugleich wurde ihm Unrecht getan; die Reaktionen waren unerbittlich, ganz anders als etwa im Fall des Deutschfranken Lothar Matthäus, der, ebenfalls 2018, Russlands Präsident hofierte. Beides ist möglich.

Es gelingt dem Filmemacher Florian Opitz, in der letzten Folge genau das herauszuarbeiten. Daran haben auch Opitz’ Gesprächspartner ihren Anteil, etwa Volkan Ağar, der zum Kader des taz-Betriebsfußballteams gehört, des taz Panter FC. Und dann ist da dieser Satz von Andreas Bock, Redakteur beim Fußballmagazin 11Freunde, den man über viele Debatten schreiben könnte, in denen Fußball ins Gesellschaftspolitische hineinragt: „Es war eine überkomplexe Debatte für eine unterkomplexe Branche.“ Volltreffer.

🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Artikel erschien zuerst in der taz FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“. Jetzt bestellen im taz Shop.