Kitsch im öffentlichen Raum: Bremerhaven kauft sich ein weißes Stadtbild
In der diversen Stadt besetzen wieder „Alltagsmenschen“ von Christel und Laura Lechner den Raum. Aber ihr Beton gewordener Alltag kennt keine Vielfalt.
B ald besetzen sie wieder die Filetstücke im Bremerhavener Stadtbild, die „Alltagsmenschen“ von Christel und Laura Lechner. Schon in den vergangenen Jahren waren sie in der Hafenstadt zu sehen. Und weil sie „für so viel Aufmerksamkeit gesorgt“ haben, will die Stadt nun dauerhaft welche ankaufen, meldet das ganz begeisterte Kulturamt Bremerhaven. Seit die Figuren im Herbst abgebaut wurden, werde Geld dafür gesammelt.
Am kommenden Dienstag werden die ersten der neuen Skulpturen feierlich präsentiert: lebensgroße, rundliche Figuren, die mit Eiswaffel in der Hand am Hafen stehen, behäbig auf Parkbänken ruhen oder im Badeanzug den Deich bevölkern. Eine Invasion der fröhlichen Gemütlichkeit, die schon in über 60 Städten – von Berlin über Braunschweig bis Tel Aviv – das Stadtbild mitprägt.
Die Motivation der beiden Künstlerinnen aus dem nordrhein-westfälischen Witten klingt rührend: Sie wollen „das Menschliche“ in seiner reinsten Form einfangen, den flüchtigen Moment des Glücks, das Nonverbale, das uns alle verbindet. Christel Lechner betont gern, dass ihre Skulpturen den Menschen „einen Spiegel vorhalten“ und sie zum Lächeln bringen sollen. Aber gerade in Bremerhaven wird deutlich, dass das „Wir“, das hier in Beton gegossen wird, eine ganz exklusive Veranstaltung ist.
Ausnahmslos weiß
In einer Stadt, die wie kaum eine andere in Deutschland von Migration geprägt ist, wirken solche Figuren wie aus der Zeit gefallen. In Bremerhaven prägen im Lehe-Viertel oder an der Hafenstraße viele Menschen den Alltag, die nicht biodeutsch oder weiß sind. Aber die „Alltagsmenschen“ der Lechners sind ausnahmslos weiß.
Das sorgte schon vor drei Jahren in Braunschweig für eine hitzige Debatte über Repräsentation im öffentlichen Raum. In Leserbriefen und sozialen Netzwerken wurde dort die „mutlose Ästhetik“ kritisiert und bemängelt, dass die kulturelle Realität der Stadt systematisch ausgeblendet werde.
Weil die Verwaltung dort vor allem auf die touristische Anziehungskraft und eine vermeintlich „volksnahe Kunst“ setzte, wurde ihr vorgeworfen, sie zementiere ein nostalgisches Weltbild, das die Augen vor der tatsächlichen Zusammensetzung der Braunschweiger Stadtgesellschaft verschließe: „Bespaßungsarchitektur“, die Harmonie genau da simuliert, wo Reibung und Diskurs nötig wären.
Ein Drittel unsichtbar
Das gilt erst recht für Bremerhaven. Im Jahr 2026 eine Figurengruppe aufzustellen, die den Anspruch erhebt, „den Menschen von nebenan“ abzubilden, und dabei ein Drittel der Stadtbevölkerung unsichtbar macht, ist kein ästhetisches Missgeschick. Es ist ein politisches Statement durch Unterlassung und die Weigerung, die Realität als bildwürdig anzuerkennen.
Die Künstlerinnen rechtfertigen sich damit, dass sie „Typen“ schaffen und keine Individuen. In ihren Augen ist die weiße Hautfarbe der Skulpturen eine neutrale Grundierung, eine Projektionsfläche für das „Allgemeine“.
Aber wer die weiße Mehrheitsgesellschaft als den „neutralen Typus“ definiert, erklärt damit jede andere Hautfarbe eben zur Abweichung oder zum Politikum. In einer solchen Welt wird Diversität als ästhetische Störung wahrgenommen, die man den Betrachter:innen nicht zumuten will: ein Filter, der über die komplexe Wirklichkeit gelegt wird und alles jenseits bürgerlicher Behäbigkeit aus- und überblendet.
Beton gewordene Realitätsverweigerung
Auch in Bremerhaven stellt sich also die Frage, warum eine Stadtverwaltung solch ein Konzentrat der Ignoranz einkauft. Eine Stadt, die sich stolz als „Stadt der Wissenschaft“ und „Stadt der Ankunft“ präsentiert, sollte einen anderen Anspruch an ihre visuelle Identität haben als Kleinstadtidyllen aus den 50er-Jahren zu reproduzieren. Sie sollte keinen Kitsch kaufen, der eine Ordnung suggeriert, in der die Welt nur dann „in Ordnung“ ist, wenn sie überschaubar, statisch und weiß ist.
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Die Lechner-Figuren sind nur oberflächlich harmlos. Tatsächlich sind sie Platzhalter einer Verdrängung, denn sie besetzen den öffentlichen Raum mit einer Selbstverständlichkeit, die gar keine Fragen zulässt. Man sagt den migrantischen Bewohner:innen Bremerhavens damit indirekt: „Ihr seid kein Teil unseres bildwürdigen Alltags. Ihr gehört nicht auf unsere Postkartenmotive.“
Bremerhaven hätte Kunst verdient, die den Mut hat, die Stadt so zu zeigen, wie sie ist: bunt und vielschichtig und rau. Die Lechner-Figuren sind Beton gewordene Realitätsverweigerung.
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