Kinotipp der Woche: Wie wird „man“ ein Mann?
Bei der Doku-Reihe „Man wird nicht als Mann geboren“ im Kino Krokodil finden diese Woche diverse Labore der Männlichkeit den Weg auf die Kino-Leinwand.
Foto: WOLFGANG & DOLLY
Wie so oft im Dokumentarfilm erzählen die Augen der Menschen eine eigene Geschichte. So ist es auch bei den Männern, mit denen die deutsche Dokumentarfilmerin Katrin Schlösser bei ihrem „Besuch im Bubenland“, d. i. das ostösterreichische Burgenland, ins Gespräch kommt. Schlösser fragt nach dem Selbstverständnis ihrer Interviewpartner als Mann, nach Partnerschaften, solchen die noch bestehen oder über die Jahre in die Brüche gegangen sind, nach Kindern, nach ihren Wünschen und Enttäuschungen.
Manche der Befragten geben offen Auskunft, mit Humor und Blick in die Kamera, andere flüchten sich in die dritte Person, „man“ habe das damals halt so entschieden – und blicken strikt an der Kamera vorbei. Schlössers Dokumentarfilm zeigt einen interessanten Querschnitt ländlicher Männlichkeitsverständnisse in großer Komplexität und auf Augenhöhe.
Ausgehend von Katrin Schlössers Dokumentarfilm haben Gabriel Hageni und Debora Fiora für das Kino Krokodil, das die beiden betreiben, eine kleine Filmreihe mit dem Titel „Man wird nicht als Mann geboren“ zu Männlichkeiten im Dokumentarfilm zusammengestellt. Die Reihe läuft den gesamten März über, verdichtet sich aber in der Woche zwischen dem 20. und dem 26. März noch einmal.
Man wird nicht als Mann geboren, Kino Krokodil, Teil 1 bis 26. 3., weitere Filme im April, Greifenhagener Str. 32
Wer als Erwachsener schon einmal seine Eltern besucht hat, kennt Reibereien, die sich an unterschiedlichen Alltagsgewohnheiten entzünden können. Als die kroatische Regisseurin Renata Lučić ihren Vater im – wie sie schon während der Anreise verkündet – ungeliebten Dorf ihrer Kindheit im kroatischen Slawonien besucht, bleiben diese Reibereien nicht lange aus. Sie kulminieren in einem beidseitigen Stellvertreterkonflikt während des Putzens.
Während ihr Vater sich über kleine Nachlässigkeiten unverhältnismäßig empört, verschanzt sich die Regisseurin hinter ihrem Handy und pathologisiert ihren Vater mit feinster Küchenpsychologie. Doch über all die eingespielten, oberflächlichen Alltagsrituale, die sie mit dem Vater und dessen Freunden teilt, stellt sich allmählich dennoch eine Form von Vertrautheit ein.
Nicht wenige der Verhaltensweisen, die sich in Schlössers Film fanden – die Schweigsamkeit über Emotionen und die Fähigkeit zu verdrängen – sind auch in Renata Lučić' „Godina prođe, dan nikako“ (A Year of Endless Days) unübersehbar. Doch der Kontext in Slawonien ist besonders: nach den Jugoslawienkriegen sind viele Frauen aus der Region zur Arbeit ins Ausland gegangen, vor allem in deutschsprachige Länder.
Die Reihe greift diesen Kontext auf und stellt dem nur gut 70minütigen Film drei Kurzfilme voran, die die jugoslawische Arbeitsmigration in den 1960er und 1970er Jahren beleuchten. In der Zusammenschau entsteht ein vielschichtiges Bild der gesellschaftlichen Veränderungen, die Migrationsbewegungen in den Herkunftsgesellschaften hinterlassen.
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„Man wird nicht als Mann geboren“ skizziert in einigen wenigen Filmen – ein paar werden über die nächsten Monate noch folgen – ein komplexes Bild gegenwärtiger Männlichkeiten und verschiedene Wege, dieses Wort anzunehmen, abzulehnen und einen Umgang mit den Erwartungen zu finden. Auch mit dieser Reihe zeigt das Kino Krokodil einmal mehr, wie klug man mit Dokumentarfilmen im Kinoprogramm arbeiten kann.
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