Kindertheater von Saša Stanišić: Der Wolf kommt nur nachts
Raphael Moussa Hillebrand inszeniert Saša Stanišićs preisgekrönten Jugendroman „Wolf“. Zu sehen ist das Stück im Berliner Theater an der Parkaue.
Kemi hat keinen Bock auf die Natur, aufs Ferienlager und überhaupt auf wenig, außer auf Bücher und Gespräche über den Finanzmarkt – bevorzugt mit Erwachsenen. Marco und seine Freunde, die Zwillinge, haben auch nicht so richtig Bock auf irgendwas außer angeben und stänkern. Am liebsten wird Jörg gestänkert, der wiederum hat Bock auf wandern und allein sein und null Bock auf Stress.
Die fünf sind in einer Klasse, ein paar mehr Mitschüler und Randfiguren gibt es auch, eine bulgarische Sportlehrerin, eine Mutter, zwei Teamer im Ferienlager, einen tollen, riesigen, zeitweise ordentlich kotzenden Koch mit Irokesenhaarschnitt – und einen unheimlichen, glitzernd-guckenden Wolf. Aber der kommt nur nachts.
Nach ihm ist Saša Stanišićs neues Theaterstück für Kinder ab zehn Jahren benannt, „Wolf“, das am Dienstag in Berlin am Theater an der Parkaue in einer Inszenierung von Raphael Moussa Hillebrand Premiere feierte. Es handelt von Gruppendynamiken, von Macht, von desinteressierten Pädagogen, alleinerziehenden Eltern und von Mobbing. Wobei, vielleicht handelt es eher vom stummen Mitläufer sein: „Wenn du etwas beobachtest, das nicht okay ist – traust du dich, etwas zu sagen?“ heißt es schon gleich zu Beginn.
Homo homini lupus
Das Identifikationspotential dürfte hoch sein beim jungen Publikum. Offensichtlich gespannte Konzentration und so mancher zustimmende Zwischenruf bestätigen den Verdacht. Statt seinem Ensemble feste Rollen zu geben, lässt Hillebrand seine Figuren rotieren. Kemi hat Kopfhörer, Jörg einen Rucksack, die nervige Teamerin eine nervige Sonnenbrille. Alle sind Opfer und Täter, ignorant und engagiert. Immer wieder wird getauscht, manchmal, wenn dem geärgerten Jörg sein Gepäck als wörtliches Symbol des sozialen Pakets, das er tragen muss, abgenommen wird, mutet das fast solidarisch an: Niemand soll zu lange leiden.
Viel steckt inhaltlich in dem Stück, für dessen Romanvorlage Stanišić 2024 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde und sich durch eine genaue Beobachtung der kindlichen Lebensrealität, bei gleichzeitig komplexen Betrachtung multidimensionaler Probleme der frühen Jugend auszeichnet.
Während das junge Publikum gespannt die Abenteuer, sozialen Spannungen und Wolfsalbträume im Ferienlager verfolgt, wandern die erwachsenen Gedanken zum Wesen der Wölfe und der Menschen. Das Ende, welches sich im Tanz auflöst, kommt erfreulicherweise ohne kleinbürgerliche Moralitäten aus. Offen bleibt eigentlich nur eine Frage: Warum nur heißt der 10-jährige Außenseiter im Jahr 2026 zu allem Elend auch noch Jörg? Musste das wirklich sein?
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