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Katastrophe im HimalajaMehr als 1.300 Vermisste nach Sturzflut in Nepal und Tibet

Im Nepals Grenzregion zu Tibet werden Hunderte ausländische Pilger und Touristen vermisst. Dort kamen mehr als 350 Menschen um, in Tibet bisher 3.

Natalie Mayroth

Aus Chennai

Natalie Mayroth

Als am Mittwochmorgen eine gewaltige Flutwelle durch den nordnepalesischen Distrikt Rasuwa raste, führte der 34-jährige Trekkingguide Abhay Khanal gerade eine Reisegruppe durch die Region. Er sah, wie Straßen und Brücken innerhalb weniger Minuten verschwanden. Seine Gruppe blieb unverletzt, sitzt aber seither fest. Über Nacht ist die Zahl der in Nepal offiziell bestätigten Todesopfer auf 177 gestiegen. Bis Donnerstagnachmittag seien 359 Tote registriert worden, erklärte die nepalesische Polizei. Die chinesischen Behörden haben bisher drei Todesopfer in der Region Tibet bestätigt. Auf beiden Seiten der Grenze werden mehr als 1.300 Menschen vermisst.

„Wir sahen, wie Menschen direkt vor unseren Augen von den Fluten mitgerissen wurden“, sagt Khanal. Alles sei so schnell gegangen, dass sie kaum hätten reagieren können. „Wer genug Zeit hatte, wegzulaufen und sich in höher gelegene Gebiete zu begeben, konnte sein Leben retten. Es kam so plötzlich und völlig unerwartet, und wir waren darauf nicht vorbereitet.“

Die Sturzfluten breiteten sich aus Richtung Tibet den Fluss Bhotekoshi entlang stromabwärts aus. Besonders schwer getroffen wurden die Orte Timure, Rasuwagadhi und Syabrubesi. Häuser, Geschäfte, Straßen, Brücken, Lkws und Busse wurden mitgerissen; auch Polizeistationen und Wasserkraftwerke wurden beschädigt.

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Khanals Gruppe gehört zu den vielen Touristen und Pilgern, die derzeit in der abgelegenen Bergregion unterwegs sind. Dass zum Zeitpunkt der Flut so viele Menschen unterwegs waren, ist kein Zufall, erklärt Khanal. „Es ist Kailash-Mansarovar-Pilgersaison“, sagt er.

Die genaue Ursache der Sturzflut ist noch unklar

Timure ist als Grenzort zu Tibet ein wichtiger Ein- und Ausreisepunkt und wurde erst kürzlich wieder für indische Staatsbürger geöffnet, von denen über 100 vermisst werden. Da die Grenze erst gegen 8 Uhr morgens öffnet, übernachten viele Reisende dort, bevor sie am nächsten Morgen weiterziehen. Hinzu kommt das hinduistische Fest Janai Purnima, das an diesem Freitag gefeiert wird.

Ausgelöst wurde die Flutwelle ersten Erkenntnissen zufolge wohl durch den Abbruch von Gestein und Eis eines Gletschers. Die US-Erdbebenwarte USGS erklärte, ein zunächst gemeldetes Erdbeben der Stärke 4,4 sei in Wirklichkeit die seismische Energie dieses Abbruchs gewesen. Massen aus Geröll und Eis könnten einen natürlichen Staudamm gebildet haben, der anschließend brach und die gewaltige Flutwelle auslöste.

Tausende Pil­ge­r:in­nen aus Nepal und Indien waren in diesen Tagen auf dem Weg zum Gosaikunda-See im selben Distrikt. Ein rituelles Bad in dem See gilt im Hinduismus als Weg zur Erlösung aus dem Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt. Dazu kommen saisonale Trekking-Touristen, die trotz risikoreicher Monsunzeit in die Region reisen.

Betroffen sind daher neben ausländischen Touristen aus Ländern wie den USA, Großbritannien, Australien, Korea und Malaysia auch zahlreiche nepalesische und indische Pilger, Ortsansässige und Menschen aus den Grenzgemeinden.

Opferzahlen werden weiter steigen

Die Zahlen der Toten und Vermissten werden laufend aktualisiert, belastbare Informationen kommen nur langsam aus der schwer zugänglichen Region. Erste Hinweise auf Vermisste und Gestrandete kamen aus Timure und Umgebung. „Wir kennen mehrere Personen, zu denen wir seit der Flut keinen Kontakt haben“, sagt Khanal. Die Tourismusbehörde und Vertreter der Branche seien an den Rettungsmaßnahmen beteiligt, unter anderem über Hubschraubereinsätze der Armee.

„Viele Menschen sitzen seit Beginn der Überschwemmungen fest“, sagt Sagar Shrestha vom Roten Kreuz der taz. Zu vielen habe man bis Mittwochabend keinen Kontakt herstellen können. „Internet- und Telefonverbindungen sind in den betroffenen Gebieten noch immer nicht wiederhergestellt“, sagt Shrestha. Die Kommunikation bleibe trotz lokaler Helfer vor Ort schwierig.

Das Rote Kreuz begann, Trinkwasser und Hilfsgüter wie Decken, Planen und Erste-Hilfe-Material zu verteilen. „Die Sturzflut hat den betroffenen Familien ihr Zuhause, ihren Besitz und ihre Lebensgrundlage genommen“, sagt Mona Sherpa, Landesdirektorin von CARE Nepal. Nach ersten Schätzungen benötigen rund 10.000 Haushalte Soforthilfe, darunter marginalisierte Gruppe wie Indigene und Dalit.

Sherpa betont, dass die Region bereits vom verheerenden Erdbeben 2015 und von Überschwemmungen im vergangenen Jahr betroffen war. Nun drohten zudem Krankheiten, die sich über verunreinigtes Wasser ausbreiten können, da die Wasserversorgung und Sanitäranlagen beschädigt wurden. Ihr Team stehe bereit, die Regierung und Partnerorganisationen mit Hilfslieferungen zu unterstützen. Geplant seien auch Notunterkünfte, Hygienepakete und langfristige Hilfe beim Wiederaufbau.

Die internationale Hilfe läuft an

Nepals Premierminister Balendra Shah rief am Unglückstag eine Dringlichkeitssitzung ein. „Bitte haben Sie etwas Geduld. Die Regierung übernimmt die volle Verantwortung für Ihre Rettung, Behandlung, Nahrung und Unterkunft“, erklärte er und appellierte an die Bevölkerung zusammenzustehen. Die Distrikte Rasuwa, Nuwakot und Dhading wurden für drei Monate zu Krisenregionen erklärt. Mehr als ‌5.000 Rettungskräfte von Armee und Polizei seien im Einsatz, sagte ein Armeesprecher am Donnerstag.

International wächst die Hilfsbereitschaft. Indien entsandte rasch zehn Tonnen humanitäre Güter und Medikamente. UN-Generalsekretär António Guterres erklärte, die Vereinten Nationen würden Hilfsgüter und Personal zur Unterstützung der nepalesischen Behörden mobilisieren. Auch die USA kündigten Nothilfe in Höhe von 500.000 US-Dollar zu und entsandten einen Katastrophenschutzberater in die Region. China und die Weltbank sagten ebenfalls Finanzhilfe zu.

Auch auf der chinesischen Seite wurden Menschen getötet und vermisst. In der tibetischen Region meldeten die Behörden bislang drei Tote. Im Kreis Gyirong stieg die Zahl der Vermissten laut chinesischem Staatsfernsehen CCTV auf 558, darunter 260 ausländische Staatsangehörige. Die Rettungsarbeiten könnten hier durch einen aufgestauten See am Zusammenfluss zwei Flüsse in Gyirong oberhalb des Katastrophengebiets erschwert werden, berichtete CCTV.

Kritik an chinesischem Staudammbau

Für den indischen Sicherheitsexperten Brahma Chellaney ist die Katastrophe im Himalaya, der zu den seismisch aktivsten Regionen der Welt gehört, ein Weckruf: Sie lenke die internationale Aufmerksamkeit erneut auf Chinas Festhalten am Bau des Yarlung Tsangpo Mega-Damms, des weltgrößten Staudamms, in der seismisch aktiven Himalaja-Zone, schreibt er auf X. Das Projekt sei „eine Wasserbombe“, die den Nordosten Indiens und weiter flussabwärts Bangladesch überfluten könnte.

In Nepal hat die Katastrophe die Sorge vor Gletscherseeausbrüchen und dem fehlenden grenzüberschreitenden Austausch von Echtzeitdaten verstärkt. Erst im Juli vergangenen Jahres war ein Gletschersee in den chinesischen Hochgebirgen rund 35 Kilometer flussaufwärts von Rasuwagadhi ausgebrochen. Die Flutwelle strömte über die Grenze und richtete bis zu 100 Kilometer flussabwärts schwere Schäden an. Mindestens elf Menschen starben.

Mitarbeit Mamita Bhandari

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