Karamba Diaby über Sachsen-Anhalt: „Ich bin ein waschechter Ossi“

Der SPD-Bundestagsabgeordnete lebt seit 1987 in Halle. Vor der Wahl in Sachsen-Anhalt spricht er über Umbrüche, Rassismus und seinen Lieblingsort: das Saaleufer.

Karamba Diaby im Anzug vor einem Vorhang. Er hat kurze Haare und eine hohe Stirn und trägt eine Brille. Er lächelt.

In Halle zu Hause: der SPD-Abgeordnete Karamba Diaby Foto: Ronny Hartmann/dpa/picture alliance

taz: Herr Diaby, Sie leben seit 1987 – ein Jahr nachdem Sie zum Studium in die DDR kamen – in Halle in Sachsen-Anhalt, einem vielfach geschmähtem Bundesland. Was ist so schrecklich an Sachsen-Anhalt?

Karamba Diaby: Das negative Bild kann ich nicht bestätigen. Ich lebe seit 34 Jahren in Halle und habe die Stadt nie länger als vier Wochen verlassen. Das sagt alles.

Jenseits der Witze über das „Land der Frühaufsteher“ und den Zuschreibungen als Hort der AfD – woher kommen die Vorurteile?

wurde 1961 in Marsassoum, Senegal, geboren. Er kam zum Studium in die DDR und lebt seit 1987 in Halle. Diaby ist promovierter Chemiker und Geoökologe. Seit 2013 sitzt er für die SPD im Deutschen Bundestag.

Wir hatten und haben viele Umbrüche hier. Nach der Wende sind viele Betriebe von der Treuhand geschlossen worden, die Mitarbeitenden wurden arbeitslos, viele vor allem junge Menschen haben Sachsen-Anhalt in Richtung Westen verlassen. Das sorgte für viele Konflikte innerhalb der Gesellschaft. Und noch immer ist Sachsen-Anhalt ein strukturschwaches Land. Je häufiger davon in den Medien die Rede ist, umso stärker verfestigt sich dieses Bild in den Köpfen der Menschen.

Aber es hat sich doch viel getan in den vergangenen 30 Jahren.

Es hat sich sehr viel getan. Von einer Planwirtschaft sind wir in eine Marktwirtschaft übergangen. In meinem Wahlkreis gibt es viele hochinnovative Unternehmen, die den Weltmarkt beliefern. Andererseits ist die soziale Einheit noch nicht verwirklicht, daran arbeiten wir. Und selbstverständlich sind der Rechtspopulismus und der hohe Zuspruch zur AfD nicht zu leugnen. Das ist der Zwiespalt, in dem wir hier leben.

Welches ist die erfolgreichste Veränderung in Sachsen-Anhalt seit dem Mauerfall?

Da gibt es nicht nur eine, sondern viele Veränderungen: Der Bevölkerungsrückgang wurde seit etwa zehn Jahren gestoppt, es sind viele Arbeitsplätze entstanden, insbesondere im ökologischen Bereich, die Lebensverhältnisse zwischen Stadt und Land konnten angeglichen werden. Halle als Studierendenstadt hat eine der größten Dichte an Forschungseinrichtungen in der Bundesrepublik überhaupt.

Und was ist die schönste Veränderung?

Für mich ist das die Sanierung der Leopoldina, der Natio­nalen Akademie der Wissenschaften. Hierher kommen For­sche­r:in­nen aus aller Welt, das verschafft Halle internationales Flair. Auch äußerlich ist die Leopoldina eine Attraktion, das Gebäude wird auch oft als das „weiße Haus“ bezeichnet. Aber das finden die Hal­len­se­r:in­nen nicht richtig, sie sagen: Die Leopoldina ist viel größer als das Weiße Haus in den USA und viel wichtiger für die internationale Wissenschaft.

Ist das nicht ein bisschen größenwahnsinnig?

Überhaupt nicht. Denn die Leopoldina ist nicht nur eine Forschungsstätte, sondern mit zahlreichen Veranstaltungen, Symposien und Vorträgen, die jeder besuchen kann, vor allem für die Bür­ge­r:in­nen da.

Haben Sie einen Lieblingsort in Sachsen-Anhalt?

Ganz klar: die Saale. Als ich herkam, war der Fluss durch die Schwermetallbelastung und die Industrie im sogenannten Chemiedreieck Leuna/Buna/Bitterfeld komplett verschmutzt. Und heute? Die Saale ist so sauber, dass ich jedes Mal, wenn ich mit dem Fahrrad oder zu Fuß mit meiner Familie unterwegs bin, staune wie ein kleines Kind. Freunde von mir sind Angler, sie schenken mir oft Fische, die sie in der Saale gefangen haben.

Die Region um Bitterfeld, die durch das Chemiekombinat als eine der dreckigsten Gegenden in der DDR galt, ist heute eine blühende Landschaft: der See Goitzsche ist ein beliebtes Ausflugsziel, die Häuser sind nicht mehr schwarz vom Chemieruß, die Menschen seltener arbeitslos als in anderen Regionen im Bundesland. Und doch ist die AfD nach der CDU dort zweitstärkste Partei.

Nicht wenige sind empfänglich für die menschenfeindlichen Parolen der AfD und deren schlichte Einteilung der Gesellschaft in „die da oben“ und „wir hier unten“. Das resultiert vor allem aus dem Glauben heraus, ihre Lebensleistung in der DDR werde nicht anerkannt.

Das Gefühl des Abgehängtseins?

Manche sind finanziell tatsächlich abgehängt. Aber auch Menschen, denen es monetär nicht schlecht geht, sind offen für AfD-Parolen.

Wie kommt man dagegen an?

Man muss den Menschen das Gefühl geben, dass ihnen die eigene Biografie nicht abgesprochen wird, und sie mit ihren biografischen Brüchen ernst nehmen.

Wie begegnen denn die Menschen in den AfD-Hochburgen Ihnen als Schwarzem?

Ich habe bislang keine negativen Erfahrungen gemacht und erlebe keine rassistischen Ressentiments, wenn ich bei den Menschen vor Ort bin.

Es gab Anschläge auf Ihr Wahlkreisbüro.

Das stimmt. Aber stärker sind die Angriffe im Netz und in den sozialen Netzwerken. Wenn dort die Grenzen von der Meinungsäußerung hin zu rassistischen und bedrohlichen Angriffen überschritten sind, erstatte ich Anzeige. Aber jedes Mal, wenn so etwas bekannt wird, erreicht mich eine Welle der Solidarität. Einmal wurde ein NPD-Plakat gegen mich gepostet, darauf gab es etwa 400 rassistische Beleidigungen und Bedrohungen gegen mich. Daraufhin meldeten sich 131.000 Menschen, die sagten: Wir akzeptieren nicht, dass gewählte Volksvertreter wegen ihrer Hautfarbe angegriffen werden.

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Schulklassen haben Unterschriften für Sie als Zeichen der Solidarität gesammelt.

Ja, und Menschen haben ­Rosen in das Einschussloch in der Scheibe meines Wahlkreis­büros gesteckt. Das zeigt mir: Wir sind eine offene Gesellschaft, die Rechtsextremismus und Rassismus nicht duldet. Daraus tanke ich Kraft und Zuversicht.

Haben Sie nicht trotzdem Angst?

Nein, ich fühle mich in Halle, in Sachsen-Anhalt, wohl.

Es heißt, der Rechtsextremismus ist mit dem Mauerfall erstarkt. In meiner Beobachtung gab es auch in der DDR eine rechtsradikale Szene, die nur nicht öffentlich agieren konnte, weil sie von den staatlichen Organen gedeckelt worden sind.

Auch wenn das unglaublich klingt: Ich habe davon erst nach der Wende in der Zeitung gelesen.

Sie haben in der DDR nie Rassismus erfahren?

Ich habe in meiner abgeschotteten Stu­den­ten:­in­nen­bla­se und in eigenen Wohnheimen für internationale Studierende gelebt, wir durften kaum Kontakt zu DDR-Bürger:innen haben. Und bei den wenigen Begegnungen mit ihnen beim Einkaufen gab es keine rassistischen Beleidigungen.

Hat es Sie gestört, in der DDR in einer Gated Community leben zu müssen?

Ich hatte damals vor allem ein Gefühl der Dankbarkeit. Ich bin als Waise zunächst bei meiner Schwester in Senegal aufgewachsen, habe erfolgreich Abitur gemacht, konnte aber nicht studieren, weil die Familie kein Geld hatte. In der DDR konnte ich studieren, ich bekam ein Stipendium und war darüber einfach nur glücklich. Ich konnte lernen, ohne dass die Familie einen Cent dafür bezahlen musste.

Sie wurden promovierter Chemiker, SPD-Mitglied und 2013 der erste schwarze Bundestagsabgeordnete. Letzteres wird immer wieder rausgestellt. Nervt Sie das nicht?

Der Bezug auf meine Hautfarbe ist ein Armutszeugnis. Nach meiner Kandidatur waren über 130 Jour­na­lis­t:in­nen aus aller Welt bei mir, von der New York Times über Al Jazeera bis hin zur Super-Illu. Der Spiegel titelte den Text über mich damals mit „Das Experiment“, Unterzeile „Ein Schwarzer kandidiert in der Hochburg der Nazis“.

Fühlten Sie sich benutzt als Medienobjekt?

Das würde ich so nicht sagen. Die mediale Aufmerksamkeit hat dazu geführt, dass ich mehr Raum für meine politischen Themen bekam und ein realistisches Bild von Halle vermitteln konnte.

Wie haben Sie das gemacht?

Ich habe allen Jour­na­lis­t:in­nen meine Stadt gezeigt und ihnen erklärt, dass ich die Lebensläufe und die Schicksale der Menschen hier ganz genau kenne. Ich lebe ja schon so lange hier, im Grunde bin ich ein waschechter Ossi.

Wie ist denn – so als waschechter Ossi – Ihr Verhältnis zur Linkspartei?

Im Gegensatz zu manchen meiner Parteikolleg:innEn, die in der DDR Dinge erlebt haben, die sie nie vergessen werden und daher verständlicherweise große Vorbehalte gegen die Linkspartei haben, arbeite ich mit einigen Personen der Partei zusammen. Denn inhaltlich gibt es Schnittmengen zwischen beiden Parteien: Arbeitsmarkt, Bildung, Soziales. Aber es gibt auch viele Differenzen, Stichworte sind hier: Bundeswehreinsätze, die Zusammenarbeit mit der Nato, Europapolitik.

Wird die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt eine Auswirkung auf die Bundestagswahl haben?

Das glaube ich nicht. Erstens ist die Wähler:innen- und Parteienbindung im Osten geringer als im Westen, die Wählerwanderung von beispielsweise der CDU zur AfD in Sachsen-Anhalt kann größer ausfallen, als bislang angenommen wird. Das kann man nicht unbedingt übertragen auf westdeutsche Bundesländer. Und zweitens sind sämtliche Wahlen in diesem Jahr stark von der Pandemie bestimmt. Und da kann die Lage im September zur Bundestagswahl schon ganz anders sein.

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Am 06. Juni 2021 hat Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag gewählt. Die CDU wurde mit deutlichem Abstand zur AfD stärkste Kraft.

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