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Kapitalismuskritik und Alternativen„Wir wollen den Diskurs im Land verändern“

Es wird Zeit, über eine andere Wirtschaftslogik zu sprechen, findet Martin Oetting. Wie er mit seiner Organisation den Wandel voranbringen will.

Birger Stepputtis

Interview von

Birger Stepputtis

taz: Herr Oetting, auf Youtube folgen Ihnen knapp 25.000 Menschen, Ihre Videos erreichen teils über 100.000 Aufrufe. Was machen Sie dort?

Martin Oetting: Ich versuche, auf zugängliche Weise zu erklären, warum unsere Art und Weise, Wirtschaft zu organisieren und über Wirtschaft nachzudenken, für die großen Probleme unserer Zeit verantwortlich ist.

Im Interview: Martin Oetting

53, arbeitete viele Jahre lang in der Werbung, bevor er zum politischen Aktivisten wurde. Heute ist er auch Youtuber und Filmemacher. Ihn interessiert bei seiner Arbeit, wie Wirtschaft ökologisch und gerecht verändert werden kann.

taz: Das müssen Sie bitte erklären.

Oetting: Es gibt derzeit nur eine Richtung: Die Gesellschaft wird immer ungerechter. Diejenigen, die absurd viel Geld haben, sind in Sphären unterwegs, in denen der Überreichtum selbst offenbar als einzig sinnvolle Aufgabe für sie übrigbleibt. Deswegen brauchen sie eine Erzählung, die die Aufmerksamkeit von der wirtschaftlichen Ungerechtigkeit ablenkt. Die liefern ihnen faschistische Populisten: Die Immigranten, der Umweltschutz, die Arbeitslosen sind schuld an den realen Problemen vieler Menschen. Die Rechten sind deshalb so erfolgreich, weil sie sich mit den Reichen verbünden und von ihnen Mittel bekommen. Besonders klar wird das in den USA. Alles im Sinne des Schutzes einer wildgewordenen Wirtschaftslogik zugunsten einiger weniger, die zugleich auch noch ganz andere Probleme erzeugt: die Übernutzung der planetaren Lebensgrundlagen zum Beispiel.

taz: Bekommen Sie die Reaktionen der Menschen mit, die Ihre Videos sehen?

Oetting: Es gibt eine überraschende Resonanz. Die große Erkenntnis des Jahres 2025 war für mich: Viele da draußen wissen längst, dass uns unsere Systeme im Stich lassen, oder merken zumindest latent, dass es so nicht weitergehen kann. Deshalb kam immer wieder die Frage: Was machen wir denn jetzt?

taz: Und, was machen Sie?

Oetting: Ich habe mit Bekannten gesprochen, die an ähnlichen Ideen arbeiten und sich mit dem Aufbau von Organisationen auskennen. Wir haben dann unter anderem mithilfe der Reichweite meines Youtube-Kanals und Newsletters begonnen, eine Initiative für Wirtschaftswandel aufzubauen.

Wenn man heute die Systemfrage stellt, glauben viele Leute, man wolle den Realsozialismus wiederhaben.

taz: Wie soll die Organisation heißen?

Oetting: „System Delta“.

taz: Warum?

Oetting: Der Name soll ambitioniert sein und deutlich machen, dass es wirklich um große, systemische Fragen geht. Wir wollen aber auch Raum für Fantasie lassen und vermeiden, dass der Name vorschreibt, wohin die Reise gehen muss. Außerdem wollen wir offen für alle sein, also keinen Namen, der uns direkt im politischen Spektrum verortet. Dass der Name im Kontext politischer Bewegungen ungewohnt klingt, sehen wir als Stärke.

taz: Was hat es mit Delta auf sich?

Oetting: Delta ist in der Mathematik das Zeichen für die Veränderung, die Verschiebung. Zudem steht es im internationalen Buchstabier-Alphabet – Alpha, Beta, Charlie – für „D“, wie Deutschland.

taz: Wie viele sind Sie denn?

Oetting: Im Moment sind knapp 100 Personen in unseren Strukturen aktiv, knapp 6.000 bekommen meinen Newsletter.

taz: Und wie kommen Sie dann zusammen?

Oetting: Wir haben seit Jahresbeginn leichte Wachstumsschmerzen. Es ist nicht so einfach, wenn plötzlich 100 Leute aus ganz Deutschland miteinander arbeiten wollen. Gerade sind wir also dabei, unsere internen Prozesse zu verbessern und AGs aufzubauen. Ich denke, dass wir noch einige Wochen dabei sind, uns zu finden und ab dann wirklich Ergebnisse produzieren können. Interessierten bieten wir bis dahin an, von uns mit Ideen und Anregungen beliefert zu werden, um sich dann in ihrem Umfeld zum Thema Wirtschaftswandel aktiv zu betätigen. Wenn wir im derzeitigen Stadium neue Leute auf unsere Plattform holen würden, dann stünden wir uns gegenseitig auf den Füßen.

taz: Warum braucht es überhaupt eine neue Organisation?

Oetting: Wir sehen uns als niedrigschwelliges Angebot für jede und jeden – egal welches Bildungsniveau, egal wie viel ökonomisches Vorwissen, egal wie viel Zeit für politisches Engagement –, über eine andere Wirtschaftslogik zu sprechen und lokal Alternativen zu testen. Wir wollen aber nicht um die Ecke kommen und alles besser wissen. Das Gegenteil ist der Fall. Zunächst mal sind wir der deutsche Ableger der internationalen Wellbeing Economy Alliance. Hierzulande sehen wir uns als Part­ne­r*in­nen für alle anderen Organisationen, die in die ähnliche Richtung laufen. Wir wollen die progressive Neigung überwinden, unsere Weggefährten zu bekämpfen, und lieber die Gemeinsamkeiten betonen.

taz: Wofür steht System Delta inhaltlich konkret?

Oetting: Wir haben zwei thematische Säulen: Zum einen stellen wir das BIP-Wachstum als politisches Ziel infrage. Wir wollen stattdessen zu einer Fortschritts- und Wohlstandsmessung kommen, die für uns alle auf Dauer funktioniert. Zweitens glauben wir, dass wir auf dem falschen Weg sind mit einem Wirtschaftssystem, das immer mehr Überreichtum produziert. Dieser ist bereits so groß, dass er die Demokratie gefährdet und zersetzt. Wir wollen eine Wirtschaft, die demokratischer, gerechter und fairer ist.

taz: Geht es dabei mehr um Bildung und Analyse oder um konkrete Lösungen?

Oetting: Das inhaltliche Selbstverständnis von System Delta über das bereits Gesagte hinaus entsteht noch. Ich glaube aber, dass informierter Zweifel der Startpunkt für Veränderung ist. Deswegen spreche ich darüber, was wir meiner Ansicht nach falsch machen oder hinterfragen sollten. In der Organisation sagen aber durchaus manche, wir müssen mehr darüber reden, auf was wir hinarbeiten wollen.

taz: Das finden Sie schwierig?

Oetting: Wenn man heute die Systemfrage stellt, glauben viele Leute, man wolle den Realsozialismus wiederhaben. Die Unfähigkeit, die Dualität des 20. Jahrhunderts zwischen Kommunismus und Kapitalismus zu überwinden, zeugt von einer unreifen Gesellschaft. Hier ist im ersten Schritt noch viel Überzeugungsarbeit notwendig, sonst wird eine Zukunftsvision immer für naiver Blödsinn gehalten. Außerdem ist es nicht besonders demokratisch, wenn eine kleine Gruppe eine Vision vorgibt. Es effektvoller, Arbeitsprinzipien vorzuschlagen, nach denen wir als Gesellschaft miteinander agieren wollen, und dann gemeinsam herauszufinden, was für eine Welt dabei entsteht.

taz: Sie sprechen aber doch darüber, lokale Alternativen zu testen?

Oetting: Wir wollen Lokalgruppen gründen, vor Ort mit neuen Wirtschaftskonzepten experimentieren und mit örtlichen Einrichtungen oder vielleicht städtischen Initiativen zusammenarbeiten. An nationale Umsetzungsprojekte für eine andere Wirtschaft glaube ich aber nicht. Hier braucht es andere Ansätze.

taz: Welche Ansätze braucht es auf nationaler Ebene?

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Oetting: Eher Bildung, Kommunikation und Kampagnen. Eine andere Wirtschaftspolitik lässt sich nur umsetzen, wenn eine laute Gruppe in der Bevölkerung dafür einsteht. Wir brauchen Geschichten, durch die Menschen Emotionen verspüren, vielleicht zornig werden. Wir müssen aber auch Geschichten erzählen, die Lust, Mut und Spaß machen. Und es muss darum gehen, der Politik, den Wirtschaftsakteur*innen, auch den Kulturschaffenden und den Medien, eine andere als die Wachstumserzählung nahezubringen. Wenn wir dies mit dem Lokalen verbinden und dafür sorgen, dass sich viel mehr Menschen zutrauen, in ihren Umfeldern über die enormen Probleme unserer Wirtschaftssysteme zu reden, dann können wir den Diskurs in diesem Land verändern.

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