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KI und JournalismusEndlich ich!

Kommentar von

Adrian Lobe

Pseudoobjektive Diskurssimulation kann die KI sehr gut. Echter Journalismus fängt aber erst danach richtig an – mit dem Mut zur Individualität.

K ünstliche Intelligenz ist eine Kränkung des Autors. Anders ist die Aufregung um den KI-generierten Beitrag des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt in der FAZ und die KI-generierte Replik von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner in der Welt am Sonntag kaum zu erklären.

Mit frei zugänglichen Statistikprogrammen – und nichts anderes sind Sprachmodelle, auch wenn sie „groß“ heißen –, kann heute jeder Leitartikel oder Berichte verfassen, ohne jemals eine Universität oder Journalistenschule besucht zu haben. Das schmerzt die schreibende Zunft, keine Frage, und deshalb geben sich die Edelfedern alle Mühe, in ihrem Dünkel Döpfners KI-Einwurf als phrasenhaft und hohl zu karikieren, als gälte es, das menschliche Monopol der Kreativität zu verteidigen und die Maschinen aus dem Diskurs auszuschließen.

Dieser als Stilkritik verpackten Technikkritik liegt auch eine romantische Vorstellung des Schreibens zugrunde, als säße der Autor in der freien Natur und würde – allenfalls mit einer Schreibmaschine als höchstem der Technikgefühle ausgestattet – seine Gedanken zu Papier bringen. Dabei war Döpfners Idee ja durchaus originell, ein Performance-Act der KI, der die Automatisierung der „Content-Produktion“ auf die Spitze treibt.

KI und Journalismus (Sommerserie 2026)

Der Tagesspiegel hat seinem Editor-at-Large, Stephan-Andreas Casdorff, Publikationsverbot erteilt, weil er Texte von einer KI schreiben ließ. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer, ließ daraufhin eine KI einen Text unter seinem Namen schreiben, der für die Nutzung von KI im Journalismus plädierte. Das Ressort taz2/Medien startet eine Sommertalkshow mit Diskussionsbeiträgen zur Rolle von KI im Journalismus und zur Zukunft unserer Branche. Bisher erschienen sind folgende Texte:

Martin Niewendick: „Der nötige Spritzer Selbstkritik“ über die Notwendigkeit der Debatte

Ambros Waibel: „Selbst schuld“ über die missliche Ausgangslage des Journalismus

Raoul Spada: „Die Grenzen der KI-Detektoren“ über die Vertrauenswürdigkeit der Erkennungssoftware

Es geht bei der KI-Debatte, da hat der Kollege Ambros Waibel Recht, um die Frage, was vom Journalismus übrigbleibt, wenn man Texte einfach prompten kann. Der Journalismus ist durch die Plattformökonomie schon ordentlich gerupft und filetiert worden, und droht jetzt, wo sich KI-Konzerne wie in einem Steinbruch an urheberrechtlich geschütztem Material bedienen, in seine Einzelteile zerlegt zu werden.

Zu Zulieferern degradiert?

Verlage streichen reihenweise Stellen, die Washington Post entlässt unter ihrem Eigentümer, Amazon-Chef Jeff Bezos, ein Drittel der Belegschaft. Braucht es in Zukunft noch Redakteure oder nur noch Prompt-Ingenieure im Journalismus? Ist der Mensch bloß Stichwortgeber von Maschinen? Werden Redaktionen mit ihren Inhalten zu Zulieferern der KI-Industrie degradiert?

Wer heute eine Tageszeitung aufschlägt, findet darin jede Menge „Textware“ von der Stange: Agenturmeldungen, Info-Kästen, die sich wie eine Collage aus Wikipedia-Einträgen und bpb-Heftchen lesen, brockhaushafte Länderporträts (etwa über WM-Teilnehmer).

Ist das Journalismus? Oder kann das weg? Man hat den Eindruck, als hielten die alten weißen Männer in den Chefredaktionen und Herausgeberräten das Internet immer noch für eine „vorübergehende Erscheinung“. Natürlich muss eine Zeitung Hintergründe liefern, keine Frage. Aber einfach nur Faktengeröll auszubreiten, um damit das Blatt vollzumachen, kann keine sinnvolle publizistische Strategie im Zeitalter von KI sein.

Die altehrwürdige Times in London macht es vor: Das Blatt reduziert seinen digitalen Output um täglich 20 Prozent, ohne an den Inhalten zu sparen. Das Motto: „fewer, better stories“. Um etwas über die Gründungsgeschichte von Labour zu erfahren, muss man nicht die Times kaufen, sondern kann auch einfach ChatGPT oder Google Gemini fragen.

KI-Systeme, die sich durch gigantische Textmengen wühlen, sind auch für Journalisten ein nützliches Recherchetool. Wer wissen will, wie groß der Immobilienbestand der britischen Supermarktkette Tesco ist, muss nicht die ganze Bilanz lesen, sondern konsultiert einfach ChatGPT – die KI spuckt sofort die Kennzahl mit genauer Quellenangabe aus.

Wie so oft gilt: Man muss die richtigen Fragen stellen. Auch der KI. Und deshalb ist so falsch, die Technik zu verdammen. Der Mensch im Allgemeinen und der Journalismus im Speziellen sollten aber nicht den Fehler machen, der Maschine in Bereichen Konkurrenz zu machen, in denen sie ebenbürtig oder gar überlegen ist: Meldungen, Datenanalysen, Bilderstrecken, Berichte, vielleicht auch irgendwann Kommentare und Analysen.

Die richtigen Fragen stellen

Wer weiß das schon. Die Modelle werden immer besser. Kommentare in Schulerörterungsaufsatzprosa – etwa das Pro- und Contra-Format in der SZ – sind oft nur argumentative Pflichtübungen, Diskurssimulationen, die längst auch ChatGPT beherrscht.

Was die Maschine aber nicht kann, und mag sie noch so viel PS unter der Haube haben, ist es, eigene Eindrücke und Erfahrungen zu sammeln, Stimmungen einzufangen, Eindrücke wahrzunehmen.

Eine KI, die keine Gefühle und kein Bewusstsein hat, kann keinen Lokalaugenschein vornehmen, sie kann nicht aufschreiben, ob die Menschen im Land wütend und gereizt sind, ob es ungerecht zugeht oder wie sich eine Kindheit in Armut anfühlt (ChatGPT ist ein rich kid!). Die (Selbst-)Beobachtungsgabe des Menschen, die Fähigkeit, sich selbst zu reflektieren, ist der unique selling point des Journalismus.

Für die journalistische Praxis bedeutet das: Es braucht mehr Subjektivität. Statt den x-ten Artikel zum Elterngeld oder Handyverbot zu publizieren, sollte man lieber Autoren zu Wort kommen lassen, die eine persönliche Geschichte dazu erzählen können: Eltern, die wissen, was es heißt, zwischen Kita-Ausfällen und Care-Arbeit auch noch im Job Leistung zu bringen.

Gerade weil das Prinzip der Autorschaft durch KI verwässert wird, braucht es im Journalismus eine persönliche, individuelle Note – auch als Kontrastfolie zu dem generischen, glattgebügelten KI-Sprech. Sprache ist auch ein Werkzeug der Macht.

Allein, der Journalismus klammert sich an das Objektivitätsgebot wie ein Ertrinkender an die Schlange. Fakten von Meinungen trennen, möglichst neutral und distanziert berichten, alle Seiten zu Wort kommen lassen – so lautet die Maxime. Die Frage ist, ob dieser Anspruch noch aufrechterhalten werden kann, wenn „stochastische Papageien“ Objektivitätsfloskeln à la „Es lässt sich nicht leugnen, dass“ oder „Es ist wichtig, dass“ in den Diskurs streuen. Kann man angesichts dieses Wortverhaus als Journalist überhaupt neutral bleiben?

Die freie Journalistin Yessenia Funes schrieb in einem Beitrag für das Nieman Lab ein Plädoyer für einen subjektiven Journalismus: „Wir können nicht länger so tun, als hätten Journalisten keine Gefühle. Wir können uns nicht hinter dem Vorhang der ‚Objektivität‘ verstecken.“ Emotionen, so Funes, seien die „Supermacht der Branche“. Will der Journalismus im Zeitalter von KI bestehen, muss er – möglicherweise auch um den Preis einer Emotionalisierung von Debatten – persönlicher, sprechender, narrativer werden.

Es braucht ein Umdenken

Eine Blaupause könnte der New Journalism sein, ein literarischer Erzähljournalismus, der sich in den 1960er Jahren in den USA mit Autoren wie Tom Wolfe und Hunter S. Thompson entwickelte und in Deutschland mit dem legendären Magazin Tempo popularisiert wurde.

Die Autoren des New Journalism schreiben in der Ich-Form, was im deutschsprachigen Journalismus bis heute als verpönt gilt. Doch angesichts der KI-Revolution braucht es ein Umdenken – und einen Bruch mit alten Konventionen. Gegen die maschinelle Konkurrenz von Textfabriken kann der Journalismus, der immer ein Manufakturbetrieb bleiben wird, nur das in Stellung bringen, was KI niemals besitzen wird: eine eigene Handschrift.

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