Jüdische Sportgeschichte: Wie eine Wiener Fußballpionierin nach Amerika kam
Ella Zirner-Zwieback leitete in den 30er-Jahren eine Frauenliga. Eine Ausstellung in Los Angeles erinnert an sie und andere Juden im Fußball.
Eine „untold story“ ist es, eine Geschichte, die noch nicht erzählt wurde. So kündigt das Holocaust Museum Los Angeles seine Ausstellung „The Beautiful Game“ an, die während der WM gezeigt wird. Es geht um Juden im Fußball. Die Ausstellung entstand gemeinsam mit dem Deutschen Fußballmuseum in Dortmund.
„Los Angeles hat uns aktiv angefragt, um die Ausstellung gemeinsam zu kuratieren“, sagt Manuel Neukirchner, der Direktor des Dortmunder Hauses. 120 Exponate aus aller Welt wurden zusammengetragen. „Es geht darum, eine jüdische Perspektive auf den Fußball vor, während und nach dem Holocaust zu zeigen.“
Im Mittelpunkt stehen Persönlichkeiten wie Béla Guttmann, der legendäre ungarische Trainer, der Benfica Lissabon in die Weltklasse führte, oder Hugo Meisl, der als österreichischer Nationaltrainer den Fußball modernisierte und den Mitropa-Pokal erfand.
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Die Großmutter von August Zirner
Oder Ella Zirner-Zwieback. Die Österreicherin war Präsidentin der Damen-Fußball-Union (DFU), eine einzigartige Frauenliga, die von 1935 bis 1938 in Wien existierte. In der Ausstellung wird sie mit einem Ölgemälde geehrt. Das hing lange bei ihrem Enkel, dem Schauspieler August Zirner, der auch am 13. Juni zur Ausstellungseröffnung kam.
Auf seine Großmutter ist Zirner stolz. „Sie hat sich immer sehr für Fraueninteressen engagiert. Meine Großmutter setzte sich auch dafür ein, dass Frauen Knickerbocker tragen konnten“, sagte Zirner der taz. Was sie genau in der DFU gemacht hat, ist schwer zu ermitteln. „Es ist keine einzige Entscheidung oder Aktivität im Kontext des Frauenfußballs überliefert“, sagt der Wiener Sporthistoriker Matthias Marschik, der zu den kickenden Wienerinnen geforscht hat. Das Amt hatte sie nur von Herbst 1936 bis Sommer 1937 inne, wegen „beruflicher Überlastung“ trat sie zurück.
Matthias Marschik, Sporthistoriker
Warum sie antrat, da muss Marschik spekulieren: „Vielleicht, weil einige ihrer Arbeiterinnen fußballerisch aktiv waren und die Chefin gebeten haben, dem Frauenfußball zu mehr Bekanntheit zu verhelfen.“ Zirner mutmaßt, es sei eine Mischung gewesen „aus geschäftlichem Interesse, indem sie Frauen förderte, und dass sie auch ein Enfant terrible war“.
Es war ein Engagement in schwieriger Zeit. „Fakt ist, dass der Frauenfußball in Wien massiv behindert wurde, sowohl seitens der austrofaschistischen Sportorganisation, der sogenannten Sport- und Turnfront, als auch des Fußball-Verbandes“, sagt Marschik. Zirner-Zwieback habe sich mit der Übernahme des Präsidentinnenamtes „zweifellos politisch exponiert. Das dürfte ihr auch klar gewesen sein.“
DFC Austria und DFC Rapid
Die Vereine, die die DFU bildeten, wurden 1934/35 gegründet. Vorläuferklubs des Wiener Frauenfußballs existierten da schon nicht mehr. Einen wichtigen Auftakt bildete der 1. Wiener Damenfußballclub Kolossal, den die damals 23-jährige Edith Klinger 1934 gründete. Auch Frauenvereine, die sich an den berühmten Namen des Wiener Männerfußballs orientierten, gab es: DFC Austria oder DFC Rapid. „Sie waren aber keine Ableger der Männervereine, sondern wurden nur nach denen benannt“, sagt Marschik.
Der Männerfußballverband duldete keinen Frauenfußball. Vereine, die den Frauen „Unterschlupf“ gewährten, wurden bestraft. „Wer unsere reschen Wiener Mädel aber kennt, der musste erwarten, dass sie sich so leicht nicht unterkriegen lassen“, schrieb eine Zeitung. Die DFU selbst verkündete, dass sie „um ihr begründetes Recht kämpfen wird“. Zu diesem Zweck werde ein „Komitee aus Wiener Persönlichkeiten des Wirtschaftslebens“ gegründet, das eigene Plätze errichte. Es waren Persönlichkeiten wie Ella Zirner-Zwieback, die sich da engagierten.
Im März 1938, mit dem „Anschluss“ Österreichs, wurde die DFU zwangsaufgelöst. „Rein legistisch wurde die Auflösung aber erst im November rechtskräftig. Im Frühjahr 1938 wurde zwar keine Meisterschaft mehr ausgetragen, aber die Klubs trugen noch Trainings- und Freundschaftsspiele aus“, erklärt Marschik. „Das heißt, es wurden zu dieser Zeit im NS-Regime legal Frauenfußballmatches ausgetragen.“
Ella Zirner-Zwieback war zu diesem Zeitpunkt mit ihrer Familie in die USA emigriert, nach New York. Dass sie sich dort im Frauenfußball engagierte, ist sehr unwahrscheinlich. Sie starb 1970. Mit dieser Ausstellung in Los Angeles kehrt die Erinnerung an sie zurück nach Amerika.
Manuel Neukirchner vom Fußballmuseum ist optimistisch, dass die Ausstellung ein Erfolg wird. „Leute, die vielleicht nie in ein Holocaustmuseum gehen würden, interessieren sich bei uns für das Thema. Und auch Menschen, die vielleicht nie in ein Fußballmuseum gehen würden, kommen wegen eines solchen Themas zu uns.“ Er verspricht, dass die Ausstellung auch in Deutschland gezeigt werden wird.
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